Fotografie: Hilde Horn: Kühn, schräg drauf und nah dran
Düsseldorf. Das übersehene Werk von Künstlerinnen führt immer wieder zu Überraschungen. Ob bei Alten Meisterinnen oder Bauhaus-Frauen, die lange Zeit Männer dominierte Kunstgeschichtsschreibung erfährt regelmäßig Korrekturen, bisweilen auch durch Vorarbeit des Kunsthandels.
So muss auch die Geschichte der Bauhaus-Fotografie ergänzt werden um den Beitrag der bereits mit 46 Jahren verstorbenen Hilde Horn. Von der Fotografin Hilde Horn (1897 bis 1943) hat die Klassik Stiftung Weimar für ihr Bauhaus-Museum kürzlich eine Gruppe von 268 Fotografien erwerben können. Die Aufnahmen wurden lange Zeit aufbewahrt im Nachlass des bedeutenden Typografen und Grafikdesigners Jan Tschichold, für den Hilde Horn gearbeitet hatte.
Horns Fotografien sind großenteils dem Neuen Sehen zuzuordnen. Dieser Stil aus den 1920er-Jahren setzt auf kühne Diagonalen, Zoom-Ausschnitte und strenges Schwarzweiß. Zu den bekannten Vertretern des Neuen Sehens zählen Alexander Rodtschenko, Aenne Biermann, Andreas und Lux Feininger, Lucia und Laszlo Moholy-Nagy sowie Umbo.
Hilde Horn sucht man vergebens in Überblicksbänden zur Bauhaus-Fotografie. Gewürdigt wurde Hilde Horn erstmals 2012 in einem Auktionskatalog. Damals bekam Van Hams Fotografie-Expertin Anne Ganteführer-Trier, heute bei Grisebach, aus einer europäischen Privatsammlung rund 40 Arbeiten eingeliefert.
Unter den Mehrfachbelichtungen und Experimenten ragt einunbetiteltes Stillleben mit Ei heraus. Bei Van Ham wurde das Stillleben mit Ei zweimal angeboten. Einer der Abzüge erzielte knapp 11.000 Euro brutto, ein absoluter Höchstpreis. „Seine Qualität besteht darin, dass das Foto dem Betrachter keine Ruhe lässt. Die Lichtführung ist choreographiert, dabei lässt die Glasplatte als Untergrund das Ei förmlich schweben,“ sagt Anne Ganteführer-Trier. „Hilde Horn kann sich da messen mit den viel bekannteren Stillleben von Walter Peterhans.“ Die übrigen Arbeiten lagen – typisch für die Zeit vor einer breiteren Wiederentdeckung – im drei- und vierstelligen Bereich.
Museal gewürdigt wurde Horns Werk erst 2021 in der Ausstellung „Vergessene Bauhaus-Frauen. Lebensschicksale in den 1930er und 1940er Jahren“ im Bauhaus-Museum Weimar. Hilde Horn war seit 1920 mit einem Arzt verheiratet, hatte zwei Söhne und kam 1924/1925 als Studentin ins Bauhaus nach Weimar.
In der Klasse von Laszlo Moholy-Nagy erlernte sie die Grundlagen der experimentellen Fotografie. 1927 vermittelte Moholy-Nagy Hilde Horn an den Grafikdesigner Jan Tschichold in München. Für ihn entwarf sie Werbematerialien; zudem hielt sie sich mit Batikaufträgen über Wasser. Ferner arbeitete die Künstlerin als Grafikdesignerin für die Münchener Niederlassung der Daimler-Benz AG. 1928 assistierte sie Moholy-Nagy bei Projekten in Berlin wie der von Walter Gropius und Adolf Sommerfeld initiierten Ausstellung der Allgemeinen Hausbau AG.
„Das größte noch greifbare Werkkonvolut von Hilde Horn, das nun unser Eigen ist, spiegelt ihr gesamtes fotografisches Oeuvre von experimentellen Fotogrammen über Fotografien aus dem Werbekontext bis hin zu Aufnahmen der oberbayerischen Landbevölkerung,“ sagt Annette Ludwig, Direktorin Museen in der Klassik Stiftung. Großzügig finanziert wurde der Ankauf aus einer Privatsammlung durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.
Annette Ludwig gliedert den Ankauf in vier Bereiche: erstens den Bauhauskomplex aus Fotogrammen, Experimenten und Nahaufnahmen.; zweitens die Auftragsarbeiten, drittens Freunde und Familie und viertens eine Serie mit Porträts aus Oberbayern, die möglicherweise im Auftrag der Reichskulturkammer entstanden waren.
Wie stark sich die Fotografin an die ästhetischen Vorgaben der Nationalsozialisten anpassen musste, oder wie lange sie Ideen des Neuen Sehens umsetzen konnte, dazu besteht noch Forschungsbedarf.
Das Bauhaus wurde 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen, die Kunst der Avantgarde oftmals als die „gute Moderne“ betrachtet. Doch der Graubereich des Überlebens, die Anpassungsbemühungen vieler Bauhaus-Angehöriger in der Zeit des Faschismus sind dem breiteren Publikum bislang noch unbekannt.
In Weimar eröffnet das Bauhaus-Museum am 9. Mai 2024 die erste Ausstellung zum Thema „Bauhaus und Nationalsozialismus“.