Großbritannien: Neuer Streit um Obergrenzen für Banker-Boni in London
Der britische Finanzminister will angeblich Bonusobergrenzen abschaffen.
Foto: ReutersLondon. Der angebliche Plan des neuen britischen Finanzministers Kwasi Kwarteng, den Bonusdeckel für Banker in der Londoner City abzuschaffen, hat den Streit über eine „faire“ und zugleich wirtschaftlich effiziente Entlohnung in der Finanzbranche wieder entfacht. Während insbesondere amerikanische Investmentbanken das Vorhaben inoffiziell begrüßten und dabei von der Bank of England unterstützt wurden, kritisierten Gewerkschaften und die oppositionelle Labour Partei die Pläne als Umverteilung zugunsten der Besserverdienenden.
Kwarteng will nach Berichten britischer Medien die von der EU nach der Finanzkrise 2008 eingeführte Obergrenze für Boni bei Banken wieder aufheben. Nach der seit 2014 geltenden EU-Regel dürfen Boni in bar und Aktien nicht höher als ein zweifaches Jahresgehalt ausfallen. Brüssel will damit exzessive Risiken begrenzen und die Finanzstabilität stärken.
Das britische Finanzministerium wollte die Pläne für eine Abschaffung nicht bestätigen. Der Schatzkanzler wird am kommenden Freitag einen Nothaushalt für den Kampf gegen die Energiekrise vorlegen und könnte dabei auch auf die Bonus-Debatte eingehen. Großbritanniens neue Premierministerin Liz Truss hatte kürzlich die überproportionale Entlastung der Besserverdienenden mit dem Argument verteidigt, dass sie auch mehr Steuern zahlten.
Truss und Kwarteng haben angekündigt, das chronisch schwache Wirtschaftswachstum in Großbritannien anzukurbeln. Die britische Wirtschaft stagnierte im zweiten Quartal des laufenden Jahres. Kwarteng verspricht sich von der Abschaffung der Boni-Regeln aus der Zeit der EU-Mitgliedschaft offenbar einen „Big Bang 2.0“, der die Wettbewerbsfähigkeit des Londoner Finanzplatzes stärken und so neue Wachstumskräfte freisetzen soll.
Die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte 1986 eine ähnliche Deregulierungswelle ausgelöst. Zugleich will der neue Finanzminister mit seinem Plan angeblich Bemühungen der EU durchkreuzen, mehr Banker aus der Londoner City zu europäischen Finanzplätzen in Frankfurt, Paris oder Amsterdam zu locken.
Streit um die Boni für Banker in London.
Foto: dpaEs ist unter Ökonomen umstritten, ob eine Abschaffung des Bonusdeckels den gewünschten Effekt hätte. „Es ist ein ziemlich verwirrendes Signal, wenn die Menschen von den stark steigenden Lebenshaltungskosten erdrückt werden und die Regierung zur Lohnzurückhaltung ermutigt“, sagte der frühere britische Notenbanker Andrew Sentance, „das Timing wäre sehr schlecht.“ Oppositionsführer Keir Starmer warf Kwarteng vor, „Gehaltserhöhungen für Banker und Lohnkürzungen für Krankenschwestern“ zu planen.
Ganz anders die Reaktion in der City. „Es ist ein begrüßenswerter Schritt, der darauf abzielt, die Wettbewerbsfähigkeit der Londoner City gegenüber anderen globalen Zentren wie New York zu verbessern“, sagte Gerard Lyons, Chef-Wirtschaftsstratege des Online-Vermögensverwalters Netwealth dem Finanzinformationsdienst Bloomberg.
Konkurrierende Finanzplätze erwarten eine weitere Deregulierung in London. „In der City sitzt der Frust über die Konsequenzen des Brexit und den Bedeutungsverlust in der Politik tief. Die negativen Auswirkungen sind zudem noch lange nicht ausgestanden. „Eine Aufhebung des Bonusdeckels wäre eine schnell wirkende therapeutische Maßnahme, die den Beginn weiterer Maßnahmen einleiten dürfte“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.
Ungewöhnlich früh hat sich auch die Bank of England in die hitzige politische Debatte eingeschaltet: „Die Bank hat die Bonusobergrenze bei ihrer Einführung nicht unterstützt. Die Regelung für leitende Angestellte und die Vergütungsvorschriften, die einen Aufschub der Bonuszahlungen vorschreiben, sind wirksamere Instrumente um sicherzustellen, dass die Banker die Risiken angemessen berücksichtigen“, teilte ein Sprecher der Notenbank mit.
Auch Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, hatte sich in der Vergangenheit kritisch zum Bonusdeckel geäußert, die neue Regierung jedoch davor gewarnt, mit einer Deregulierungswelle in der City die Finanzstabilität aufs Spiel zu setzen.
Europäische Banken in London in der Zwickmühle
Umstritten ist der Bonusdeckel auch deshalb, weil viele britische Großbanken inzwischen Wege gefunden haben, ihn zu umgehen. So haben zum Beispiel HSBC und Lloyds einfach die fixen Gehaltsbestandteile ihrer Manager angehoben. Auch die US-Bank JP Morgan hat das Gehalt ihres von London aus arbeitenden Präsidenten Daniel Pinto im vergangenen Jahr mit einer Pauschalvergütung von 8,4 Millionen Dollar aufgebessert. Sollte der Bonusdeckel in der Londoner City wegfallen, könnten sich die US-Banken diese Umwege sparen und die Gehaltsstruktur für ihre Banker wieder vereinheitlichen.
Banken aus der EU wie BNP Paribas oder auch die Deutsche Bank könnten durch eine Abschaffung des Bonusdeckels in London in eine Zwickmühle geraten: Sie würden weiterhin der Bonusobergrenze unterliegen und müssten ihren Bankern höhere Fixgehälter zahlen, um sie bei der Stange zu halten.