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Schwächelnder Antik-MarktVermöbelt

Der Markt für Antikmöbel darbt – auch weil sich der Geschmack mit der Zeit verändert hat. Nur wenige Spitzenstücke erzielen hohe Preise. Was überteuert und was günstig ist, und wo sich für Sammler Einstiegschancen bieten.Christian Herchenröder 20.03.2016 - 19:40 Uhr Artikel anhören

Aus der Mode bei der jüngeren Generation.

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Der Vorgang ist charakteristisch. Im November 2014 wurde in der „Orangerie“-Auktion der Berliner Villa-Grisebach-Auktionen eine Kommode nobler Provenienz von Abraham Roentgen (1711-1793) ausgeboten. Der Manufakturgründer Roentgen gilt mit seinem Sohn David als berühmtester deutscher Kunstschreiner. Als das nach dem Auftraggeber Kurfürst Philipp von Walderdorff benannte und auf 200.000 bis 300.000 Euro geschätzte Möbel aufgerufen wurde, regte sich keine Hand. Es wurde nach der Auktion für brutto 200.000 Euro an einen ostdeutschen Privatkäufer abgeben.

2001 war diese mit reichem Bronzebeschlag dekorierte Rokoko-Kommode bei Sotheby‘s zurückgegangen und erschien in den Folgejahren auf Antiquitätenmessen bei der Bremer Galerie Neuse, zunächst mit 750.000 Euro, später mit 550.000 Euro beziffert. Es war noch ein Nachklang des Roentgen-Booms, der in den 1990er-Jahren die international begehrten Arbeiten des Sohnes David Roentgen, aber auch markante Schaustücke des Vaters drastisch verteuert hatte.

Die Marktsituation hat sich inzwischen grundlegend gewandelt. Der Welthandel hält die Preise für Staatsstücke zwar immer noch hoch. Ein Paradebeispiel ist der im letzten Jahr von der Pariser Kunsthandlung Kugel für 8,7 Millionen Dollar offerierte Kassetten-Schreibtisch („Bureau à gradin“), den David Roentgen für Katharina die Große von Russland geschaffen hatte. Doch das ist ein absoluter Ausnahmepreis. Weniger imperiale, aber charakteristische Stücke sind heute in den Auktionen preisgünstiger denn je.

Im November 2015 hielt das Düsseldorfer Auktionshaus Demessieur eine Möbelauktion ab, in der ein Dutzend Werke der Roentgen-Werkstatt aus einer deutschen Privatsammlung unter den Hammer kam. Den höchsten Preis (brutto 503.000 Euro) erzielte hier eine Obeliskstanduhr mit der Signatur David Roentgens und des Neuwieder Uhrmachers Peter Kinzing, deren Gemeinschaftsarbeiten einst an den Höfen Berlin, Paris und Sankt Petersburg Furore machten. Klassische Kommoden, Schreibtische und ein Sekretär David Roentgens erlösten in dieser Auktion aber nur 18.000 bis 60.000 Euro. Das waren Fundstücke für vorausschauende Käufer, darunter Sammler und ein Auktionator.

Dieses Stück erlöste 2013 bei Christie‘s 625 000 Pfund. Vergleichbare Schreibmöbel kosteten in den 1990er-Jahren ein Mehrfaches.

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Wer jetzt kauft, kann nichts falsch machen, denn David Roentgen ist ein internationaler Name, der seinen Nimbus nie verlieren wird, ganz abgesehen davon, dass seine ab 1776 entstandenen gradlinigen Möbel, vor allem Sekretäre und Verwandlungstische, sich als splendide Augenfänger in fast jedes anspruchsvolle Wohnensemble einbinden lassen. Otto von Mitzlaff, altgedienter Möbelhändler, beobachtet, dass immer mehr Privatleute in die Auktionen gehen: „Es gibt jüngere traditionsbewusste Käufer, die zu Geld gekommen sind, auch aus dem Bereich des Adels. Die wollen alle den Klassizismus.“

Aber nicht nur Roentgen ist ein Name, der die Möbelkunst des 18. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat. Man sollte nicht vergessen, dass nicht wenige der berühmten Pariser Möbelkünstler der Epoche aus Deutschland kamen und dort zu Hoflieferanten („Ébéniste du roi“) wurden: Oeben, Riesener, Beneman, Carlin, Molitor und Weisweiler. Möbel dieser Meister und ihrer französischen Topkollegen realisierten in den 1970er- bis 1990er-Jahren auf den Spezialauktionen in Monaco, London und Paris Millionenpreise. Und die Pariser Händler zögerten nicht, sie auf der Biennale des Antiquaires noch einmal drastisch zu verteuern. Die Zeiten sind vorbei.

Es gibt kaum noch Käufer für üppig mit verschiedenen Hölzern furnierte Exemplare der Epoche Louis XV. Auch die Preise für höfische Boulle-Möbel der Epoche Louis XIV., die zwischen 1680 und 1710 entstanden, stagnieren. In Christie‘s „Exceptional Sale“ im Juli 2015, der ein Cross-over rarer Objekte zelebriert, kam ein Paar exemplarischer Konsoltische unter den Hammer, das für 1,08 Millionen Pfund zugeschlagen wurde. Dasselbe Paar hatte bereits im Dezember 2005 in der Wildenstein-Auktion desselben Hauses 1,1 Millionen Pfund eingespielt. Die Stagnation wird nicht immer anhalten. Der Wiederaufstieg ist programmiert, zumal Pariser Kunsthändler ihre Millionenpreise weiter hochhalten, wenn auch nicht so hoch wie 1990.

Das Paradestück steht im Mineapolis Art Museum.

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Weltweit ist es stiller geworden. Zum Teil weil sich der Geschmack verändert hat, aber auch weil es an exzeptionellen Stücken fehlt. Sie waren einst die Domäne des „Gout Rothschild“, Wunschobjekte reicher Banker, Unternehmer und Scheichs. Heute muss man auf zeitgenössische Kunst und Design des 20. Jahrhunderts eingeschworenen Käufern immer wieder aufs Neue sagen, dass ein Paradestück historischer Möbelkunst seltener und nicht weniger preiswürdig ist als eines der Werke aus der Fließband-Produktion von Warhol oder Richter.

Dass die Erben-Generation, die den Geschmack ihrer Väter nicht teilt, verunsichert ist, wenn einstmals überteuert eingekaufte Möbel aus dem Nachlass nicht mehr die erhofften Preise bringen, lässt sich nachvollziehen. Die deutschen Auktionen der letzten Jahre sind voll von Möbeln, die ihre Preise dezimiert haben oder nicht mehr absetzbar sind.

Es war der heute nicht mehr kompatible Geschmack des Wohlstandsbürgers, der in den 1950er- bis 1980er-Jahren die deutschen Wohnzimmer beherrschte.

Sogar ein Sammler-Tycoon wie der Schokoladen-Fabrikant Peter Ludwig hatte den Hauptraum seiner Aachener Villa in der Eupener Straße mit einer Keramik-Fliesenwand und deutschen Rokoko-Möbeln ausgestattet, die heute keiner mehr haben will. Auch nord- oder süddeutsche Fassadenschränke des Barock, die eine Generation früher noch raumbeherrschende Elemente des elitären Wohnzimmers waren, süddeutsche Tabernakelsekretäre und gebauchte Rokoko-Kommoden sind völlig aus der Mode.

Selbst für Möbel der Gebrüder Hoppenhaupt, die als Höhepunkt des Berliner Rokoko gelten, gibt es kaum noch Interessenten. Wenn der Markt Rückbesinnung kultiviert, werden sie eine legitime Renaissance haben. Jetzt günstig kaufen, heißt die Devise.

Ein Tisch mit KPM-Porzellanplatte und Palmschaft war bei Sotheby‘s schon für 365 000 Pfund zu haben.

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Auch der Biedermeier-Boom, der fast dreißig Jahre den deutschen Markt beherrschte und seine Geschmacksknospen mit aller Gewalt (sprich: überhöhten Preisen) auch in Amerika öffnete, hat sich total beruhigt. Vorbei ist die Zeit, in der einer der reich dekorierten Wiener Lyra-Sekretäre die von Neuse geforderten 650.000 Euro erzielen würde. Das Prachtstück, das 2006 bei Christie‘s umgerechnet 315.000 Euro eingespielt hatte, steht jetzt im Kölner Museum für Angewandte Kunst. Der Münchener Biedermeier-Händler Axel Schlapka hatte im Jahr 2000 ein nicht minder üppiges Exemplar für 480.000 D-Mark im Angebot, das jetzt im Milwaukee Art Museum steht. Ein vergleichbares Paradestück, das 2012 im Wiener Dorotheum versteigert wurde, erzielte dort nur noch 66.000 Euro.

Weniger üppige und voluminöse Biedermeier-Möbel in Hellholz haben einen Vorteil: Sie passen sich mühelos modernen Interieurs an. Jetzt kosten sie ein Drittel der Summen, die noch vor 15 Jahren für sorgfältig aufgearbeitete Möbel der ersten Zeit (1820–1830) bezahlt werden mussten. Hier ist der Markt noch nicht ausgedünnt, und die Preise liegen oft niedriger als für moderne Design-Exemplare: meist unter 10.000 Euro: eine Empfehlung für Einsteiger, die nicht nur den Mainstream pflegen.

Händler Axel Schlapka, der sich mit einem kleineren Geschäft konsolidiert hat, sagt: „Man muss die Sache ruhig angehen. Der Geschmack überspringt immer eine Generation“. Er freut sich über neue Käufer „runter bis zu 30 Jahren“, die einzelne formalästhetisch strenge Stücke, aber nicht mehr ein ganzes Zimmer erwerben.

Der Markt für „antike Möbel“ leidet an derselben Schwindsucht, die die ganze Antiquitäten-Branche erfasst hat. Der gesamte Mittelmarkt, der seit 1850 die Säule des Spezialhandels war, ist seit einem Jahrzehnt weggebrochen. Einschlägige Händler sind verschwunden, und die Auktionen sind mit Mittelmaß gefüllt.

Das hat die Preise nach unten befördert und vieles unattraktiv gemacht, was diese Abwertung nicht verdient. Die neue Käufergeneration ist nicht mehr auf Epochen-Räume fixiert. Das bedeutet für den mittelfristigen Markt eine stärkere Ausrichtung auf das optisch fesselnde Einzelstück, das seine Wirkung in einem modernen Umfeld entfaltet. Den letzten großen Auftrieb für deutsche Möbel und deutsches Kunstgewerbe vor allem Berliner Herkunft gab es kurz nach 1989. In der Nach-Wendezeit wurden vor allem Möbel und Kunstgewerbe neu bewertet, die mit dem Namen des preußischen Architekten und Designers Karl Friedrich Schinkel verbunden waren. 2010 konnte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ein Ensemble von Kanapee und sechs Sitzmöbeln nach einer Zeichnung Schinkels für Schloss Glienicke für 1,5 Millionen Euro ankaufen. Das war ein angemessener Preis.

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Zur gleichen Zeit forderte der Hamburger Händler Frank C. Möller bereits für einen 24-flammigen Kronleuchter 1,6 Millionen Euro und drei Jahre später für einen Schlafstuhl nach Schinkel-Entwurf, der ein Jahr zuvor im Berliner Auktionshaus Historia in unaufgearbeiteter Form rund 1000 Euro eingespielt hatte, 350.000 Euro. Der Schinkel-Markt, den wohlhabende Architekten nähren, wird allmählich auf das Plateau zurückgeführt, von dem ihn zeitweilig auch amerikanische Museumskäufe herausgehoben hatten.

Zu den höfischen Präsentierstücken des Architekten gehören Beistelltische mit KPM-Porzellanplatten, die im Auftrag von König Friedrich Wilhelm III. entstanden. Eines dieser Prachtexemplare mit vergoldetem Bronzefuß in Form einer Palme figurierte 2014 auf der Maastrichter Messe am Stand von Neuse für 980.000 Euro. Im Juli 2015 erlöste ein Tisch dieses Typus bei Sotheby‘s 365.000 Pfund (umgerechnet rund 480.000 Euro).

Das ist eines jener Beispiele, die zeigen, dass es selbst in einem temporär überhitzten Markt immer noch Raum für Gelegenheitskäufe gibt. Man muss ihn nur nutzen.

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