Zeitgenössische Kunst: Der Künstler Mischa Kuball im Museum Morsbroich: Aufklärung mit Licht
Leverkusen. Der Lichtstrahl, der den Flaneur im Park des Leverkusener Museum Morsbroich unvermittelt trifft, blendet nur einen Moment. Dann begreift er, dass ihm die kleine runde Bühne unter dem Lichtkegel gehört. Ihm wurde – im übertragenen Sinne – das Wort erteilt.
Aber die Besucherin muss keine Selbstdarstellerin bleiben. Gleich daneben bieten sich drei weitere Miniaturplattformen für eine gemeinsame Aufführung oder Diskussion an. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn die Installation „park stage“ hat der Künstler Mischa Kuball eigens für Leverkusen und seine Bürger geschaffen. Deren Museum drohte 2017 geschlossen zu werden – aus ökonomischen Gründen. Erst vor neun Monaten erhielt es nach jahrelanger Vakanz mit Jörg van den Berg wieder einen Direktor.
Das Museum im Schloss Morsbroich hat – dank engagierter Bürger – wieder eine Perspektive. Und drinnen eine großartige Werkübersicht auf allen drei Stockwerken (bis 24.4.). „Eine kleine Reise durch 30 Jahre meiner künstlerischen Arbeit“, nennt sie der Düsseldorfer Künstler, der sich mit ortsbezogenen Lichtinterventionen einen Namen gemacht hat.
Erinnert sei etwa an die choreographierte Illumination des Mannesmann-Hochhauses in Düsseldorf 1990 oder an die hermetisch verschlossene Synagoge Stommeln, aus der 1994 acht Wochen lang gleißende Helle in die Nächte flutete. Das verwandelte sie in ein ebenso faszinierendes wie schwer ansehbares Denkmal.
In Leverkusen versucht der 62-Jährige nun, Zusammenhänge in seinem Lebenswerk offen zu legen. Das Schloss ist dafür eigentlich zu klein. Das deutet schon der Ausstellungstitel an: „ReferenzRäume“. Wie eine Spinne hängt das Oeuvre in einem Netz, dessen Fäden Orte, Räume und Zeiten verknüpfen, auch gedanklich.
So verbindet sich etwa die Außeninstallation „park stage“ mit dem Museum und der City von Leverkusen, wo Kuball auf dem Rathausvorplatz 2017 einen weißen Bodenbelag in den Maßen des zentralen Morsbroicher Ausstellungsraums ausgelegt hatte. Gedacht als betretbare Fläche, als Ort zum Nachdenken und Streiten – über die drohende Schließung des Museums – wurde er nach 14 Tagen mitsamt seinen Benutzungsspuren zurück ins Schloss verfrachtet. Dorthin kehrt er nun noch einmal zurück.
„leverkusen_transfer“ erinnert also an zentraler Stelle an einen prekären Moment, der ohne kritisches Eingreifen der Öffentlichkeit die Geschichte dieses Museums beendet hätte.
„Kritisches Denken braucht Raum“. Das Banner hängt im Spiegelsaal. Ausgerechnet hier, wo sich in Zeiten absolutistischer Herrschaft keiner aus dem Volk das Recht zu sprechen hätte herausnehmen können, findet sich die Botschaft der friedlich revoltierenden Ostdeutschen im gefährlichsten und entscheidenden Moment kurz vor der Wende. Für Kuball, der in Köln Deutschlands einzige Professur für „public art/Kunst im öffentlichen Raum“ bekleidet, hat dieser historische Satz eine wegweisende Bedeutung.
Das kritische Denken in Bezügen lässt sich gut anhand der ortsspezifischen Arbeiten zu Leverkusen nachvollziehen; auch wenn zusätzliche Komponenten wie eine Art „Speaker’s Corner“ im Hauptsaal oder die den Raum querenden, hoch aufgehängten und deshalb nicht entzifferbaren Dokumente damit zusammenhängender Projekte das Ganze etwas überfrachten.
Im ersten Obergeschoss dann feiert die sinnliche Erfahrung Triumphe. Am unmittelbarsten vielleicht im verdunkelten Environment „five planets“ (2015). Hier fühlt sich die Eintretende wie ins Universum gestoßen. Es ist dunkel bis auf fünf rotierende aufblitzende Diskokugeln, die Buchstabenpartikel der Planetennamen auf Wände, Decke und Boden projizieren. Alles bewegt sich.
Das Primat der sinnlichen Erfahrung ist indes nicht total. Dafür hat Kuball, der Philosophie – nicht Kunst – studierte, einfach zu viel mitzuteilen. Man erkennt es schon an so manchem komplizierten Werktitel, aber auch an einer Installation wie „five suns / after Galileo“ von 2018. Hier verfängt sich der Blick in den Lichtstrahlen, die durch fünf frei hängende, sanft rotierende Plexiglasscheiben unterschiedlicher Farbigkeit fallen und an den Wänden wandernde Farbkonstellationen malen.
Kleine Löcher in den Scheiben beziehen sich auf die Sonnenflecken, die Galilei Anfang des 17. Jahrhunderts beobachtete. Eine Entdeckung, die sein revolutionäres Weltbild von der Erde als einer um die Sonne kreisenden Kugel stützte.
Der Künstler als Forscher
Kuball ist kein Weltveränderer wie es der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei war. Aber er ist einer, der etwas verändern möchte. „Das Licht ist mein Material, weil ich glaube, damit eine Situation verändern zu können“, sagt er.
Der Künstler möchte Licht ins Dunkel bringen so wie einst die Philosophen der Aufklärung. Wie wichtig ihm das ist, lässt sich an zwei Arbeiten ablesen, die er bewusst rechts und links der Galileo-Installation platzierte: die Text-Bild-Collagen seines „research_desk_Nolde/Kritik/Kuball“-Projekts, in denen sich Kuball mit den dunklen, erst vor wenigen Jahren ans Licht gebrachten Seiten Noldes auseinandersetzt auf der einen Seite, und eine digitale Übersetzung von Aby Warburgs „Bilderatlas Mnemosyne“ auf der anderen Seite.
Der Zusammenhang dieser beiden Arbeiten erschließt sich nicht auf Anhieb. Er geht letztlich auf hartnäckige Forschungen Kuballs zurück, der nach Verbindungen zwischen Warburg und Nolde suchte. Im Warburg-Archiv fand er schließlich einen Brief Warburgs an den Kunsthistoriker Carl Georg Heise, in dem Noldes Umgang mit den kolonialen Quellen seiner Motivwelt in der Kritik steht.
Es ist ein schöner Gedanke, mit Licht etwas ins Bewusstsein rücken, das zuvor im Dunkel lag. Dazu gehört etwa auch das Wissen um die vielen im Ruhrgebiet lebenden Mitbürger mit Migrationshintergrund. Für die im Dachgeschoss von Morsbroich installierte Arbeit „New Pott. Neue Heimat im Revier“ tauschten 100 dort heimisch gewordene Familien einen eigenen Beleuchtungskörper aus dem Wohnzimmer gegen eine einheitlich gestaltete Stehlampe von Kuball aus.
Gespräche im Schein einer Lampe
Das Gespräch, das die Familien im Schein dieser Lampe mit dem Künstler führten, wurde aufgezeichnet und ist über einen Touchscreen abrufbar, die Situation vorher und nachher fotografisch dokumentiert.
Die Frage, wie Kuball seine Projekte finanziert, ist schnell beantwortet: Er verdient sein Geld als Professor, er bekommt öffentliche Aufträge und es gibt eine kleine Zahl feiner Sammler. Der Künstler kommt deshalb gut mit nur einer Galerie aus. Daniel Marzona, Berlin, setzt für Installationen je nach Größe und Umfang zwischen 50.000 und 180.000 Euro an. Reine Videoarbeiten liegen zwischen 18.000 und 24.000 Euro und Fotoarbeiten zwischen 3000 und 15.000 Euro.
Auf dem Kunstmarkt spielt Kuball, gemessen an dort gefeierten Künstlern, eine unauffällige Rolle. Im „Capital-Kunstkompass“ von Linde Rohr-Bongard jedoch findet er sich auf Platz 12 der Stars von morgen.