Fusionen und Übernahmen: Bei Verkäufen von Mittelständlern gibt es einen „Boomer-Effekt“
Aktuell werden im M&A-Segment vor allem kleinere Deals abgewickelt.
Foto: IMAGOFrankfurt.. Am Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) zeigt sich aktuell ein geteiltes Bild: Transaktionen im dreistelligen Millionen- oder gar im Milliardenbereich sind nach den Rekordjahren 2020 und 2021 Mangelware, zeigen Daten des Finanzdienstleisters Refinitiv. Dagegen läuft das Geschäft mit geringerem Volumen deutlich besser.
Kai Hesselmann, Mitgründer der Plattform Deal Circle, erkennt eine deutlich höhere Aktivität bei Deals zwischen 20 Millionen und 50 Millionen Euro. Die Plattform dient dazu, Käufer und Verkäufer zusammenzubringen.
Die auf der Plattform vermittelten Transaktionen sind im ersten Halbjahr gegenüber der Vergleichszeit 2022 um 50 Prozent auf 550 Deals gestiegen. Der Unternehmenswert liegt bei durchschnittlich 15 Millionen Euro. Im Gesamtjahr rechnet das Management mit mehr als 1200 Deals.
Ein Grund, warum aktuell vor allem kleinere Deals abgewickelt werden, liegt in der problematischen Finanzierung der Kaufpreise. Fremdkapitalsummen würden tendenziell kleiner, beobachtet Hesselmann. Dadurch sinken die Bewertungen und letztlich die Verkaufspreise.
Ein weiterer Faktor ist die wachsende Zahl an Unternehmensnachfolgen. „Es gibt eine Art Boomer-Effekt im M&A-Markt für kleine und mittelgroße Unternehmen, denn 35 Prozent der Manager, Inhaber oder Geschäftsführer sind heute älter als 60 Jahre“, erläutert Hesselmann.
Laut einer Analyse der Förderbank KfW verschärft die demografische Alterung das Nachfolgeproblem im deutschen Mittelstand gleich in doppelter Hinsicht. Einerseits lasse sie die Zahl an nachfolgebereiten Inhaberinnen und Inhabern immer weiter steigen. Andererseits bremse sie das Gründungsgeschehen in Deutschland. Rund 100.000 mittelständische Unternehmen sollen laut einer Analyse der KfW jährlich an Nachfolgende übergeben oder verkauft werden.
Notverkäufe von Firmen nehmen zu
Das Geschäftsmodell von Deal Circle lässt sich so beschreiben: Ein M&A-Berater hat ein Verkaufsmandat für eine Firma – und Deal Circle stellt ein Käuferuniversum zusammen. Dazu zählen Industrieadressen, Finanzinvestoren oder Family-Offices. Später geht Deal Circle auf Interessenten zu und stellt bei echtem Kaufinteresse auch den Kontakt her. Im Erfolgsfall erhält die Plattform laut Hesselmann ein bis zwei Prozent vom Kaufpreis.
Investmentbanker und Berater führen neben der Nachfolgeregelung noch weitere Gründe an, warum die Verkaufsbereitschaft im Mittelstand zunimmt: Manager beklagen bürokratische Hürden, auch erfordern die Transformation der Energiewende und Digitalisierung einen hohen Kapitaleinsatz.
Außerdem hat die Coronakrise gezeigt, dass auch solide Geschäftsmodelle unter Druck geraten können und privates Vermögen der Eigentümer eingesetzt werden muss. Die gegenwärtige konjunkturelle Eintrübung führt parallel dazu, dass Notverkäufe – sogenannte Distressed Deals – zunehmen, sagt Hesselmann. Das habe sich vor allem im zweiten Quartal gezeigt.