Futuristisches Spielzeug: Warum Vitra-Patriarch Rolf Fehlbaum Blechroboter sammelt
Im Buch zur Sammlung werden Rolf Fehlbaums Roboter in ihrer Originalgröße abgebildet. Das schaffen wir hier leider nicht.
Foto: Vitra / Moritz HerzogDüsseldorf. Die Maschinen werden immer menschlicher. Zugleich verwandeln wir Menschen uns mehr und mehr zu roboterartigen Wesen, denen stoische Effizienz über alles geht. Ist Ihnen diese gegenläufige Entwicklung schon einmal aufgefallen?
Und sagen Sie jetzt bitte nicht, Selbstoptimierung sei Ihnen fremd! Sie ist überall.
Sie dominiert unsere Ernährung wie unser Freizeitverhalten. Sie diktiert unsere Terminkalender und lässt uns Fitnessarmbänder tragen, die uns jederzeit mit aktuellen Daten zu Herzfrequenz oder auch nur Bewegungsdefiziten versorgen.
„Du solltest mal wieder laufen!“, sagt die App. Also laufen wir. Wenn die Software uns irgendwann vorschlägt, aus dem Fenster zu springen, tun wir vielleicht auch das.
Wir wollen uns messen. Nicht nur mit anderen, sondern mit uns selbst. „What you cannot measure does not exist“, sagen sie bei Zalando, deren jugendliche Gründer die Selbst- und Kundenoptimierung für deutsche Verhältnisse schon sehr weit getrieben haben.
Wir alle sollen und wollen besser werden. Schon seit dem Taylorismus im späten 19. Jahrhundert.
In der Blackbox auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein kann man Teile der Sammlung besichtigen.
Foto: Vitra / Andreas SüttelinJetzt heißt „besser“ aber mehr als je zuvor: schneller, präziser, effizienter. So schnell, präzise und effizient wie die Algorithmen und Maschinen, die uns die Tech-Riesen im Silicon Valley als Zukunft verkaufen.
Das Dumme ist, dass Maschinen immer viel schneller, präziser und effizienter sein werden als selbst der bestorganisierte Topmanager. Der Wettlauf ist ohnehin aussichtslos, denn zugleich werden die Maschinen immer billiger und effizienter. Sie brauchen keinen Urlaub und gründen keinen Betriebsrat. Bald werden sie sich gegenseitig reparieren, bauen oder gar erfinden. Spätestens dann fallen Millionen Jobs weg. Menschen-Jobs.
Den Menschen macht das zu Recht Angst, selbst den sehr optimierten. Und weil Angst ganz schlecht ist fürs Geschäft, bekommen die Maschinen neuerdings Gesichter. Sie sehen aus wie Pepper, ein humanoider Roboter, der menschliche Mimik analysieren und darauf reagieren kann mit einer Art Gefühlssimulation.
Maschinen wie Pepper können jetzt zutraulich lächeln und unfallfrei Weißbier einschenken. Wenn es sein muss, millionenmal hintereinander. Sie sind immer noch dumm, aber dabei ziemlich perfekt. Man kann sich auf sie einlassen wie auf die Illusion, mit einer Prostituierten könne man Liebe kaufen.
„Die Roboter transportieren immer auch die Möglichkeit, dass sie sich irgendwann rächen könnten an ihren Schöpfern.“
Foto: VitraTamagotchis waren schon Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kleine elektronische Wesen, die man füttern und versorgen musste, damit sie nicht „starben“. Heute gibt es computergesteuerte Plüschtiere, die als Beschäftigungstherapie alten Leuten in Heimen eine Aufgabe geben sollen. Wer eine Aufgabe hat, gibt sich nicht auf. Aber was, wenn die Maschinen uns irgendwann alle Aufgaben abgenommen haben?
Die neuesten Modelle können schon sprechen, Witze erzählen und dank raffinierter Sensoren sogar zurückzucken bei Berührung, um niemanden aus Versehen zu verletzen. So reißen sie nun auch in Fabriken die Grenzen ein, die es bislang zwischen Mensch und Maschine gab. Bald werden sie autonom unsere Autos fahren, zu Hause unseren Kühlschrank befüllen und am Telefon die Tarife der Zahnersatzzusatzversicherung mit uns diskutieren.
Sie gerieren sich als „Helferlein“ wie die gleichnamigen Miniroboter, die seit 1956 im Mickymaus-Kosmos Daniel Düsentrieb unterstützen. Und diese Hilfs- bis Sklavenfunktion besaßen sie auch noch, als Rolf Fehlbaum in den siebziger Jahren anfing, japanische Spielzeugroboter zu sammeln. Fehlbaum hatte Sozialwissenschaften studiert, bevor er in den elterlichen Möbelbetrieb Vitra einstieg, den er schnell als „kulturell-wirtschaftliches Projekt“ neu definierte.
Der Spielzeugroboter stammt von dem japanischen Hersteller Masudaya.
Foto: Vitra / Moritz HerzogDabei halfen ihm auch Designer wie das US-Ehepaar Ray und Charles Eames, bei dem Fehlbaum unter anderem lernte: Spielzeuge sind nicht nur eine kindliche Ablenkung, sondern Objekte, die auf magische Weise zum Leben erweckt werden. „Sie sind längst nicht so unschuldig, wie sie aussehen“, sagte Charles Eames. Viel eher seien sie das Vorspiel zu wahrhaft ernsthaften Ideen, die auch Fehlbaum in seinen Robotern erkannte.
Ihn faszinierte ihr Design, das Repertoire ihrer Funktionen und die Verbindung aus maschineller Energie und humanoiden Zügen, aber ebenso ihre Ambivalenz: „Sie tragen immer auch etwas Unheimliches in sich – die Möglichkeit, dass sie sich irgendwann rächen könnten an ihren Schöpfern für die ihnen zugedachte Sklavenrolle.“
Die interessantesten 148 Blechroboter seiner enorm gewachsenen und bei Vitra in Weil am Rhein auf Anfrage zu sehenden Sammlung präsentiert er nun in einem wunderschönen Bildband (Rolf Fehlbaum Hrsg.: „Robot 1:1“, 276 Seiten, 150 Euro). Und das Buch wie die Objekte sind tatsächlich mehr als Spielzeug, denn genau das wird ja gerade wieder hitzig debattiert: Wer steuert wen in einer gar nicht so fernen Zukunft?
Die Literatur- und Filmgeschichte hat die derzeit verhandelten Konflikte alle schon vorweggenommen – vom mittelalterlichen Golem über Frankensteins Monster bis zu den Robotern in Karel Čapeks Drama „R.U.R“ von 1920.
Man kann nicht sagen, dass die Kunst sonderlich optimistisch ist, was die Zukunft der Maschinen angeht, wenn man mal von dem meist freundlichen Androiden Data in „Raumschiff Enterprise“ absieht. Schon in der relativ alten Zukunft von Stanley Kubricks Weltraum-Epos „2001“ versucht der Bordcomputer HAL 9000 irgendwann, die menschliche Besatzung zu eliminieren. Und von „Terminator“ über „Matrix“ bis „I Robot“ ist die Filmgeschichte voller Endzeitfantasien eines Deus ex Machina, der die Menschheit letztlich ablösen wird.
Das wäre alles nicht viel mehr als Fiktion, wenn das Menschenbild, dem das Silicon Valley huldigt, nicht ausdauernd postulieren würde: Auch wir Menschen sind nichts anderes als Maschinen. Unvollkommen, aber berechenbar in jedem Sinne des Wortes. Biologisch basierte Schaltkreise.
Aber das stimmt eben nicht. Wir sind so ungleich viel mehr. Auch unsere Schwächen sind unsere Stärke. Bevor wir den Maschinen also ein Bewusstsein geben, sollten wir unser eigenes endlich mal wieder schärfen.
Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 18. Mai 2018 am Kiosk erwerben.