Erbfall Erinna König: Wie eine Künstlerin an Sichtbarkeit gewinnt
Wuppertal. Als die Düsseldorfer Künstlerin Erinna König im Herbst 2021 im Alter von 74 Jahren starb, konnte sie die letzten Weichen zur Sicherung ihres Oeuvres nicht mehr persönlich stellen. Ihre Schwestern Barbara König und Marlen Schulze übernahmen. Nun haben die beiden innerhalb von nur zwei Jahren nicht nur einen substanziellen Teil des Werks gesichtet.
Sie machten auch die schon zu Lebzeiten ins Auge gefasste Retrospektive im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal möglich und leiteten erste Schritte ein, Konvolute und Einzelarbeiten in Museen zu platzieren. Einen Großteil des schriftlichen Nachlasses gaben sie dem Rheinischen Archiv für Künstlernachlässe (RAK) in Bonn.
Erinna König hat mit gefundenen Gegenständen Bilder und Objekte geschaffen, die in der Anmutung zwischen Vertrautem und Geheimnisvollem schwanken, die nicht eindeutig lesbar Raum für Imaginationen und Gedanken lassen. Einem größeren Publikum wurde die Künstlerin erst 2010 anlässlich der großen Übersichtsausstellung „Der Westen leuchtet“ im Kunstmuseum Bonn ein Begriff. 2020 folgte die fulminante Werkschau in der Thomas-Schütte-Stiftung in Neuss-Hombroich. Ihre erste Einzelschau in einem Museum – mit 72 Jahren!
Gern hätte die Künstlerin ihren Nachlass Wuppertal überlassen. Doch das Von-der-Heydt-Museum entschied, nur ausgewählte Werke zu übernehmen. Diesen Schritt begründet Anika Bruns, Kuratorin der Ausstellung, auf Nachfrage mit mangelndem Personal und Platzproblemen.
Für beide Seiten dürfte die Entscheidung vorteilhafter sein, als es spontan den Anschein hat. Das Museum entgeht schwer zu schulternden Verpflichtungen, der Nachlass verschmort nicht dauerhaft im Depot, und die Künstlerin gewinnt Sichtbarkeit. Denn einem Haus, das im Einklang mit seinem Sammlungsauftrag eine Arbeit erwirbt, fällt es mutmaßlich leichter, sie im ausgewählten Kontext auch zu zeigen.
Ein Beispiel liefert das städtische Museum „Kunstpalast“ in Düsseldorf. Seit Längerem sind hier zwei Arbeiten von König beheimatet, darunter das Objekt „Wahlurne“ (1990), das zurzeit einen prominenten Platz in der neu gehängten Sammlung hat. Nun erhielt das Museum „nach dem Willen“ der Künstlerin die fotobasierte Installation „Diazentrale-Ost“, berichtet Barbara König. Und in absehbarer Zeit wird sie auch Thema einer kleinen Einzelschau im Rahmen der Ausstellungsserie „spot-on“ sein.
„Diazentrale-Ost“, ein konzeptuelles Werk über eine nur fotografisch existierende fiktive Firma, entstand 1979/1980 in Zusammenarbeit mit Iris Teriet und der Filmemacherin Bärbel Freund. Mit ihr bestritt die Künstlerin nicht nur ihre erste Einzelausstellung – damals gezeigt von der Düsseldorfer Galerie Denise René Hans Mayer. Sie markiert auch das Ende einer mehr als ein Jahrzehnt umspannenden Phase, in der König neben Künstlerinnen wie Chris Reinecke und Jörg Immendorff mit kritischen Aktionen, ab 1974 dann mit Filmen und Fotografie in die Öffentlichkeit trat.
Diese frühe, von der Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf und den aufgeheizten gesellschaftspolitischen Diskursen inspirierte Schaffensphase ist in Wuppertal kein Thema, wenn man einmal von einer Vitrine mit ausgewählten Objekten und Aktionsrelikten absieht. Damit geht die Ausstellung, die im Katalogvorwort als Retrospektive deklariert wird, nicht über die schöne Werkschau hinaus, die 2020 Königs Künstlerkollege Thomas Schütte in seiner privaten Ausstellungshalle in Neuss-Hombroich realisierte. Das ist schade, aber verständlich angesichts der relativ kurzen Vorbereitungszeit, in der manches Exponat erst nach längerer Recherche ausfindig gemacht werden konnte.
Auch eine gut vernetzte Galerie sollte in die Verwertung des Nachlasses eingeschaltet werden
So entdeckten die beiden Erbinnen die Maskenskulptur „Ohne Titel (Maske)“ in einer Düsseldorfer Metallwerkstatt. Beim Eintreten in die Wuppertaler Retrospektive fällt dieses monumentale, posthum vollendete Wandobjekt sofort in den Blick.
Der Besuch der Einzelschau in Wuppertal lohnt dennoch. Aus zweierlei Gründen: Erstens förderten Barbara König und Marlen Schulze zahlreiche noch nicht oder weniger bekannte Arbeiten zutage. Darunter das in rosa Plexiglas eingekastelte Sitzmöbel, ein beklemmendes Mittelding zwischen Kinderstühlchen und Abort („Ichts“, 2001/2010) oder die zerbrochenen Teile eines blau karierten Globus, die zusammengefügt entfernt an die Form des afrikanischen Kontinents erinnern („Afrika“ (1983)). Zweitens gibt es, was die öffentliche Wahrnehmung der Künstlerin angeht, immer noch einen ordentlichen Nachholbedarf.
Angesichts dieses Nachholbedarfs ist der Gedanke richtig, auch eine gut vernetzte Galerie in die Verwertung des Nachlasses einzuschalten. In der Regel kommt ein Werk, das in den Markt gelangt, irgendwann zurück. Es hinterlässt dabei Spuren, manchmal mehr und auch andere, als es die irgendwann im Depot verschwindenden musealisierten Objekte tun. Selten verschwindet es auf Nimmerwiedersehen in Privatsammlungen. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Von der Absage der Galerie Konrad Fischer sollten sich die Erbinnen Erinna Königs deshalb nicht einschüchtern lassen.
Zum Schluss noch einmal zurück nach Wuppertal: Das Von-der-Heydt-Museum scheute davor zurück, das abstrakte Wandobjekt „Konisch-grünes Dreieck auf weißem Grund“ auszustellen. Denn auf dem übermalten Palästinensertuch könnte eine quer ins Zentrum ragende messerartige Form Assoziationen an das Hamas-Massaker vom 7. Oktober wecken.
Dass König 2010, als sie die Arbeit entwickelte, die für Palästinensertücher charakteristische Randbordüre absichtsvoll stehen ließ, ist anzunehmen. Lebenslang dachte sie darüber nach, welche ästhetisch künstlerische Form das Politische finden könnte. Aber wo, wenn nicht in einem Museum, könnte so ein bestürzend aktuell gewordenes Werk diskutiert und eingeordnet werden?
„Erinna König“, Von der Heydt-Museum Wuppertal, bis 25. Februar 2024. Katalog Verlag Kettler, 25 Euro an der Museumskasse und im Buchhandel. Im EK Studio, Erinna Königs Atelier in der Bachstraße in Düsseldorf, veranstaltet Uscha Pohl in unregelmäßigen Abständen Studio Ausstellungen. „Akt 3“ ist nach Absprache bis Ende Januar 2024 zu besichtigen. „Akt 4“ wird am 20. April 2024 eröffnet. Fotos und Videos der Ausstellungen auf Instagram unter @erinnakoenig