Medizintechnik: Siemens Healthineers vermeidet klares, langfristiges Bekenntnis zu Diagnostiksparte
In der Bildgebung ist Siemens Healthineers Weltmarktführer.
Foto: dpaMünchen. Schon vor mehr als zehn Jahren hat Siemens mit Milliardeninvestitionen seine Diagnostiksparte zusammengekauft. Rund läuft sie noch immer nicht, auch nicht als Teil des inzwischen ausgegliederten Medizintechnikunternehmens Healthineers. Das Dax-Unternehmen investiert weiter in die Sparte, doch kommen immer wieder Spekulationen über einen Verkauf des Geschäfts auf.
Ein klares, langfristiges Bekenntnis zur Sparte gab es bei Vorlage der Geschäftsbilanz am Mittwoch nicht. „Die Investitionen in die Transformation werden sich auszahlen“, beteuerte CEO Bernd Montag. Die Sparte mache gute Fortschritte.
Montag sprach von „zwei Kernen“ - also den Aktivitäten rund um Bildgebung und Strahlentherapie auf der einen Seite und der Diagnostik auf der anderen. Ob man aber auch auf längere Sicht seine zwei Kerngeschäfte behalten wolle, ließ er auf Nachfrage offen. „Wir spekulieren nicht darüber, über welche Sachen wir in drei Jahren nachdenken.“
Erst vergangene Woche waren wieder Berichte aufgekommen, Healthineers könnte mittelfristig eine Trennung von dem Diagnostik-Geschäft in Betracht ziehen. Das jüngste Projekt, die Einführung der ersten selbst entwickelten Diagnoseplattform Atellica, gestaltete sich anfangs holprig. Und am Ende des Geschäftsjahres steht für die Sparte ein operativer Verlust von 117 Millionen Euro.
Siemens Healthineers ist im Geschäft mit Laborstraßen für Bluttests weltweit die Nummer zwei hinter der schweizerischen Roche. Aber Montag selbst betont immer wieder, dass die Diagnostik keine Synergien mit den übrigen Geschäften wie MRT-Geräten und der Strahlentherapie habe. Auch die Kunden sind andere, nämlich Laborbetreiber statt Kliniken.
Investmentbanken sind bislang nicht im Spiel
Montag sagte nun, man wolle dem Geschäft die Freiheitsgrade geben, die es benötige, um sein Potenzial zu entfalten: „Wir sehen sehr schön, wie sich die Profitabilität verbessert.“
Siemens Healthineers will also in jedem Fall das Geschäft erst einmal selbst weiter auf Vordermann bringen. In Finanzkreisen hieß es auch, Healthineers hätte keine Investmentbank beauftragt, Optionen zu prüfen. Die große Einheit sei theoretisch auch gar nicht so einfach zu verkaufen.
Mit Diagnose-Plattformen ist es ein wenig wie mit Rasierern, bei denen Hersteller das Geld nicht mit dem Verkauf der Geräte, sondern mit den Klingen verdienen. Wichtig ist, viele Plattformen bei Kunden zu platzieren. Danach ist vor allem das Geschäft mit den Ingredienzien, also den Zutaten, die man im Laborbetrieb braucht, wichtig. Nach dem Wildwuchs mit den zugekauften Plattformen stellt Siemens Healthineers bei Kunden nun schrittweise auf Atellica um, was innerhalb des Segments Synergien bringt.
So soll es im laufenden Geschäftsjahr weitergehen
Im Geschäftsjahr 2022/23 (30. September) brachen die Umsätze in der Healthineers-Diagnostiksparte wegen des Rückgangs bei Coronatests um ein Viertel auf 4,5 Milliarden Euro ein. CEO Montag betonte, in der Pandemie habe das Diagnostikgeschäft „enorm geholfen“. Mit der Entwicklung von Atellica sei er sehr zufrieden. Die neue Plattform wachse mit zweistelligen Zuwachsraten und erreiche inzwischen einen Milliardenumsatz. Am operativen Verlust der Sparte änderte das nichts.
Im Konzern insgesamt legten die Erlöse 2022/23 leicht auf 21,7 Milliarden Euro zu. Im laufenden Geschäftsjahr sollen die Erlöse währungsbereinigt um 4,5 bis 6,5 Prozent steigen. Neben der Bildgebung, in der Siemens Healthineers die ohnehin schon starken Marktanteile immer weiter ausbaut, macht dem Konzern derzeit vor allem die Tochter Varian Freude. Der Strahlentherapiespezialist konnte die Umsätze um vergleichbar 15 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro steigern. Im vierten Quartal betrug das Wachstum sogar fast 30 Prozent. Healthineers hatte Varian in der teuersten Übernahme der Siemens-Geschichte für 16 Milliarden Dollar übernommen.
Das operative Ergebnis von Siemens Healthineers sank im abgelaufenen Geschäftsjahr um 16 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Das lag auch am Coronaeffekt. Der Gewinn nach Steuern ging um ein Viertel auf 1,5 Milliarden Euro zurück. Die Anleger sollen trotzdem eine stabile Dividende von 95 Cent je Aktie erhalten.