Autos: Logistikprobleme: Insider sehen Volkswagens US-Jahresziele wackeln
Neues Problem für VW-Chef Oliver Blume: Die Ziele für die US-Strategie geraten in Gefahr.
Foto: BloombergDüsseldorf, New York. Deutschlands größter Autohersteller Volkswagen kämpft auf dem US-Markt mit Problemen beim Absatz. Wie vier Insider dem Handelsblatt übereinstimmend berichteten, bereitet dem Konzern derzeit vor allem die Logistik Sorgen. Demnach fehlen Eisenbahnwaggons für den Abtransport produzierter VW-Fahrzeuge am mexikanischen Werk in Puebla. Die fertigen Autos stauen sich und können nicht an die Händler ausgeliefert werden.
Volkswagen arbeitet zwar daran, das Problem zu beheben. Dennoch befürchten Unternehmensinsider, dass VW seine Jahresziele in der Region nicht erfüllen kann. „Unsere Ziele für 2023 wackeln“, heißt es. Fehlende Verkäufe im Sommer gefährdeten die Absatzziele. Die höheren Transportkosten auf Alternativrouten belasteten zudem die Profitabilität.
Im Juli hatte Konzernchef Oliver Blume die Konzernabsatzziele gekappt. Statt 9,5 Millionen Fahrzeugen rechnen die Wolfsburger nun mit neun bis 9,5 Millionen verkauften Autos, Lkw und Motorrädern. In diesem Zuge waren auch die ambitionierten Absatzziele für Nordamerika gesenkt worden. Insidern zufolge ist aber auch das Erreichen dieser revidierten Ziele alles andere als sicher.
„Wir bleiben auf Kurs, unsere Absatzziele in der Region zu erreichen“, erklärte ein Konzernsprecher auf Anfrage. Bei VW in Nordamerika verweist man außerdem darauf, dass die Situation inzwischen eine bessere sei und sich der Rückstau löse. VW arbeite „unablässig“ daran, „die Versorgung zu verbessern und die Kapazitäten in der Region zu erhöhen“, erklärte Andrew Savvas, Verkaufsleiter in der Region. Allein in den vergangenen zwei Monaten habe man die Auslieferungen in der Region gegenüber dem ersten Halbjahr um 43 Prozent gesteigert. „Wir werden weiterhin alles daransetzen, unsere Händler und Kunden mit neuen Fahrzeugen zu versorgen“, so Savvas.
Die Probleme in Nordamerika wiegen umso schwerer, als schon die Nachfrage in Europa und China schwächelt. Zudem ist Nordamerika für Volkswagen ein wichtiger Wachstumsmarkt. Eigentlich will der Konzern die Region stärken, um sich unabhängiger von China zu machen.
In Puebla produziert Volkswagen unter anderem die Verbrennermodelle Jetta und Tiguan, die in den USA als Bestseller gelten. Üblicherweise werden sie zu einer Hälfte mit der Eisenbahn, zur anderen Hälfte auf spezialisierten Autoschiffen nach Nordamerika transportiert.
Insider: Im Sommer stauten sich bis zu 30.000 Fahrzeuge bei VW in Mexiko
In Mexiko kann VW bis zu 10.000 Fahrzeuge pro Woche produzieren. Im vergangenen Jahr wurden 80 Prozent der Jahresproduktion von mehr als 300.000 Autos in die USA und Kanada exportiert, die restlichen 20 Prozent gingen vor allem in den mexikanischen Markt und nach Südamerika.
Wie Insider berichten, stauten sich im Sommer rund 30.000 Fahrzeuge rund um das Werk in Puebla, was die Produktion beeinträchtigte. Obwohl der Rückstau abnimmt, soll er zuletzt immer noch knapp 10.000 Fahrzeuge betragen haben. Dass die Zahl der nicht transportierten Autos geringer wird, liegt laut den Insidern vor allem an den Bemühungen der VW-Logistik, alternative Transportwege zu finden.
Volkswagen hat sich für Nordamerika ehrgeizige Ziele gesetzt. Zehn Prozent Marktanteil bis Ende des Jahrzehnts lautet die Vorgabe von Regionalchef Pablo Di Si, die er noch im vergangenen Dezember im Handelsblatt bekräftigte. Im ersten Halbjahr kam der Konzern laut dem Datendienstleister Marklines auf einen Wert von 4,1 Prozent und verbuchte damit gegenüber dem Vorjahr nur ein leichtes Plus.
Allerdings schrumpfte die Kernmarke VW in dem an sich wachsenden Markt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht – von 2,1 auf 2,0 Prozent Marktanteil. Vor allem die Verkäufe von Verbrennern waren bei der VW-Kernmarke im ersten Halbjahr rückläufig. Audi konnte hingegen um rund 30 Prozent zulegen.
In Wolfsburg ist man daher inzwischen etwas zurückhaltender geworden, was die US-Ziele angeht. So hatte Finanzvorstand Arno Antlitz, der auch für Amerika zuständig ist, jüngst vor Journalisten von einer Verdopplung des Marktanteils gesprochen. Das wäre immer noch signifikant mehr, als der Konzern jemals in den USA verkauft hat, aber eben weniger als die Zielvorgabe von zehn Prozent.
Fehlende Eisenbahnwaggons unterbrechen die Lieferkette von VW in Nordamerika
Die Nachrichten über die kurzfristigen Lieferengpässe kommen für VW daher zu einem empfindlichen Zeitpunkt. In Europa stottert die Nachfrage nach den strategisch wichtigen E-Fahrzeugen, in China – dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt der Wolfsburger – lagen die Verkaufszahlen im Juni, Juli und August unter Vorjahr.
In den USA tut sich VW bislang schwer, mehr Marktanteile zu erobern.
Foto: ImagoDie Logistikprobleme in Amerika liegen zuvorderst an fehlenden Eisenbahnwagen - ein Problem, das auch andere Hersteller umtreibt. Die doppelstöckigen Waggons sind in der Region standardisiert und werden von allen Autoherstellern zum Transport genutzt. „Während des Einbruchs in der Coronapandemie wurden Tausende Wagen und Lokomotiven eingelagert. Sie nun wieder einzusetzen dauert, da sie von den Aufsichtsbehörden neu freigegeben werden müssen“, sagt ein Insider.
Aktuell stauen sich viele Wagen im Nordosten der USA. Sie nach Puebla im Süden Mexikos zu transportieren ist teuer und zeitaufwendig. „Wir sind auch ein Opfer der Geografie“, so ein anderer Insider: Kein anderes großes Autowerk befinde sich so weit im Süden wie jenes in Puebla. Auch seien die Zusagen der Eisenbahngesellschaften nicht eingehalten worden, heißt es weiter. Die Bahngesellschaften in den USA und Mexiko sollen zurzeit stark ausgelastet sein, zudem fehlt es seit der Pandemie an Lokführern.
Bei einigen VW-Händlern in den USA wächst deshalb schon der Ärger. „Amerikaner wollen direkt mit dem Auto vom Hof fahren. Wir können sie nicht mit Vorbestellungen vertrösten“, sagt ein Manager. Fehlten nachgefragte Autos, zögen die US-Kunden wieder ab – und kauften im Zweifel bei der Konkurrenz.
Logistikprobleme bei VW in Amerika: Schiffscharter und Container als Notlösung
Die Logistiker von VW sind deshalb kreativ geworden und transportieren die Autos entweder im sogenannten Roll-on-roll-off-Verfahren per Schiff oder – in Zusammenarbeit mit den Reedereien MSC und Maersk – in 40-Fuß-Seecontainern mit je zwei Autos pro Behälter, ein Verfahren, das sonst etwa bei Oldtimern eingesetzt wird. Zudem haben sie im mexikanischen Tuxpan einen neuen, dritten Hafen in Betrieb genommen. Allerdings gelten die Transportalternativen als teuer und dürften den Gewinn in Nordamerika belasten.
Ein weiteres Problem: Auch wenn die Autos nun peu à peu in Amerika ankommen, die fehlenden Verkäufe aus dem Sommer ersetzen können sie nicht. „Die Produktion in Puebla sollte im späten Frühjahr eigentlich stark hochgefahren werden“, erklärt ein Insider. Die Monate Mai bis September seien eigentlich die Hauptverkaufszeit für Neuwagen. Genau da stockte der Abtransport. „Wir haben Autos überall geparkt, wo wir nur konnten.“
Eine genaue Zahl, wie viele Fahrzeuge aufgrund der Logistikprobleme nicht abgesetzt werden konnten, gibt es nicht – sie wäre auch immer nur eine Schätzung, heißt es in US-Unternehmenskreisen. Beim Blick auf den Absatz der anderen Autohersteller lassen sich jedoch Rückschlüsse ziehen.
„Wirklich schlechte Wochen“ in einer absatzstarken Zeit
So bezeichnet der US-Branchendienst Globaldata mit Verweis auf publizierte Verkaufszahlen den August 2023 als außergewöhnlich guten Monat für die meisten Autohersteller. Insgesamt zog die Nachfrage in der gesamten Industrie demnach im Vorjahresvergleich um satte 17 Prozent an.
Umso bitterer sei es für VW gewesen, dass die Logistikprobleme in Puebla ausgerechnet im Juli und August ihren Höhepunkt erreichten, wie ein Insider erklärt: „Es waren wirklich schlechte Wochen.“ Bei Volkswagen Nordamerika rechnet man für das dritte Quartal zwar auch mit einem Absatzplus im einstelligen Prozentbereich. Die Wachstumszahlen vieler Konkurrenten dürften auf dem US-Markt jedoch besser aussehen.
Im mexikanischen Werk in Puebla hakte es zuletzt – mit massiven Folgen.
Foto: ImagoRichtig ist aber auch: Volkswagen steht mit der Thematik nicht allein da. Auch andere Hersteller hatten zuletzt wegen fehlender Eisenbahnwaggons zu kämpfen. So beklagte Honda beispielsweise „Logistik- und Lieferkettenprobleme“. Auch Hyundai, Ford und GM spürten laut eigener Darstellung negative Auswirkungen.
Manche Hersteller scheinen mit dem Problem besser umgehen zu können als andere. Bei Honda beispielsweise stiegen die Verkäufe im August gar um 56 Prozent. Und auch bei Mercedes-Benz sieht man das eigene Werk in Tuscaloosa auf Anfrage nicht betroffen. Es liegt in Alabama – und damit fast 2500 Kilometer weiter nördlich als das VW-Werk in Puebla.
Im Nachbarstaat Tennessee, in Chattanooga, steht das US-Stammwerk von VW. Es ist von den Logistikproblemen weniger betroffen und produziert den Bestseller Atlas, auf dem nun die größten Absatz- und Profitabilitätshoffnungen liegen. Das SUV wurde im Sommer runderneuert und kommt bei US-Käufern gut an.