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Deutscher Wirtschaftsbuchpreis Die schöne Rede vom neuen Land: Verena Pausder erhält Sonderpreis der Jury

In „Das neue Land“ fordert Start-up-Ikone Verena Pausder bessere digitale Bildung. Ihr Appell in Buchform ist das „Unternehmerbuch des Jahres“.
15.10.2020 - 20:00 Uhr Kommentieren
Jetzt muss „kreatives Chaos“ ins System. Quelle: ullstein bild - Gawrisch/WELT
Autorin Verena Pausder

Jetzt muss „kreatives Chaos“ ins System.

(Foto: ullstein bild - Gawrisch/WELT)

München Geschrieben hat sie immer viel. Tagebuch, Blogs, Reden. Aber im vorigen November wurde der Start-up-Ikone Verena Pausder klar, dass es in der deutschen Debatte um die verschlafene Digitalisierung der Bildung etwas Stärkeres braucht, etwas Altmodisches wie das Medium Buch. Und so schrieb die Frau, die aufrütteln und Gleichgesinnte sammeln will, „Das neue Land – Wie es jetzt weitergeht“.

Es ist ein Manifest in Form einer Ansprache, verbunden mit Politikempfehlungen, getragen von einer ungebrochenen Leidenschaft: „Wir brauchen ein Neues Land. Und wir dürfen nicht lockerlassen. Wir werden es in Bewegung bringen“, schreibt die Autorin, die selbst einmal das Unternehmen Fox & Sheep für wertvolle Kinder-Apps gegründet hat. Gerade hat sie sich an der digitalen Lernplattform „Ada“ beteiligt, die die Handelsblatt Media Group gegründet hat.

Der Jury des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2020 waren das Engagement, die genaue Problemanalyse und die publizistische Haltung einen Sonderpreis für das „Unternehmerbuch des Jahres“ wert. Die 41-jährige Autorin steht für eine jüngere Generation, die sich einbringen will, auf Veränderung drängt und innovative Wege geht.

Üblich ist es nicht, dass Unternehmer sich einmischen. Man hält sich nach außen gern aus der Politik heraus. Das haben viele auch von Verena Pausder erwartet, der ältesten Tochter von Rudolf Delius, der das gleichnamige Bielefelder Textilunternehmen in neunter Generation leitet. Ist das wirklich nötig, haben manche im diskreten Ostwestfalen gefragt. Und die Autorin war dann doch erleichtert, als sie mitbekam, dass ihr Vater Exemplare des Neuland-Buchs kauft und verschenkt.

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    Für Pausder, die viel liest („nur nicht auf dem Kindle“), brach mit der Buchveröffentlichung eine neue Zeit an. Viele meldeten sich bei ihr, meist via Social Media, und boten Unterstützung an. „Das sind Menschen, die sich auf einmal politische Gedanken um die Zukunft machen“, erklärt sie. Leute, die sich sagen, wir müssen lauter werden. Die Verena Pausder als Mutmacherin erleben, die Multiaufsichtsrätin und Mutter von vier Kindern, die in den Corona-Monaten März und April eine Liste mit den besten Homeschooling-Angeboten vorlegte und später die Initiative „Stayonboard“ gründete. Die setzt sich dafür ein, dass Vorstandsfrauen, die Babys bekommen, im Job verbleiben dürfen. Das Gesetz sieht das nicht vor.

    Verena Pausder: Das neue Land. Wie es jetzt weitergeht.
    Murmann
    Hamburg 2020
    180 Seiten
    20 Euro

    Was ihren Hauptkampf für eine gescheite digitale Bildung angeht, spricht Pausder von einem „Dauerfeuer“, das nötig sei, und von einer „Kampagnenführung“, die viele mit auf eine lange Reise nimmt. Der 2003 gestartete „Bürgerkonvent“ des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel, bei dem sie anfangs begeistert mitmachte, dient ihr als warnendes Beispiel. Er verlor sich, so ihr Empfinden, in Bürokratie.

    Bis Jahresende will sich Pausder entscheiden, wie es bei ihr und ihren Fans weitergeht: eine neue Bewegung, eine neue Partei oder eine alte Partei? Ihr Onkel Johannes Rau, der SPD-Politiker und Bundespräsident, hat ihr mit seiner Passion für Bürgergespräche imponiert, auch auf Urgroßvater Gustav Heinemann verweist sie, ebenfalls früher Bundespräsident und in seinem Leben Mitglied in fünf Parteien.

    Unkonventionelles, Mutiges liegt Verena Pausder, worauf auch jener kürzlich verstorbene Politiker weist, den sie als Vorbild nennt: Wolfgang Clement, einst Superminister und dann seiner SPD nach groben Meinungsdifferenzen abtrünnig.

    Zweckoptimismus lehnt Verena Pausder ab. Sie meint es ernst mit dem digitalen Umbau der Gesellschaft und fügt an, am besten solle vieles auf europäischer Ebene entschieden werden. Die deutsche Kleinstaaterei ist ihre Sache nicht, diese Flickschusterei, bei der Bundesmittel über fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt für Schulen bisher von den Ländern minimalst abgerufen wurden. „Wir tänzeln bisher um die Digitalisierung nur herum“, diagnostiziert die Autorin.

    Jetzt müsse erst einmal „kreatives Chaos“ ins System, neue Energien, damit sich wirklich etwas ändert. Am Ende macht Buchverfasserin Pausder sogar den Vorschlag, jeder Begüterte solle ein Prozent seines Vermögens in staatlich zertifizierte Innovationsfonds investieren, und dann hört sie auch schon die lauten Proteste, hält sich aber lieber doch an das Potenzial: „Wir retten sozusagen unser eigenes Land aus der Mitte heraus.“

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