Rezension: Cancel Culture und Fake News: Welchen Informationen kann man noch trauen?
Das faktenbasierte und vernunftorientierte System der Wahrheit hat laut den Autoren gehörig Schieflage. Wer seine Meinung sagt, muss mit Einwänden rechnen.
Foto: Getty ImagesVor rund 75 Jahren hat George Orwell das Wahrheitsproblem dieser Tage – schwarz ist nicht mehr schwarz, weiß nicht mehr weiß, grau vielleicht violett – auf den Punkt gebracht. In seinem dystopischen Roman „1984“ ist das „Wahrheitsministerium“ tatsächlich ein Propagandakomplex, und die allmächtige Partei verkündet: „War is peace. Slavery is freedom. Ignorance is strength.“
Die Umdeutung, Umwertung und Kapitalisierung von Begriffen ist inzwischen ein Charakteristikum moderner Mediengesellschaften. In ihnen tragen sowohl digitale Techniken als auch autokratische Politiker mehr zur Verwirrung bei als zur Aufklärung. Gesucht wird: die Wahrheit. Vorgefunden werden: „Fake News“ und „alternative Wahrheiten“, Desinformationsagenten, Trolle und „Cancel Culture“. Statt in der Wissensgesellschaft befinden wir uns zusehends in Informationskriegen fanatisierter Gruppen.
Das ist das Spannungsfeld, in das hinein immer mehr Bücher zum Thema erscheinen. Aktuell fallen zwei Werke von Autoren auf, die aus den USA stammen, dem Wahrheitsproblemland Nummer eins des Westens: „Die Vertreibung der Wahrheit“ des liberalen Journalisten und Politologen Jonathan Rauch, 62, sowie „Der autoritäre Terror“ des rechtskonservativen Juristen Ben Shapiro, 39, der die Nachrichtenseite „The Daily Wire“ ins Leben gerufen hat.