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Buchrezension „Der Schützling“ bringt Licht in die größte Spionageaffäre der Bundesrepublik

„Spiegel“-Journalist Dirk Koch hat in Stasi-Akten neue Erkenntnisse zur größten Spionageaffäre der Republik gewonnen. In einer Nebenrolle: Bundeskanzler Helmut Kohl.
03.07.2021 - 11:00 Uhr Kommentieren
Die Westelite war durch die DDR, die einen Hort an belastenden Papieren besaß, erpressbar. Quelle: imago/Reiner Zensen
Ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin

Die Westelite war durch die DDR, die einen Hort an belastenden Papieren besaß, erpressbar.

(Foto: imago/Reiner Zensen)

Düsseldorf Über die alte Bundesrepublik wusste die Stasi bei Weitem mehr als das Volk, das die Regierung in Bonn wählte. Das lag an Figuren wie Günter Guillaume, den Willy-Brandt-Schatten, der den Kanzler zu Fall brachte. Oder am „schönen Leo“, den CSU-Granden Leo Wagner, einen Spezl von Franz Josef Strauß. Mal war es sozialistischer Gehorsam, mal vulgär-kapitalistische Geldgier, was die Archive am Stasi-Sitz in der Normannenstraße füllte.

Der fleißigste aller Zuträger aber war ein westlicher Biedermann, über den noch immer wenig bekannt ist. Niemand lieferte so viel nach Ostberlin (fast 2000 Dossiers), niemand kam einer historischen Figur wie Helmut Kohl so nahe, niemand war so tief im Gedärm der deutschen Wirtschaft, niemand schien so unter besonderer Protektion zu stehen wie jener Adolf Josef Kanter, Deckname „Fichtel“, vorher „Hans“ und „ck3“.

Der historischen Wahrheit tut der langjährige „Spiegel“-Mann Dirk Koch Genüge, der einst – ahnungslos – als Bonner Büroleiter nahe am Geschehen war. Der auf Investigatives geeichte 78-Jährige genoss damals den Ruf eines „ambulanten Schlachthofs“.

In der Causa Kanter bereitet er umfänglich alte Akten auf. Sein Objekt der publizistisch-archäologischen Arbeit nennt er „Schützling“, einfach weil diesem Adolf Kanter trotz vieler Verdachtsmomente nichts passierte. Aber der Stasi-Performer war natürlich auch „Schütze“, und zwar im 30-jährigen nachrichtlichen Einsatz.

Was für ein Stoff! Die deutsche Geschichte muss zwar nicht umgeschrieben werden, dafür fehlen an entscheidender Stelle Belege (etwa für ein Fehlverhalten Kohls). Aber man kann Kochs Conclusio nachvollziehen, dass der Fall Kanter auch ein Fall Kohl ist.

Dirk Koch: Der Schützling.
Dietz
Bonn 2021
248 Seiten
24 Euro

Diese deutsch-deutsche Biografie ist jedenfalls so bizarr wie brisant. Zeigt sie doch, wie erpressbar die Westelite durch die DDR war, die über einen Hort an belastenden Papieren verfügte. Liegt in den „Kompromaten“ der Grund für den Milliardenkredit der käuflichen West-Bundesrepublik 1983 an die DDR? Schon früh hatte sich der 1925 im Eifelort Plaidt geborene Kanter bei der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) engagiert. Noch vor dem im Kalten Krieg aufziehenden FDJ-Verbot wechselte der Metzgerssohn dann zur CDU seines politischen Freundes Kohl.

Auf den „rising star“ hatte ihn der DDR-Geheimdienst genauso angesetzt wie auf die junge Europäische Bewegung. Zumal er mit seinem neuen Kumpel Eberhard von Brauchitsch über einen Geldwaschsalon namens „Europäische Vereinigung für gegenseitigen Meinungsaustausch“ sogenannte „Vertrauensspenden“ illegal an Kohls Korona leitete. Da sich Kanter aus den Heimlich-Töpfchen allerdings selbst bediente, erging Strafbefehl – dem Verfahren entging er nach der Intervention des rheinland-pfälzischen Justizministers, zufällig einem Kohl-Amigo.

Adolf Josef Kanter wechselte noch vor dem Verbot der FDJ zur CDU, der Partei seines politischen Freundes Kohl. Quelle: dpa
Helmut Kohl spricht 1989 im EU Parlament

Adolf Josef Kanter wechselte noch vor dem Verbot der FDJ zur CDU, der Partei seines politischen Freundes Kohl.

(Foto: dpa)

Er kam dann im Düsseldorfer Konzern des Industriellen Friedrich Karl Flick von 1974 bis 1981 als Lobbyist unter. Dort betrieb der Generalbevollmächtigte Brauchitsch („EvB“) wie ehedem politische Landschaftspflege, mit verbotenen Parteispenden in Höhe von 26 Millionen Mark. Kanter war Mittäter und Mitwisser in der „Flick-Affäre“.

Es ist also so ein „Das gibt es doch nicht“-Buch, wo Merkwürdigkeit auf Merkwürdigkeit folgt. Erst nach der Wende flog Kanters wundersames Wirken auf. Das Oberlandesgericht Koblenz beließ es in einem quick durchgezogenen Prozess im Frühjahr 1995 aber bei einer milden Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Ein Machtkartell aus Union, SPD und FDP, so der Autor, habe es selbst nach der Einheit geschafft, den Fall vor den Wählern klein zu halten, „ein meisterliches Gemeinschaftswerk der Vertuschung“.

Diesen Thriller über „Fichtel“, der 2010 im Altenheim in Vallendar starb, arbeitet Autor Koch vorbildlich auf. Manchmal täte etwas mehr Erzählerisches gut. Manchmal wäre das üppige Material noch zu straffen gewesen.

Manchmal stört das große Geraune, etwa dass die „A-Quelle“ Kanter – der im Kriegsjahr 1943 freiwillig zur Division „Brandenburg“ des deutschen Militärgeheimdienstes ging – womöglich Doppelagent war. Aber Kochs Urteil über „Fichtel“ hat Bestand. Über einen, der „so viel belastendes Wissen über die korrupten Eliten der alten Bundesrepublik erlangt hatte, dass er unantastbar, ja unverwundbar wurde“.

Mehr: Auszeit von der Pandemie: Sechs Roman-Empfehlungen für den Sommerurlaub.

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