Kunstsammlung-NRW-Direktorin Susanne Gaensheimer: „Themen, die die Welt bewegen“
Die Kennerin zeitgenössischer Kunst holt Performances und Medienkunst nach Düsseldorf.
Foto: Andreas Endermann/Kunstsammlung NRWDie deckenhohen und raumgreifenden Bücherregale im Büro von Susanne Gaensheimer sind noch weitgehend leer. Anders sieht es auf dem Besprechungstisch aus. Dort liegen mehrere Pressemitteilungen, die die ersten Ausstellungen der neuen Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ankündigen. Die 50-jährige Kunsthistorikerin wirkt an diesem trüben Oktobermorgen hochkonzentriert und dabei voller Leidenschaft. Gaensheimer hat eine große Aufgabe übernommen. Sie plant nicht weniger als die Runderneuerung des hoch angesehenen Hauses für Klassische Moderne und zeitgenössische Kunst. Die persönliche Bequemlichkeit einer gut sortierten Handbibliothek muss da vorerst zurückstehen.
Frau Gaensheimer, seit September sind Sie hier in Düsseldorf im Amt. Gemessen an der Zahl der Besucher – 2016 waren das 240 000 –, haben Sie drei gut laufende Museen übernommen. Was wollen Sie gleichwohl ändern?
Wir wollen die Profile von K20 und K21 besser herausarbeiten. Das K20 am Grabbeplatz soll wieder stärker das Haus für die Klassische Moderne und die Nachkriegskunst sein, punktuell flankiert von Gegenwartskunst. Im K21, dem ehemaligen Ständehaus am Kaiserteich, werden wir ausschließlich internationale Gegenwartskunst zeigen. Dort wollen wir in die Zukunft schauen. Wir werden dort auch interdisziplinär arbeiten und Performance, Film und Medienkunst zeigen. Und für unseren dritten Ort, das ehemalige Wohnhaus des Galeristen Alfred Schmela, arbeiten wir gerade an ganz neuen Konzepten, denn für klassische Ausstellungen eignet es sich rein räumlich kaum.
Um mehr Breitenwirkung und Aufmerksamkeit zu erzielen, gehen inzwischen ja viele Museen dazu über, sich auch in politische und gesellschaftliche Entwicklungen einzumischen. Werden Sie aktuelle Themen wie etwa die Flüchtlings- und Migrationspolitik berücksichtigen?
Im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt habe ich mich ausschließlich mit Gegenwartskunst seit den 1960er-Jahren beschäftigt. Dort habe ich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler wie beispielsweise Fiona Tan, Kader Attia oder Ed Atkins gezeigt,die sich alle mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigt haben. Tan etwa denkt mit Modellbaulandschaften über eine aus den Fugen geratene Welt nach. Attia macht die Wunden Afrikas, die Kapitalismus und Kolonialismus verursacht haben, zum Ausgangspunkt seiner Arbeit. Atkins generiert in Videos eindringliche Bilder vom Einfluss der Digitalisierung auf individuelle Lebenswirklichkeiten. Mich interessieren Themen, die unser Leben betreffen, mehr als rein formale Aspekte.
Welche Künstler haben Sie für Düsseldorf im Blick?
In diesem und im nächsten Jahr zeigen wir im K20 zunächst eine Retrospektive der Minimalistin Carmen Herrera, flankiert von einer Arbeit der Choreografin Maria Hassabi, dann folgt Anni Albers und schließlich eine große Übersichtsausstellung zum Thema Museum global. Im K21 zeigen wir große Ausstellungen von Akram Zataari, einem Fotografen und Künstler aus Beirut, Raqs Media Collective aus Neu-Delhi und Cao Fei, einer der Pionierinnen der Post-Internet-Generation aus Peking. 2019 wird es in einer großen Ausstellung auch um das Thema Migration gehen.
Warum haben Sie als eine Ihrer ersten Amtshandlungen die indische Künstlergruppe Raqs Media Collective eingeladen?
Das Anwachsen von Städten wie Delhi, Mexiko oder Peking wirkt sich viel stärker auf die Menschen aus, als wir hier wahrnehmen. Aber das sollte uns alle angehen. Auch wenn wir in Deutschland in einer Art Blase von Wohlstand und Übersichtlichkeit leben. Das ist bereits in den europäischen Nachbarländern anders, in Städten wie Paris, London oder Athen. Wichtig ist mir, über die Kunst eine Aufmerksamkeit zu erzeugen für Themen, die die Welt bewegen. Die Künstler des Raqs Media Collective beschäftigen sich einerseits mit den Entwicklungen ihres unmittelbaren Umfelds in Städten wie Delhi oder Bombay, doch es geht andererseits auch ganz allgemein um Zeit, Sprache und die Geschichte. In dieser Komplexität können deren Werke unseren Horizont erweitern.
Und worin liegt bei Carmen Herrera der gesellschaftspolitische Aspekt ? Die kubanisch-amerikanische Künstlerin wird ja ab 2. Dezember zu sehen sein.
Carmen Herreras minimalistische Malerei überzeugt durch eine stark ausgeprägte Individualität, sie fügt der Formensprache ihrer Zeitgenossen Barnett Newman, Mark Rothko oder Ellsworth Kelly etwas ganz Eigenständiges hinzu. Über viele Jahrzehnte hat sie ihren Stil kompromisslos und konsequent weiterentwickelt, doch wie viele Künstlerinnen ihrer Generation wurde sie nicht so wahrgenommen wie ihre männlichen Kollegen. Dieser Aspekt steht zwar nicht im Vordergrund der Ausstellung, hat aber auch eine gesellschaftliche Dimension.
Gegen die Kunstgeschichtsschreibung aus rein männlicher Sicht wandten Sie sich schon mit etlichen Ausstellungen in Frankfurt.
In der Tat. Meine letzte Ausstellung dort war eine Retrospektive von Carolee Schneemann. Die Künstlerin ist inzwischen 80 Jahre alt. Es gab nie zuvor eine Retrospektive ihrer Arbeiten, und das, obwohl Schneemann die Geschichte der Performance Art mitgeschrieben hat. Ihre männlichen Kollegen hingegen wie Robert Rauschenberg oder Nam June Paik sind rauf und runter ausgestellt worden. Wie kann das sein? Wenn wir in Kürze Carmen Herrera zeigen, ist das auch ein gesellschaftspolitisches Statement.
Welchen Künstler aus dem Bestand der Sammlung würden Sie gern alsbald in einer großen Ausstellung vorstellen?
Georges Braque zum Beispiel oder Jackson Pollock. Doch eine solche Ausstellung vorzubereiten dauert mindestens drei Jahre. Damit fangen wir jetzt an.
Sie hatten angekündigt, gattungsübergreifend zu arbeiten: Was heißt das?
Ich denke an Kooperationen mit den Häusern anderer Sparten hier in Düsseldorf, wie etwa dem Schauspielhaus. Aber auch Literatur wird eine Rolle spielen.
Um Bewegung im Raum geht es auch bei den Performances von Maria Hassabi. Sie haben die aus Zypern stammende Künstlerin nach ihrem Beitrag für die Documenta nach Düsseldorf geholt.
Der Besucher wird in der großen Grabbehalle eine Choreografie für einen Tänzer auf 600 Quadratmetern leuchtend pinkfarbenem Teppich erleben. Maria Hassabi reagiert damit auch auf die parallel gezeigte Ausstellung von Carmen Herrera. Bei beiden Künstlerinnen geht es um Minimalismus und Farbe.
Das Ständehaus K21 liegt bei den Besucherzahlen weit hinter jenen im K20 zurück. Wie wollen Sie es attraktiver machen?
Das müssen wir strategisch angehen. Ein Werkzeug ist die Kommunikation sowohl durch unsere Medienarbeit und das Internet als auch durch gezielte Vermittlungsprogramme. Beides muss weiter intensiviert werden. Aber wir wollen natürlich auch ein interessantes und breit gefächertes Ausstellungsprogramm anbieten, das sich auch an ein jüngeres Publikum richtet, und dabei auch die Akademie miteinbeziehen.
Besucherschwund muss aber nicht zwangsläufig ein Ergebnis unzureichender Kommunikation sein. Vielleicht fehlen auch einfach die großen Namen als Impulsgeber für ein latent interessiertes Publikum.
In der Gegenwartskunst gibt es nicht so viele Namen, die Besucherströme in Bewegung setzen: Gerhard Richter, Ai Wei Wei …
… Gursky und Tillmans.
Die beiden Fotografen hatten wir schon groß in der Kunstsammlung. Das können wir nicht sofort wiederholen.
Die Malerei von Neo Rauch würde auch viele anlocken.
Es geht mir nicht um Namen. Wir wollen im K21 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zeigen, deren Werke den aktuellen Diskurs aufgreifen und die sehr zeitgemäß sind, auch wenn der Name einem breiten Publikum noch nicht so bekannt ist. Nehmen Sie Cao Fei. Diese Künstlerin ist eine der führenden Figuren in China. Sie ist in bedeutenden Sammlungen wie der Julia Stoschek Collection vertreten und hat in diesem Jahr den BMW Art Car gestaltet. 2019 wird sie im Centre Pompidou ausstellen. Dies zeigt deutlich ihre Popularität, und doch ist ihr Name in Deutschland eher unbekannt.
Die Performance für die Documenta 14 wird in Düsseldorf auf einen einzigen Tänzer zugeschnitten.
Foto: Rudolf Wichert für HandelsblattIhr neues Ausstellungsprogramm mit Hassabi, Herrera und Akram Zaatari folgt bereits dem globalen Blick, wie ihn das Projekt Museum Global anregt.
Die Kulturstiftung des Bundes hat das museumsübergreifende Projekt Museum Global initiiert und finanziell unterstützt. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und der Hamburger Bahnhof in Berlin sind daran beteiligt. Die Häuser wurden angeregt, ihre eigene Sammlungstätigkeit um eine globale Perspektive zu erweitern. Häuser wie das Museum of Modern Art in New York oder die Tate Modern in London machen das seit vielen Jahren.
Was erwartet den Besucher 2018 bei der Ausstellung „Die exzentrische Moderne“, Düsseldorfs Beitrag zum Museum Global?
Unser wissenschaftliches Team recherchiert schon seit einiger Zeit, welche Bewegungen der Moderne in anderen Ländern und Kontinenten stattgefunden haben parallel zu den Sammlungsschwerpunkten der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Also, was war zeitgleich zu Picasso los? Was war 1920 oder 1945? Wir werden zeigen, dass es vergleichbare Themen und Entwicklungen gab, aber natürlich auch Unterschiede. Wir zeigen aber auch, dass die von unserem Gründungsdirektor Werner Schmalenbach aufgebaute Sammlung eine sehr spezifische Form der Sammlung ist. Sie ist mit ihrem westlichen Schwerpunkt in einer weltweiten Perspektive nur eine von vielen Geschichten und nicht die Geschichte der modernen Kunst.
Was bringt der Blick über den Tellerrand?
Die Globalisierung hat alle Lebensbereiche ergriffen: jedes größere Unternehmen stellt sich heute global auf, die Kinder werden ins außereuropäische Ausland geschickt, weil das heute Standard ist. Warum sollte das bei der Kunst anders ein? Das wäre unzeitgemäß und auf die Dauer langweilig.
Welche Auswirkungen hat es, wenn die Kunstgeschichte nicht mehr transatlantisch, sondern auf globale Vernetzungen hin untersucht wird?
Wir werden versuchen, die eigene Sammlung in sinnvoller Weise zu ergänzen. Beispielsweise planen wir Erwerbungen sowohl aus der gerade beendeten Ausstellung zum Surrealismus in Ägypten als auch von Carmen Herrera.
Wie gewinnt das Museum heute weiter an Relevanz? Es ist einer der wenigen Orte, die für das Publikum frei sind von Zwängen.
Das Museum ist einer der letzten öffentlichen Räume in der diversen Gesellschaft. Deshalb müssen wir unser Programm und unserer Vermittlungsangebote der Gesellschaft anpassen. Früher sprach ein Museum überwiegend ein bildungsbürgerliches Publikum an und hatte eine elitäre Ausstrahlung – vor allem im Bereich der Gegenwartskunst. Das hat sich in den letzten 15 Jahren stark verändert. Das Selbstverständnis von Museen ist heute, ein lebendiger Ort zu sein, der zu einer offenen und wertschätzenden Gesellschaft beiträgt.
Ein Vorbild wäre beispielsweise …
… die Tate Modern in London. Sie stellt mindestens zwei Drittel ihrer Räumlichkeiten für den Aufenthalt der Besucher zur Verfügung, ganz unabhängig von der Kunst.
Wollen Sie das übernehmen?
Düsseldorf kann man nicht mit London vergleichen, wir werden nie diese großen Besucherströme hier haben. Aber den Ansatz, ein breites Publikum anzusprechen, wollen wir auch hier umsetzen.
Einladend ist ja das weitläufige Atrium in K21. Da könnten sich Menschen womöglich bestens aufhalten.
Dort sind beinahe jeden Abend Veranstaltungen. Wir können dort also keine fest installierte Kunst zeigen. Aber wir werden die Piazza mit Performances bespielen.
Performances kosten Eintritt. Wir dachten an einen öffentlichen Raum vor der Eintrittsschranke.
Das ist in Planung. Im K21 könnte die gesamte erste Etage nur für Besucher da sein, mit Werkstätten, Seminarräumen und einer Medienlounge.
Der Landesrechnungshof vermisste jüngst ein umfassendes Museums- und Ausstellungskonzept. Gibt es das wirklich nicht?
Grundsätzlich: Revisionen sind richtig. Falsch finde ich die Forderung nach einem programmatischen Konzept, das ist kein Thema des Landesrechnungshofs, sondern des Kulturministeriums. Doch die Forderung nach Wirtschaftlichkeit kann ich nachvollziehen. Die Mietkosten für das Schmela-Haus sind beispielsweise extrem hoch. Deshalb prüfen wir ja gerade, welche Nutzung dort sinnvoll sein könnte.
Damit sind wir beim Geld. Wie hoch ist der Etat der Kunstsammlung NRW 2017?
Der Gesamtetat ist solide, aber er wurde seit vielen Jahren nicht substanziell erhöht. Für das Programm bleibt damit nicht viel übrig, denn Gehälter, Preise und fixe Kosten der Häuser steigen ständig. Das sollte angeglichen werden. Wir liegen jetzt bei einem Etat aus NRW-Landesmitteln von knapp elf Millionen Euro. Dazu kommen unsere eigenen Einnahmen durch Eintrittsgelder, den Verkauf von Katalogen oder Editionen, durch Vermietungen und vor allem durch Sponsorengelder von etwa vier Millionen Euro.
Konnten Sie mit dem Land NRW ein Restmittel-Abkommen treffen – also die Verwendung von Geldern, die am Jahresende im Land nicht abgerufen sind –, wie es Ihre Vorgängerin tat?
Davon hat die Kunstsammlung NRW sehr profitiert. Zuletzt wurde dadurch und durch die Hilfe mehrerer Stiftungen die bedeutende Sammlung des Düsseldorfer Galeristenpaares Dorothee und Konrad Fischer angekauft. Das sollten wir so weiterführen. Never change a winning Team ...
Frau Gaensheimer, wir bedanken uns für das Interview.