Fachkräftemangel: Deutsche wollen Rechtsanspruch auf Weiterbildung
Weiterbildung gilt als zentrales Instrument gegen den Fachkräftemangel.
Foto: dpaBerlin. Gut drei Viertel der Deutschen hätten gern einen rechtlichen Anspruch auf Weiterbildung aus einem Katalog von Angeboten, den die Unternehmen vorlegen. Das geht aus dem neuen Ifo-Bildungsbarometer 2022 hervor. Für verpflichtende jährliche Weiterbildungen für Arbeitnehmerinnen in Berufen, die vom Strukturwandel besonders betroffen sind, sprachen sich demnach 63 Prozent der 4000 Befragten aus.
Einen solchen Rechtsanspruch, der nicht Teil der Pläne der Ampelregierung ist, hatte zuletzt der wissenschaftliche Beirat von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gefordert. Angesichts des enormen Bedarfs plädierte der Beirat für eine radikale Neuaufstellung des deutschen Weiterbildungssystems.
Die Idee: Wie bei der dualen Ausbildung soll eine Struktur geschaffen werden, die Staat, Unternehmen und Arbeitnehmer sowie deren Vertretungsorganisationen gemeinsam tragen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte zuvor angekündigt, die Weiterbildung in Deutschland deutlich ausweiten zu wollen.
Weiterbildung gilt häufig als fades Thema – gleichzeitig jedoch als zentrales Instrument gegen den Fachkräftemangel. Denn die Qualifizierung Einheimischer ist weit unkomplizierter und günstiger als das Anwerben ausländischer Fachleute.
Dabei geht es nicht nur um die Bildung zusätzlicher Kräfte, sondern auch um die Umschulung vieler Menschen, deren Beruf dem Strukturwandel zum Opfer fällt. So müssen voraussichtlich viele Beschäftigte im Handel umlernen, weil der Onlinehandel viele ihrer Jobs überflüssig macht. Große Pläne für die Weiterbildung hatte auch die Vorgängerregierung. Daraus wurde allerdings nicht viel.
Bürger sehen den Strukturwandel skeptisch
Aktuell blicken die Bürger mit großer Skepsis auf den Strukturwandel: 54 Prozent meinen, dass es mehr Verlierer als Gewinnerinnen geben wird, ergab das Ifo-Barometer. Sich selbst sehen allerdings lediglich 27 Prozent auf der Verliererseite.
Das wird auch bei der Einschätzung des Bedarfs an beruflicher Weiterbildung deutlich: 62 Prozent denken, dass er generell für alle Arbeitskräfte zunehmen wird, aber nur 48 Prozent erwarten dies für ihren eigenen Berufsstand. Fragt man sie nach ihrem persönlichen Qualifizierungsbedarf, sind sie gespalten: 43 Prozent sehen für sich selbst eine große Notwendigkeit, an einer beruflichen Weiterbildung teilzunehmen, 38 Prozent nicht.
72 Prozent der Befragten halten berufliche Weiterbildungen für eine gute Maßnahme, um mit dem Strukturwandel Schritt zu halten. Allerdings hätten sie gern ein Mitspracherecht: 57 Prozent wünschen sich, dass die Angestellten selbst entscheiden können, welche Weiterbildungen sie absolvieren. Gleichzeitig sind 56 Prozent der Meinung, dass die Kosten für Weiterbildungen vor allem von den Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen getragen werden sollten – selbst dann, wenn vor allem Qualifikationen für neue Berufsfelder erworben werden.
Für die Nachweise von Weiterbildungen wünschen sich 76 Prozent der Befragten, dass mit einheitlichen Zertifikaten und vergleichbaren Abschlussprüfungen gearbeitet wird. Das ist bisher ein zentrales Manko in der deutschen Weiterbildungslandschaft. Zwei Drittel hätten gern zusätzliche Informationskampagnen des Staates zur Weiterbildung. Auch für zahlreiche weitere Reformvorschläge, die die staatliche Förderung von Weiterbildung ausweiten würden, gibt es deutliche Mehrheiten. Außerdem sind Mehrheiten für die Vermittlung digitaler Grundfähigkeiten sowohl an Grund- als auch an weiterführenden Schulen.