Auktions-Nachbericht: Kenner überbieten sich im Kampf um gotische Kunst
München. Für ein Kunstwerk in einem Versteigerungskatalog ist es ein schlechtes Omen, auf der Kulturgutliste eines deutschen Bundeslandes zu stehen. Das bremst internationale Bieter aus und gilt deshalb als preisreduzierend. So dachte auch Katrin Stoll, geschäftsführende Gesellschafterin von Neumeister, noch wenige Tage vor ihrer Sommerauktion mit Kunst und Antiquitäten aus sieben Jahrhunderten.
Vorsichtig hatten ihre Experten einen Sakristeischrank von 1457 aus der Gegend um Lindau am Bodensee auf 20.000 Euro taxiert. Während der Versteigerung Ende Juni aber rangen mehrere deutsche Bieter engagiert um diese hohe Anrichte mit fein geschmiedeten Eisenbeschlägen.
Es ist ein Möbel mit Ausstrahlung und hoher Authentizität. Mit manieriert geschnitztem Weinstock und Löwenzahn auf der Vorderfront und den sakralen Architekturversatzstücken wie Eselsrücken und Fischblase auf den Seiten reizte es einen privaten Sammler im Saal bis zu 101.400 Euro. Alle Preise verstehen sich inklusive Käuferaufgeld. Das Möbel stammte wie weitere 20 Objekte aus der legendären Sammlung des Kunstkenners Adolf Figdor (1843 bis 1927).
Wie alte Fotografien zeigen, glich die Wohnung des Wiener Privatiers einem dicht bestückten Museum. Vor allem Kunstwerken der Gotik und der Renaissance galt sein Interesse. Als 1930 fast alles unter den Hammer kam, deckten sich viele Museen mit den bedeutendsten Werken ein, mit ottonischer Elfenbeinschnitzerei oder Gemälden von Hieronymus Bosch.
Die bei Neumeister angebotenen Stücke waren Objekte für Kenner, die nicht nur dem aktuellen Kunstkammer-Mainstream der Alten Kunst folgen. Erst bei 13.000 Euro übernahm ein Saalbieter eine handfest wirkende Messingschnabelkanne aus dem 14. Jahrhundert. Die untere Taxe lag bei nur 800 Euro.
Ein belgischer Kurator erweiterte seine Privatsammlung mit einer Utrechter Skulptur von 1480/90. Die mit realistischen Zitaten aus der Entstehungszeit wie einem gotischen Stuhl und einem Nähkorb aktualisierte „Madonna mit Jesuskind“ erforderte mehr als das Dreifache der Taxe. Sie kostete letztlich 28.600 Euro.
Englischer und ungarischer Handel übernahmen zwei frühe Truhen. Der kleine Frührenaissance-Kasten aus dem Veneto, im 15. Jahrhundert entstanden und mit einer flach geschnitzten Verkündigungsszene auf der Front verziert, brachte 16.700 Euro. Eine sogenannte „Cassone“ von circa 1500 mit spätgotischem Maßwerk und Rosetten in den Feldern und einigen späteren Ergänzungen erforderte 8450 Euro.
Die Gemälde waren vor allem von kunsthistorischem Gewicht und weniger von Gefälligkeit und Schaureizen geprägt. Die Preise überschritten die Taxen um ein Vielfaches und sind dennoch bodenständig. Mit Sinn für erzählerische Gestik und einem breiten Spektrum an Gewändern und Kopfbedeckungen hat Jan Polack in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die „Heilige Sippe“ für den Sockel eines Altars gemalt. Bei 25.000 Euro aufgerufen, übernahm eine Saalbieterin die Tafel des bedeutenden Münchener Malers der Spätgotik für 84.500 Euro.
Der Londoner Handel sicherte sich eine im frühen 16. Jahrhundert gefertigte historische Szene, in der die Übergabe einer Stadt an Kaiser Maximilian I. und sein Heer dargestellt ist, für 54.600 Euro. Das in direkter Nahsicht und mit realistischem Ausdruck gemalte Bildnis eines Herrn mit Barett von Bernhard Strigel, dem Porträtisten der Familie Maximilian I., wechselte für 11.700 Euro den Besitzer.
„Die Auktion hat gezeigt, dass unsere weltweite Kundschaft Kunstwerke von kulturellem und kunsthistorischem Wert schätzt. Das ist dem Hause Neumeister besonders wichtig“, sagte Katrin Stoll dem Handelsblatt. „Unsere Kunden sind bereit, in deren Fortbestand zu investieren.“
Ein Höhepunkt aus dem regulären Angebot wurde ein Silberteller aus dem Tafelservice von Kurfürst Maximilian I. von Bayern. Er wurde für 11.700 Euro von einer öffentlichen Sammlung übernommen. Einen Sammler von historischen Waffen animierte ein reich verziertes Paar „Radschlosspuffer“ von 1685 mit der Bezeichnung „BieLcke“ zum Einsatz von 20.800 Euro. Manchmal gehen Kunstfertigkeit und Wehrhaftigkeit eben Hand in Hand.
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