Kommentar: Noch gefährlicher als Trump selbst ist es, ihn zu unterschätzen
Trump verkündet am Donnerstag, den 16. November, er habe die Absicht, wieder als US-Präsident zu kandidieren
Foto: IMAGO/Kyodo NewsDonald Trump hat sich nicht abschrecken lassen: Der Ex-Präsident kandidiert 2024 erneut für die US-Präsidentschaft. Das per se ist wenig überraschend.
Denn Trump wäre nicht Trump, würde er sich allein durch das schlechte Abschneiden vor allem der von ihm unterstützten republikanischen Kandidaten bei den Zwischenwahlen abschrecken lassen.
Was seine Wahlkampfstrategie sein wird, hat er bei seiner wie immer etwas erratischen Rede durchblicken lassen: gegen das Washingtoner Establishment, gegen die Umweltbewegten, gegen die politisch Korrekten – und natürlich alles für die Vereinigten Staaten. „Sicher, glorios und groß“ wolle er Amerika machen, gern natürlich auf Kosten der anderen.
Polternd, diffamierend. Alles wie gehabt also. Nur, wie stehen seine Chancen dieses Mal?
Trumps Niederlage zu prophezeien wäre voreilig
Ja, die Zwischenwahlen haben gezeigt, dass Trumpismus ohne Trump keine Wahlen gewinnt: Wenn überhaupt wollen die Amerikaner das Original und keine schlechten Kopien, weshalb seine Kandidaten fast durch die Bank weg bei den Midterms scheiterten.
Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, Trump könne weder die Vorwahlen geschweige denn die Präsidentschaftswahlen gewinnen, ist mindestens voreilig. Wenn es ein Überlebensphänomen in den USA gibt, dann ist das Trump. Schon als Unternehmer kam er trotz einer Vielzahl von spektakulären Pleiten immer zurück. Er überstand unzählige Prozesse jedweder Art – ob wegen Betrugs, Steuerhinterziehung oder sexueller Belästigung.
Und als Trump erstmals ankündigte, Präsidentschaftsbewerber zu werden, machten seine Parteikollegen sich zunächst lustig, um sich ihm dann später zu unterwerfen in einer Weise, wie es niemand, der die Geschichte der Grand Old Party kannte, für möglich gehalten hätte.
Trump überstand zwei Amtsenthebungsverfahren, und auch die legendären Checks and Balances der amerikanischen Demokratie scheiterten an Big Donald. Das Amt und die Kontrollmechanismen mäßigten Trump nicht – sie waren für ihn ein Ansporn, über die Grenzen des Denkbaren hinauszugehen.
Vor allem in der Außenpolitik. Die Nato? Obsolet. Ebenso wie die Europäische Union. Russlands Putin, Chinas Xi und Nordkoreas Kim? Allesamt Führungspersönlichkeiten mit Vorbildcharakter. Die regelbasierte Weltordnung? Nichts als ein System zur systematischen Ausbeutung Amerikas.
Floridas Gouverneur Ron DeSantis könnte Donald Trump gefährlich werden
Foto: AP
Das ist die Welt Trumps – und die Gefahr, dass er mit seinen Simplifizierungen und Verfälschungen beim amerikanischen Wähler erneut verfängt, ist zumindest real, trotz des Achtungserfolgs der Demokraten bei den Midterms.
Natürlich könnte Ron DeSantis – der große Gewinner von Florida – Trump gefährlich werden. Der Harvard-Absolvent ist berechenbarer und manierlicher als der Ex-Präsident, aber in seinen Ansichten nicht weniger radikal. Das gilt sowohl für die Flüchtlingspolitik als auch die Außenpolitik.
DeSantis muss sich erst noch beweisen
Ob der Gouverneur wie Trump in der Lage ist, landesweit die Massen zu begeistern und zu mobilisieren, muss er noch beweisen. Dass der talentierte Entertainer Trump mit seinem polemisierenden Stil dazu in der Lage ist, weiß Amerika, wissen die Republikaner.
>> Lesen Sie dazu: Ron DeSantis – Wer ist der Politiker, den Trump fürchtet?
Trump ist verantwortlich für den vielleicht kritischsten Moment der amerikanischen Demokratie seit dem Bürgerkrieg. Der Schock nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 sitzt tief in den USA – auch unter Republikanern.
Vielleicht wird dieser Schock am Ende dann doch den überfälligen Emanzipationsprozess der Grand Old Party von ihrem Enfant terrible auslösen. Wetten sollte man darauf nicht.
Trumps Kandidatur ist vor allem für jene eine gute Nachricht in Peking und Moskau, die auf weitere Zeichen der Schwäche aus der westlichen Führungsmacht hoffen. Und es wäre aus Sicht der Europäer geradezu fahrlässig, sich nicht auf das Szenario einer zweiten Präsidentschaft Trumps vorzubereiten.