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Ausstellung in Berlin Das neue Sehen in der Kunst der Spätgotik

Eine erhellende Sommerausstellung erläutert die Spätgotik als einen dem Menschen zugewandten Aufbruch in die Neuzeit, nicht als Ende des Mittelalters.
15.07.2021 - 12:20 Uhr Kommentieren
Blick in die Ausstellung der Berliner Gemäldegalerie Quelle: Staatliche Museen zu Berlin; Foto: David von Becker
Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit

Blick in die Ausstellung der Berliner Gemäldegalerie

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin; Foto: David von Becker)

Berlin Die Kunst des Spätmittelalters, die Periode von 1430 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, wird von Kulturhistorikern kontrovers beurteilt. Tatsächlich ist es eine Epoche der Kontraste, in der die Macht des Feudalismus und der Kirche noch nicht gebrochen ist, aber die städtische Geldwirtschaft, die Selbstständigkeit der Zünfte und das kulturelle Selbstbewusstsein des Bürgers ein neues Zeitalter einleiten.

Von einer Epoche des Niedergangs, wie sie Johan Huizinga 1923 in seinem Standardwerk „Herbst des Mittelalters“ beschreibt, kann nicht die Rede sein. Eher von einem „Aufbruch in die Neuzeit“, den der Titel einer erhellenden Sommerausstellung über die Spätgotik in der Berliner Gemäldegalerie beschwört.

Es handelt sich um eine Kunst des Übergangs. Zentralthemen wie Liebe, Glaube, Marter, Tod und Angst sind zwar allgegenwärtig; aber das um 1400 wirksame Streben nach Schönheit wandelt sich stark zugunsten einer naturalistischen Darstellung.

So zeigt sich in den Madonnen des „Schönen“ oder „Weichen“ Stils Lust am Individuellen, auch Bizarren und Trivialen. Der Stil wandelt sich, ist mehr und mehr einem weltlichen Blick verpflichtet. Nicht das große Einheitliche einer allumfassenden Form, sondern das Additive, die Aneinanderreihung, beherrscht die durch Gattungen wandernden Bildprogramme.

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    Zum Logo der Ausstellung wurde die in Kalksandstein gehauene Büste eines Sinnenden von Niclaus Gerhaert von Leyden, eine um 1463 entstandene Leihgabe aus Straßburg, die in ihrer virtuosen Drehung und sinnlichen Präsenz das neue Sehen der Epoche personifiziert.

    Das psychologisch fein gezeichnete „Männliche Bildnis“ entstand um 1470 bis 1480 (Ausschnitt aus einem Hochformat). Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett; Galerie Arnoldi-Livie, München
    Meister des Mornauer Bildnisses

    Das psychologisch fein gezeichnete „Männliche Bildnis“ entstand um 1470 bis 1480 (Ausschnitt aus einem Hochformat).

    (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett; Galerie Arnoldi-Livie, München)

    Die Skulpturen dieses niederländischen Bildhauers suchen Lebensnähe, verkörpern Charaktere und beherrschen dynamisch den Raum. Die „Dangolsheimer Madonna“ aus Berliner Eigenbesitz der ist mit ihrer kühnen Draperie ein Musterbeispiel für ein zappeliges Jesuskind, das vorgibt, mit dem Schleier Verstecken zu spielen.

    Diese Skulpturen sind Höhepunkt einer Epoche, die mit dem jungen Albrecht Dürer in die Neuzeit führt. Auch wenn dessen Andachtsbild „Christus als Schmerzensmann“ mit seinem dekorativen Goldgrund noch ein letzter Reflex auf das hochmittelalterliche Tafelbild ist, hat die Christusfigur Züge einer starken Identifikation des Künstlers mit dem Schmerzensmann.

    Mit dieser personifizierten Empathie distanziert sich der Maler vom Kanon starrer frontaler Darstellungen, wie sie noch in dem 1457 datierten „Schmerzensmann“ des „Meisters des Sterzinger Altars“ erscheint, einer Leihgabe des Bayerischen Nationalmuseums.

    Textilien, Haut und Haar sind differenziert. Entstanden ist die halbfigurige Skulptur in Straßburg vor 1467. Quelle: Musées de Strasbourg, M. Bertola
    Niclasu Gerhaert von Leyden „Büste eines Mannes“

    Textilien, Haut und Haar sind differenziert. Entstanden ist die halbfigurige Skulptur in Straßburg vor 1467.

    (Foto: Musées de Strasbourg, M. Bertola)

    Zu den frühen, durch die Darstellung von Grausamkeit und Gewalt geprägten Werken der Ausstellung zählen zwei um 1435 entstandene Altarflügel des in Köln tätigen Malers Stefan Lochner mit den Martyrien der Apostel aus dem Besitz des Frankfurter Städel. Hier ist es die wie in filmischen Stills eingefrorene Intensität der Tötungsszenen, die sich vor Goldgrund in kompositorischer Harmonie aneinanderreihen. Letztere ist für den „Meister der Karlsruher Passion“ kein Gesetz mehr.

    Auf Lochners 15 Jahre später entstandenen Tafelbildern verdichtet sich das biblische Geschehen in überfüllten, von Personen überbordenden Szenen, in denen jede Physiognomie von der Leidensmiene bis zur Grimasse individuell ausgearbeitet ist. Der Horror vacui, die Angst vor der Leere des Bildes, lässt wenig Raum für Empathie.

    Eine starke Position hat die Druckgrafik in der Ausstellung. Im Wechselspiel der Künste spielt sie eine Vorreiterrolle. Die Erfindung des europäischen Bilddrucks auf Papier um 1400 hatte vor allem in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen starken intermedialen Effekt. Bildmotive des um 1445 in Colmar geborenen Malers und Kupferstechers Martin Schongauer verbreiten sich in ganz Europa. Das Vorbild seines Kupferstichs „Die Große Kreuztragung“ lässt sich an Holzbildern oberrheinischer Meister, an Stichen und sogar an Skulpturen nachweisen.

    Eine ähnlich breite Wirkung hatten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Albrecht Dürers Passionsfolgen. Die Motivfülle der Ungeheuer in Schongauers Kupferstich „Die Versuchung des hl. Antonius“ ist vorgeprägt in der früheren Buchstaben-Folge des oberrheinischen „Meisters E.S.“. Hier erscheinen lüsterne Mönche als Sittenbild einer verderbten Welt.

    Formenreichtum ist das Merkmal von Kunst und Kunsthandwerk im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Starke figurative und ornamentale Elemente prägen zwei Gefäße des Lüneburger Ratssilbers. Ausgestellt sind sie als repräsentative Auftragsarbeiten für eine reiche Bürgergesellschaft.

    Auch die silberne Chormantelschließe aus dem Mindener Domschatz zeigt dieses Wuchern in einer über den Rahmen hinausstrebenden spätgotischen Architektur. Es ist eine Apotheose der Form, die im Schnitzaltar in raumgreifender Aufwärtsbewegung kulminiert.

    Die Ausstellung feiert die Heterogenität einer Epoche, die einen wachsenden Sinn für das Individuelle entwickelt, die Auflösung autoritärer Formen sucht, dabei manchmal auch ein Zuviel anstrebt, aber – und das ist das eigentliche Novum – alle Stufen des Seins für darstellungswürdig erachtet.

    Auf das Jenseits ausgerichtet, aber stärker der Wirklichkeit verbunden, schafft sie dem visuell geprägten, im Glauben verankerten mittelalterlichen Denken ein Bildprogramm, in dem die Einheit und Schönheit der Form gesprengt wird und das Menschliche mehr Raum gewinnt.

    Die Ausstellung läuft bis zum 5. September. Der Katalog im Verlag Hatje Cantz kostet in der Ausstellung 35 Euro.

    Mehr: Expressivität um 1500: Entfesselungskünste in der Dürerzeit

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