Verbraucherpreise: Inflation in den USA zieht wieder an: Was das für die Notenbank bedeutet
Der Fed-Chef hält sich bislang offen, ob er die Zinsen im Winter noch einmal anheben wird.
Foto: ReutersDenver. Steigende Preise für Benzin und Flugtickets haben dazu geführt, dass die Teuerungsrate in den USA wieder anzieht. Im August lag die US-Inflationsrate bei 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und damit ist sie noch höher, als Analysten erwartet hatten. Im Juli hatte der Wert noch bei 3,2 Prozent gelegen. Die Kerninflation, bei der volatile Preise für Energie und Nahrungsmittel außen vor gelassen werden, fiel von 4,7 auf 4,3 Prozent.
Damit rückt die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) erneut in den Fokus. Ökonomen rechnen damit, dass die Fed bei ihrer Sitzung am 20. September den Leitzins stabil halten wird. Die Währungshüter hatten die Zinssätze auf elf der vergangenen zwölf Sitzungen angehoben. Sie liegen nun in einer Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent – dem höchsten Stand seit 22 Jahren. Die Geldpolitiker legen größeren Wert auf die Kerninflation, da diese einen besseren Hinweis auf die langfristige Entwicklung der Inflation gibt.
Preistreiber waren im vergangenen Monat vor allem steigende Preise für Energie, was sich auch an den Tankstellen bemerkbar machte. Die Benzinpreise sind im August um 10,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen. So ein deutlicher Anstieg „ist bitter, weil alle Verbraucher ihn spüren“, gibt Tom Lee vom Analysehaus Fundstrat zu bedenken.
Die Benzinpreise waren für gut die Hälfte der Preissteigerungen verantwortlich. Auch Flugtickets wurden wieder teurer. Auf Monatssicht stieg die Inflation um 0,6 Prozent und die Kerninflation um 0,3 Prozent. Die Kosten für Wohnraum, ebenfalls ein wichtiges Element bei der Berechnung der Teuerungsrate, stiegen indes nur moderat.
Unsicherheit über die weitere Zinsentwicklung
Fed-Chef Jerome Powell hielt sich bei der großen Notenbankertagung in Jackson Hole Ende August offen, ob er die Zinsen im Winter noch einmal anheben werde. Marktteilnehmer hoffen, dass das Ende der Zinserhöhungen erreicht ist. Sicher sei das indes nicht, wie Kapitalmarktexperte Mohamed El-Erian zu bedenken gibt. Er geht zwar davon aus, dass die Fed die Zinsen kommende Woche konstant halten wird. Doch die Daten vom Mittwoch „führen zu einer gewissen Unsicherheit mit Blick auf die kommende, darauf folgende Sitzung am 1. November“, so El-Erian.
Die Benzinpreise waren für gut die Hälfte der Preissteigerungen in den USA verantwortlich.
Foto: UnsplashEr geht davon aus, dass die Inflation in den USA in den kommenden Monaten weiter steigen könnte, getrieben unter anderem durch erneut steigende Preise für Öl und bei einigen Nahrungsmitteln. Daher könne es sein, dass die Inflationsrate „bei drei bis vier Prozent stecken bleibt und damit dauerhaft über dem Inflationsziel der Fed von zwei Prozent liegt“.
Heikle Entscheidung
Dann stünde die Fed vor einer besonders heiklen Entscheidung: „Entweder sie toleriert eine höhere Inflation oder sie verfolgt das Ziel von zwei Prozent mit weiteren Zinserhöhungen – und erhöht damit das Risiko einer Rezession und neuer Turbulenzen an den Finanzmärkten“, so El-Erian.
Auch viele Währungshüter stießen zuletzt vorsichtigere Töne an. Lange Zeit waren sie sich einig, dass sie die Zinsen im Kampf gegen die hohe Inflation lieber zu stark als zu wenig anheben wollten.
Doch nun, da die Teuerungsrate von 9,1 Prozent im vergangenen Juni deutlich gesunken ist, ändern sie ihre Haltung. „In dem heutigen komplexen wirtschaftlichen Umfeld wird die Rückkehr der Inflation auf zwei Prozent einen sorgfältig kalibrierten Ansatz erfordern, nicht endlose Eimer kalten Wassers“, sagte etwa Lorie Logan, die Chefin der regionalen Fed in Dallas.
Die US-Wirtschaft sendete zuletzt gemischte Signale. Das Wachstum könnte sich im dritten Quartal, das noch bis Ende September läuft, beschleunigt haben. Stephen Stanley, Chefökonom bei Santander Capital Markets, rechnet mit einem aufs Jahr hochgerechneten Wachstum von 3,7 Prozent. Das liegt deutlich über den Prognosen der Fed, die diese nun anheben könnte.
Gleichzeitig hat sich der Arbeitsmarkt abgeschwächt – eine Entwicklung, die sich in den kommenden Monaten weiter beschleunigen könnte, glaubt der Chefökonom des Finanzinvestors Apollo, Torsten Slok. „Es gibt weniger offene Stellen, die Wochenarbeitszeit ist kürzer, und die Kündigungsrate ist niedriger“, so Slok.
Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung
Auch müssen Arbeitnehmer, die den Job wechseln, mit weniger Lohnsteigerungen rechnen als noch vor wenigen Monaten. Zinserhöhungen brauchen in der Regel zwölf bis 18 Monate, um ihre volle Wirkung in der Realwirtschaft zu entfalten. Slok geht davon aus, dass die Fed die Zinsen noch bis in die zweite Hälfte des kommenden Jahres hoch halten wird. Daher „werden sich die Wirtschaftsdaten weiter abschwächen, da die Zinserhöhungen der Fed die Verbraucher und Unternehmen immer stärker belasten“.
Die Verbraucher, der wichtigste Motor der Wirtschaft, leiden zunehmend unter den hohen Preisen. Die Ausfallraten bei Kreditkarten und Autokrediten steigen. Gleichzeitig wird der Zugang zu Krediten immer schwieriger und das Einkommen wächst langsamer, wie aus einer am Montag veröffentlichten Verbraucherumfrage der Fed in New York hervorgeht.
Angesichts des unsicheren Ausblicks warnte Jamie Dimon, CEO von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, am Dienstag: Es wäre „ein großer Fehler“, darauf zu vertrauen, dass der Verbraucher das Wirtschaftswachstum bis weit in die Zukunft hinein antreiben werde.
Die Anleger schüttelten die Inflationsdaten indes schnell ab. Zum Handelsstart in New York lag der Leitindex Dow Jones 0,3 Prozent im Plus. Der breit gefasste S&P-500-Index legte 0,1 Prozent zu, und der technologielastige Nasdaq stieg um 0,3 Prozent.