Literatur: Wie sich die Beziehungen der Weltmächte China und USA verändert haben
Düsseldorf. Es gibt Themen, da sind sich sogar US-Präsident Joe Biden und Donald Trump einig. China ist so ein Thema. Trump betrieb in seiner Amtszeit eine strikte Eindämmungspolitik, Biden trieb den Kurs seines republikanischen Vorgängers weiter – über mit verbündeten Ländern abgestimmte Lieferverbote für Halbleiter verschärfte er ihn sogar. Gerade diskutieren die Mitglieder des US-Senats, ob sie sich dem Votum des Repräsentantenhauses anschließen und Tiktok verbieten sollen, wenn der chinesische Eigner Bytedance sich nicht von seinen Anteilen trennt.
So prägend der Ost-West-Konflikt im 20. Jahrhundert war, so ist es der amerikanisch-chinesische Weltkonflikt im 21. Jahrhundert. Man könnte ihn auch als Konflikt zwischen den westlichen Staaten und China bezeichnen. Ist der Ton in Chinas Diplomatenwelt nach der Covid-Isolation international wieder konzilianter geworden, so verschärfen sich vor allem in den USA im Jahr der Präsidentschaftswahl die Chinaangst und -kritik. In Europa sorgt etwa Chinas Positionierung im russischen Angriffskrieg in der Ukraine für tiefes Misstrauen.
Und so werden auch, wenn Bundeskanzler Olaf Scholz Mitte April mit einer Wirtschaftsdelegation nach China reist, jedes Wort und jede Geste in China wie in Deutschland beobachtet werden. Der Besuch des Sozialdemokraten wird ein Balanceakt. Wie wird Scholz sich verhalten, nachdem die Bundesregierung in ihrer Chinastrategie im vergangenen Jahr vor einer zu großen Abhängigkeit von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gewarnt hat?
Wie hältst du es mit China?
Dies spiegelt eine der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Kernfragen wider: Wie hältst du es mit China?
Zwei neue Bücher deutscher Autoren widmen sich diesem prägenden Konflikt zwischen den USA und China – inklusive der Frage, wie sich Europa dabei positionieren sollte. Der Sicherheits- und Amerikaexperte Peter Rudolf beschreibt in seinem Buch „Konfrontationskurs“, wie und warum sich die Beziehungen zwischen den beiden Weltmächten in den vergangenen Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich verändert haben. Und der Journalist Wolfgang Hirn widmet sich in „Der Tech-Krieg“ dem technologischen Wettlauf beider Länder.
Es sind beileibe nicht die ersten Bücher, die sich in jüngster Zeit dem prägenden bilateralen Konflikt widmen. Chris Miller etwa hat in „Der Chip-Krieg“ den Technologiekonflikt im Detail beschrieben, Journalist Matthias Naß konzentriert sich in „Kollision“ auf den Konflikt zwischen beiden im Indopazifik, die Wissenschaftler Josef Braml und Mathew Burrows warnen in „Die Traumwandler“, China und die USA könnten „in einen neuen Weltkrieg schlittern“.
In diesem Umfeld ist es schwierig, einen völlig neuen Ansatz mit vielen Überraschungen in der Analyse zu finden. Dennoch können beide Bücher auf ihre jeweilige Art als guter Überblick gelesen werden – und haben in ihrer Analyse für Europa eine sehr ähnliche Empfehlung.
Rudolfs Fokus liegt auf der amerikanischen Chinapolitik seit 1970. Die angenehm unaufgeregte Analyse umreißt auf rund 200 Seiten gut strukturiert Gründe, Art und mögliche Auswirkungen der massiven Verschlechterung des bilateralen Verhältnisses. Es ist bereichernd, sich die rasante Veränderung und die Gründe für den Wandel auf beiden Seiten in der Retrospektive zu vergegenwärtigen. Allerdings blickt der US-Experte dabei deutlich genauer auf die USA als auf China.
Die USA entkoppeln sich in Teilen – nicht immer erfolgreich
Die historische Dimension ist wichtig: So wie der Konflikt heute die kommenden Jahre prägen wird, so prägte die Annäherung beider Staaten in den 1970er-Jahren die Welt auf Jahrzehnte. Schier unvorstellbar heute, dass die USA und China 1980 zwei Stationen in Westchina betrieben, um sowjetische Raketentests zu überwachen, oder dass die USA China von 1984 an mit Waffen belieferten.
Rudolf sieht durchaus Drohpotenzial aus China heraus. Allein China sei in der Lage, den Status der USA als Supermacht zu bedrohen. „China unter Xi Jinping strebt danach, die Weltpolitik in einem chinesischen Sinne zu formen.“
Peter Rudolf: Konfrontationskurs. Der amerikanisch-chinesische Weltkonflikt.
Verlag Herder,
Freiburg i.B.,
2024,
256 Seiten,
22 Euro
Der Autor beschreibt die „selektive Entkopplung“, wie er es nennt, die die USA wirtschaftlich und technologisch betreiben – von Strafzöllen über Halbleiter-Exportrestriktionen. Und er analysiert, wie schwierig es für die USA ist, das gewünschte Ergebnis zu erzielen, weil die Warenflüsse in einer globalisierten Volkswirtschaft so komplex sind.
So hätten die Handelszölle, die die USA unter Trump verhängt haben, die Abhängigkeit von chinesischen Produkten nicht wirklich verringert. „Manchmal werden in China hergestellte Waren nur woanders umgepackt und dann in die USA exportiert.“
China liefere über die südostasiatischen Staaten und Mexiko in die USA. Auch bei seltenen Erden und Lithium blieben die USA von China abhängig. „So einfach lassen sich wirtschaftliche Interdependenzen nicht aufbrechen.“ Für Europa und Deutschland im Besonderen sei die beabsichtigte Risikominderung in den Wirtschaftsbeziehungen mit China langwierig und werde „einiges kosten“.
Das größte Risiko einer wirtschaftlichen Entflechtung sieht der Autor darin, dass mit einer wirtschaftlichen Teilentflechtung eine kriegerische Auseinandersetzung für beide Seiten nicht mehr so kostspielig erscheine. „Der Preis, den China für einen militärischen Konflikt im Südchinesischen Meer oder über Taiwan zahlen müsste, würde sich verringern.“
Abschreckung statt Abkopplung als bessere China-Strategie?
Die entscheidende Frage sei, wie die Interdependenz mit China im Sinne wirtschaftlicher Abschreckung eingesetzt werden könne, schreibt Rudolf. Und sieht hier auch Europas Rolle: „Abschreckung statt technologischer Abkopplung – das könnte die wirtschaftlich und politisch realistischere Alternative zu dem Kurs sein, den die USA unter Präsident Trump eingeschlagen haben und den die Biden-Administration faktisch fortgesetzt hat.“ Leider geht Rudolf jedoch nicht näher darauf ein, wie dieser Alternativkurs im Detail aussehen könnte, welche Gedanken es dazu bereits gibt.
Ganz ähnlich das Urteil von Wolfgang Hirn in seinem Buch. Er plädiert für eine „neutrale Position“ der Europäischen Union als Vermittler zwischen den USA und China. Denn er konstatiert: „Weder China noch die USA sind derzeit um eine Deeskalation bemüht.“
Wolfgang Hirn: Der Tech-Krieg. China gegen USA – und wo bleibt Europa?
Campus Verlag,
Frankfurt 2024,
275 Seiten,
29 Euro
Hirn beschreibt den Technologiewettlauf zwischen den USA und China in Kernsegmenten wie Künstliche Intelligenz und Roboter, Halbleiter, E-Commerce und soziale Medien, beim Mobilfunk und in der Quantentechnologie, bei Windturbinen und Solarpanelen, bei Batterien, Biotech und in der Raumfahrt. Das ist ein guter Überblick für Leser, die in das Thema neu einsteigen wollen.
Europa als abgehängter Dritter des US-China-Konflikts
Hirns zentrale Warnung ist, dass Europa in diesem Technologiekonflikt bei Zukunftstechnologien immer weiter an Wettbewerbsfähigkeit zu den beiden Ländern zu verlieren droht. „Weil sich China und die USA in ihrem Kampf um die technologische Vorherrschaft gegenseitig pushen, wird der Abstand Europas eher noch größer.“
Er sieht vieles im US-Abwehrkampf gegen chinesische Unternehmen kritisch: „Wenn Chinas Digitalunternehmen in den USA erfolgreich sind, kommen immer wieder die gleichen Killerargumente: Zwangsarbeit und Ausspähung.“ An solchen Stellen wirkt Hirns Argumentation zuweilen ein wenig grobschlächtig.
Der Autor warnt, die Technologie-Exportkontrollen als Mittel der Eindämmung seien gefährlich. „Denn China wird sicher mit Vergeltung reagieren“ und habe mit seiner gewichtigen Stellung in der Rohstoffproduktion ein „großes Pfand in der Hand“. Den bereits erfolgten Exportbeschränkungen für Gallium, Germanium und Grafit dürfte seiner Ansicht nach bald eine für seltene Erden folgen.
Getrennte Tech-Welten wären teuer für Unternehmen und Verbraucher
Die Teilentkopplung sei teuer: „Neben der wirtschaftlichen droht eine technologische Fragmentierung.“ Wie beim Internet könnten auch auf anderen Gebieten zwei unterschiedliche Tech-Welten entstehen, eine amerikanische und eine chinesische. „Getrennte Tech-Welten kommen in der Regel Konsumenten wie Unternehmen teuer zu stehen, denn es müssen für die beiden Tech-Sphären jeweils eigene Produkte entwickelt und hergestellt werden, was die Kosten erhöht.“
Dies ist in der Tat in der deutschen Unternehmenswelt eine Sorge. Zunehmend organisieren die Firmen ihr Chinageschäft so, dass es im Notfall trennbar wäre von den übrigen Geschäftsteilen.
„Wir brauchen mehr Kooperation statt Fragmentierung oder gar Konfrontation“, plädiert Hirn – erläutert aber nicht, wie dies genau funktionieren könnte, ohne in Abhängigkeitsfallen zu tappen. Er fordert von der EU einen „ambitiösen milliardenschweren Masterplan“, um technologisch gegenüber China und den USA aufzuholen. Etwa über die Bildung eines europäischen Chip-Unternehmens wie beim Beispiel Airbus. An diesem spannenden Punkt einer konstruktiven und dennoch nicht unkritischen europäischen Chinastrategie, an dem man sich mehr Details gewünscht hätte, endet das Buch allerdings zu früh.
Beiden Büchern hätten ein paar Grafiken und Karten zur Illustration gut getan, wenn es etwa um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, die Stärke des Militärs und Chinas regionalen Einfluss geht.
Interessant ist der unterschiedliche Umgang der Autoren mit dem Begriff eines neuen kalten Kriegs. Hirn verwendet ihn bewusst, Rudolf indes hält wenig davon. Anders als bei der US-Auseinandersetzung mit der Sowjetunion gehe es heute um die Konkurrenz zweier Mächte, die in einem globalisierten System weiter wirtschaftlich hochgradig verflochten seien.
„Die strategische Rivalität zwischen den USA und China enthält jedoch die Ingredienzen, sich zu einem strukturellen Weltkonflikt zu verfestigen“, warnt er und sieht ein hohes wirtschaftliches und militärisches Risikopotenzial. Mitte April wird Olaf Scholz zeigen, wie ihm der Balanceakt in diesem komplexen Konflikt gelingt.