1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Anlagestrategie
  4. Trends
  5. Britisches Pfund: Ein Banker im Auge des Brexit-Sturms

Britisches PfundEin Banker im Auge des Brexit-Sturms

Das Chaos um den EU-Austritt schüttelt das britische Pfund durch, in den Handelsräumen der Banken wird die Gefechtsbeleuchtung eingeschaltet. Wir haben dem Devisenhändler Russell LaScala über die Schulter geschaut. 02.07.2017 - 11:53 Uhr Quelle: WirtschaftsWoche OnlineArtikel anhören

Seit dem Brexit-Votum schwankte die britische Währung ungewohnt heftig.

Foto: Reuters

Russell LaScala hat interessante Augen, das eine blau, das andere grünbraun, ganz so wie die Augen der Poplegende David Bowie – und sie blitzen auf, wenn er sich an die Nacht des EU-Referendums vor einem Jahr erinnert. Das Pfund legte damals in wenigen Stunden eine Achterbahnfahrt hin, erst getragen von der Erwartung auf einen Verbleib der Briten in der EU; doch am Ende sackte die britische Währung auf ein 30-Jahres-Tief, weil die Insel überraschend für den Austritt aus der EU gestimmt hatte. Der 51-jährige New Yorker mit den kantigen Zügen ist Co-Chef des weltweiten Devisenhandels bei der Deutschen Bank und arbeitet in der Regel hier in der Londoner Great Winchester Street.

LaScala sitzt in einem Konferenzraum im achten Stock, er trägt die Uniform der Banker, ein hellblaues Hemd und eine rot-weiß gemusterte Krawatte, er isst ein Sandwich, während er sich erinnert und dabei sparsam gestikuliert.

Es sind keine schlechten Zeiten für Devisenhändler. Nichts fürchten sie mehr als ruhige Märkte, in denen es kaum etwas zu verdienen gibt. Zwar handelt die Deutsche Bank nicht auf eigene Rechnung, doch sie verdient mit, wenn ihre Kunden rege kaufen und verkaufen. Hauptsache, es bewegt sich was, rauf oder runter, darauf kommt es an: dass sich was tut am Markt, dass man auf irgendwas wetten kann, dass es nicht ganz so schlimm kommt wie gedacht oder vielleicht noch viel schlimmer! Unruhige Zeiten, Ungewissheit – für Devisenhändler sind unklare Lagen das, was für Unternehmer stabile Verhältnisse sind: Traumbedingungen für Investitionen.

Börsen ABC
Ein Termingeschäft ist ein Geschäft, das erst zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten zukünftigen Zeitpunkt erfüllt werden muss. Zum Beispiel muss eine bestimmte Ware oder ein Finanzinstrument vom Verkäufer erst in drei Monaten geliefert und vom Käufer vollständig bezahlt werden. Unterschieden werden unbedingte und bedingte Termingeschäfte: Bei einem unbedingten Termingeschäft geht der Käufer die Verpflichtung ein, eine bestimmte Menge des Handelsgegenstands zu einem späteren Zeitpunkt zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten Preis vom Verkäufer zu kaufen (der Käufer geht damit eine „Long Position“ ein); der Verkäufer verpflichtet sich, zu den vereinbarten Konditionen zu liefern („Short Position“). Ein bedingtes Termingeschäft ist ein Optionsgeschäft. Termingeschäfte werden teils über Terminbörsen mit standardisierten Terminkontrakten angebahnt und abgewickelt oder außerbörslich im Handel „über den Banktresen“ (Over-the-Counter, OTC) zu frei ausgehandelten Konditionen. Mit Termingeschäften kann man finanzielle Risiken absichern (Hedging), auf Preisänderungen spekulieren (Trading) oder Preisunterschiede zwischen Märkten ausnutzen (Arbitrage).Quelle: Bundesbank.de
Ein Terminkontrakt hat ein standardisiertes unbedingtes Termingeschäft zum Inhalt, das über eine Terminbörse vereinbart und abgewickelt wird. Terminkontrakte gibt es für zahlreiche Handelsgegenstände wie zum Beispiel Weizen, Gold, Devisen, Staatsanleihen oder Aktien. Die Details eines börsennotierten Terminkontrakts wie zum Beispiel die genaue Spezifikation des unterliegenden Handelsgegenstands, die Kontraktgröße und seine Laufzeit sind standardisiert. Ein Terminkontrakt ist ein Derivat: Seine Preisentwicklung hängt maßgeblich von der Preisentwicklung des unterliegenden Handelsgegenstands, dem „Basiswert“, ab. Terminkontrakte, werden zur Absicherung gegen das Risiko von Preisschwankungen eingesetzt („Hedging“), zur Spekulation auf eine erwartete Preisentwicklung des Basiswerts (Trading) oder um Preisunterschiede zwischen Märkten auszunutzen (Arbitrage). Terminkontrakte (englisch: Futures) sind von Optionskontrakten (bedingten Termingeschäften) zu unterscheiden.
Als Derivat wird in der Bankensprache ein Finanzinstrument bezeichnet, dessen Preis von der Preisentwicklung einer zugrunde liegenden Bezugsgröße, dem sogenannten Basiswert, abhängt. Basiswerte sind zum Beispiel Aktien, Aktienindizes, Staatsanleihen, Währungen, Zinssätze, Rohstoffe wie Weizen und Gold, ferner auch Swaps. Derivative Finanzinstrumente können als unbedingte Termingeschäfte oder als Optionsgeschäfte ausgestaltet sein, sie werden teils an Terminbörsen mit standardisierten Konditionen gehandelt, teils außerbörslich (Over-the-Counter, OTC) zu frei ausgehandelten Bedingungen. Preisänderungen im Basiswert führen in bestimmten Situationen zu erheblich stärkeren Preisänderungen der jeweiligen Derivate. Mit Derivaten kann man finanzielle Risiken absichern (Hedging), auf Preisänderungen spekulieren (Trading) oder Preisunterschiede zwischen Märkten ausnutzen (Arbitrage).
Ein Optionsgeschäft ist ein bedingtes Termingeschäft, bei dem der Käufer ein Wahlrecht (Option) bezüglich eines zugrunde liegenden Basiswerts erwirbt. Basiswerte sind zum Beispiel Aktien, Anleihe-Terminkontrakte oder Rohstoffe. Unterschieden werden Kauf- und Verkaufsoptionen. Der Käufer einer Kaufoption erwirbt das Recht, den Basiswert zu einem zukünftigen Zeitpunkt zu einem vorab festgelegten Preis zu kaufen; der Käufer einer Verkaufsoption erwirbt entsprechend das Recht, den Basiswert zu verkaufen. Der Käufer kann dieses Recht aber auch ungenutzt lassen, wenn ihm dies günstiger erscheint. Demgegenüber hat der Verkäufer einer Kauf- bzw. Verkaufsoption kein Wahlrecht, er muss als „Stillhalter“ das Geschäft erfüllen, wenn der Käufer seine Option ausübt. Für das Wahlrecht (die Option) zahlt der Käufer dem Stillhalter bei Vertragsabschluss eine Prämie. Käufer können Optionsgeschäfte nutzen, um sich gegen unerwünschte Preisentwicklungen des Basiswerts abzusichern (Hedging) oder um auf Preisentwicklungen zu spekulieren (Trading). Dem Verkäufer geht es in erster Linie um die Vereinnahmung der Prämie. Unterschieden werden börsliche Optionsgeschäfte mit standardisierten Optionskontrakten und außerbörsliche Optionsgeschäfte. Bei einer „europäischen Option“ kann der Käufer sein Wahlrecht nur am Ende der vereinbarten Laufzeit des Optionsgeschäfts ausüben, bei einer „amerikanischen Option“ zu jedem Zeitpunkt während der Laufzeit.

Seit dem Brexit-Votum schwankte die britische Währung ungewohnt heftig: 12 Prozent Verlust gegenüber dem Euro, fast 20 Prozent gegenüber dem Dollar! Und auch seither immer wieder diese Ausschläge, je nachdem, ob die Politik das eine oder andere entscheidet. So war das Pfund im Oktober 2016 nur noch 1,20 Dollar wert, als Premierministerin Theresa May während des Parteitags der Tories einen „harten Brexit“ ankündigte, also den konsequenten Austritt Großbritanniens aus EU-Binnenmarkt und -Zollunion – weil sie sich zu einer strikt regulierten Einwanderungspolitik verpflichtet fühlte.

Und beim mysteriösen Flash Crash am 7. Oktober brach das Pfund zu Beginn des asiatischen Handels sogar um 6,1 Prozent ein, fiel in nur zwei Minuten auf 1,18 Dollar.

Wenn Emmanuel Macron seine Wahlversprechen umsetzt und die regionale Integration vorantreibt, die Unternehmenssteuern senkt und den Arbeitsmarkt reformiert, „könnte die Rückkehr des Vertrauens den Konsum stärken und dann könnten wir wirklich eine positive Spirale in Frankreich sehen“, sagt Vincent Durel, Portfoliomanager bei Fidelity International in Paris. Ein Überblick, welche Aktien und Sektoren von der Wahl beeinflusst werden könnten.

Foto: AFP

Macron befürwortet niedrigere Lohnsteuern und eine höhere Prämie für Beschäftigte im Niedriglohn-Bereich. Höherer Konsum der privaten Haushalte würde zyklischen Konsumwerten zugutekommen wie Einzelhandel, Medien, Hotels, Freizeit und Restaurants, sagten die Analysten um Roland Kaloyan von der Société Générale.

Foto: dpa

Auf Bankaktien entfielen neun der zehn größten Gewinner im Aktienmarkt des Euroraums am Tag nach der ersten Wahlrunde. Das Risiko eines Erfolgs von Le Pen und damit für einen Ausstieg Frankreichs aus dem Euro ist erst mal gebannt und ein Anstieg der Bondrenditen stärkte den Ausblick für die Ergebnisse der Kreditinstitute. Macron hat auch vorgeschlagen, die Vermögenssteuer zu ändern, sodass sie nur auf Grundbesitz und nicht auf Kapitalinvestments erhoben wird. Zudem macht er sich für eine pauschale Steuer von 30 Prozent auf Kapitaleinkünfte stark. Das könnte zu mehr Aktienkäufen führen, wovon Crédit Agricole SA, BNP Paribas und der Vermögensverwalter Amundi profitieren würden, meint Société Générale. Am Tag nach der Wahl machten die Anleger mit den Geldhäusern aber zunächst Kasse.

Foto: dpa

Macron hat Investitionen in Erneuerbare Energien versprochen. Das wäre laut Goldmann Sachs für Hersteller von Windkraftanlagen wie Vestas Wind Systems und Nordex sowie Energieanbieter wie EDP Renovaveis und Engie positiv. Bei Electricité de France könnte ein von Macron unterstützter Floor für Kohle zu steigenden Strompreisen führen und den Cashflow der staatlich kontrollierten EDF verbessern.

Foto: dpa

Macron hat sich dafür ausgesprochen, den Anteil des Staats an börsennotierten Unternehmen zu senken. Ein Verkauf der staatlichen Anteile an Orange könnte Fidelitys Durel zufolge eine weitere Konsolidierungswelle in der Branche auslösen – oder zumindest Gespräche darüber. Sein Fonds hat Aktien von Iliad gekauft, weil der Telekomanbieter zu den größten Nutznießern einer Konsolidierung gehören würde.

Skeptischer ist dagegen Stéphane Beyazian, Analyst bei Raymond James. Eine weitere Konsolidierung in dem Sektor sei angesichts der jüngsten Signale der französischen Regulierer mittelfristig nicht mehr wahrscheinlich, sagt er.

Foto: Reuters

Die französischen Autobauer Renault und Peugeot könnten von niedrigeren Arbeitskosten, höherem Konsum und Macrons Plänen, Autobesitzern Anreize zu geben, auf schadstoffärmere Autos umzusteigen, profitieren, sagt Société Générale. Laut Evercoriht ist es unter Macron wahrscheinlicher, dass die Regierung Anteile an Renault verkauft. Das wäre gut für das Unternehmen, da es den Weg für eine effizientere, ausbalanciertere Holding mit Nissan freimachen würde, an der Renault ebenfalls beteiligt ist.

Foto: AFP

Der Bausektor würde Société Générale zufolge von Macrons Plan profitieren, die lokale Kopfsteuer für vier Fünftel der Haushalte abzuschaffen und den Wohnbau in bestimmten Regionen zu stärken. Nach Einschätzung der UBS würde seine Agenda auch französischen und auf Frankreich ausgerichteten Immobilien-Investment-Trusts zugutekommen. UBS hat kürzlich die Kursziele für den REIT Unibail-Rodamco und den Entwickler ICADE angehoben.

Foto: dpa

Macron plant, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren. Davon würden arbeitsintensive Branchen wie Lebensmittel, Einzelhandel, Dienstleistungen und verarbeitendes Gewerbe profitieren, sagt Supriya Menon, Strategin bei Pictet Asset Management.

Foto: dpa

Der Wahlsieg von Macron könnte einige Sektoren allerdings auch negativ beeinflussen. Sein Vorhaben, neue Lebensversicherungsgesetze in seine Kapitalertragssteuer einzubeziehen, würde den Absatz solcher Produkte dämpfen. Allerdings wären sofortige Auswirkungen begrenzt, da die Versicherer jetzt auf andere Angebote ausgerichtet seien, sagt Société Générale. Am stärksten exponiert wäre CNP Assurances.

Foto: dpa

Der Sektor wurde als einer der wenigen Gewinner unter Le Pen gesehen, da sie in ihrem Wahlkampf dafür plädiert hat, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und die Sicherheitskräfte zu stärken.

Foto: dpa

Unternehmen mit einem hohen Umsatzanteil im Ausland würden von den niedrigeren Steuern in Frankreich weniger profitieren und ihre Auslandsgewinne könnten durch einen stärkeren Euro belastet werden. Die größten Unternehmen im CAC 40, darunter LVMH, L’Oréal und Airbus, erwirtschaften mehr als 90 Prozent vom Umsatz im Ausland.

Foto: dpa

Auch die zwischenzeitliche Wende sorgte bei den Devisenhändlern für Auftrieb: Die Annahme, dass May und ihre Partei bei den Wahlen am 8. Juni eine große Mehrheit erzielen werden, stützte die britische Währung in den vergangenen Wochen. Einige spekulierten darauf, dass May künftig weniger Rücksicht auf die Euro-Skeptiker in ihrer Partei nehmen müsse und bei den Austrittsverhandlungen auf einen konzilianteren Kurs einschwenken würde. Wer indes nicht damit rechnete, konnte hernach gute Gewinne einstreichen: May büßte ihre Mehrheit überraschend ein. Die Verunsicherung lastete auf dem Pfund und drehte einmal mehr den Trend.

Und nun? Auf welche Prognosen sollen sich mutige Anleger heute stützen? Von welchen Politkapriolen können sie in den nächsten Wochen und Monaten profitieren? Zwei Jahre, mindestens, wird sich der Austrittsprozess hinziehen. Wie wird die Schlussabrechnung aussehen? Marginalisiert sich die wirtschaftliche Bedeutung des Vereinigten Königreichs ohne die Mitgliedschaft in der EU? Oder eröffnen sich Großbritannien sogar neue Chancen? Was wäre eine Stärkung der Achse London–Washington wert: mit Donald Trump und über ihn hinaus? Nun – den größten Erfolg für mutige Anleger verspricht derzeit wohl die Spekulation auf einen weiteren Abwärtstrend.

Sorge vor Le Pen: Die Börsenwelt blickt nach Frankreich
Im Gegensatz zu den Niederlanden oder auch zum pleitebedrohten Griechenland ist Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ein echtes Schwergewicht. Entsprechend nervös sind die Investoren: „Gewinnt Le Pen die Wahl, werden Frankreichs Börsen beben“, schreibt Analyst Daniel Burgmann von der Ratingagentur Scope.Auch deutsche Anleger, die in europäische Aktien- und Rentenfonds investiert haben, würden die Turbulenzen spüren. Denn der Anteil französischer Werte an den europäisch ausgerichteten Fonds sei groß - häufig größer als der deutscher Werte. Doch auch wer vornehmlich den Leitindex Dax im Blick hat, dürfte stark betroffen sein: Analyst Cedric Spahr von der Schweizer Bank J. Safra Sarasin warnt vor einem Ausverkauf bei vielen kontinentaleuropäischen Aktien.Quelle: dpa
Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass die Anleger überraschende und auf den ersten Blick negative politische Nachrichten immer schneller verdaut haben. Dauerte die Kurserholung im Fall des Brexits noch vier Wochen, seien es bei der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten nur noch vier Stunden und beim italienischen Verfassungsreferendum maximal vier Minuten gewesen, schreibt Analyst Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Ein wichtiger Grund für die gelassene Reaktion der Börsen war das Vertrauen der Anleger in die Geldpolitik der Notenbanken: Die Währungshüter dies- und jenseits des Atlantiks standen immer bereit, notfalls die Märkte zu stützen.
Sollte tatsächlich Le Pen in der voraussichtlich notwendigen Stichwahl am 7. Mai als Siegerin vom Platz gehen, könnten die Anleger diesmal weniger entspannt reagieren als in der Vergangenheit. Im Falle eines Triumphs der Rechtspopulistin könnte der EuroStoxx 50 um bis zu 35 Prozent einbrechen, befürchtet Analyst Lefteris Farmakis von der Schweizer Bank UBS. Dies würde den Eurozonen-Leitindex auf den Stand von Mitte 2012 zurückwerfen. Wegen der Bedeutung Frankreichs für das europäische Projekt hält der Experte den Spielraum für Schadensbegrenzung etwa der Notenbank für weit geringer als zum Beispiel bei der Bekämpfung der griechischen Schuldenkrise.
Falls der bislang favorisierte und parteilose Kandidat Macron in der entscheidenden zweiten Runde im Mai gewinne, „werden wir eine massive Umschichtung von Geldern in Richtung Europa sehen“, prophezeit Stephanie Flanders, Chef-Anlagestrategin Europa des US-Fondsriesen JP Morgan Asset Management. Schon die Parlamentswahl in den Niederlanden, wo die Rechte unter Geert Wilders klar verloren hatte, habe zu einem vorsichtigen Meinungswandel unter Investoren geführt. Für Europas Börsen dürfte es bei einer Niederlage Le Pens daher weiter nach oben gehen.

Am Freitag, dem 23. Juni, jährt sich das historische Brexit-Referendum zum ersten Mal. Jetzt wird abgearbeitet. Das erste Scheidungsgespräch zwischen London und Brüssel ging am Montag über die Bühne, leidlich harmonisch, feierlich ernst, wie es heißt: Man muss halt miteinander auskommen und beteuert, wie sehr man an einem freundschaftlichen Verhältnis nach der Trennung interessiert ist. Und aus Sicht der Briten läuft es bisher gar nicht so schlecht. Bis zum endgültigen Austritt Ende März 2019 hat das Königreich weiter ungehindert Zugang zum EU-Binnenmarkt. Hinzu kommt, dass das schwache Pfund den britischen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft; ihre Waren sind im Ausland billiger. Die Börse jubelt darüber.

Zwar gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftsdynamik abschwächt. Doch die Rezession, vor der Volkswirte im Vorfeld des Referendums gewarnt hatten, ist zunächst einmal ausgeblieben. Mit ihrem schwachen Pfund müssen die Briten für ausländische Waren allerdings mehr zahlen. Die Inflationsrate sprang im Mai auf knapp drei Prozent, der Konsum beginnt bereits zu schwächeln – und wird zur Konjunkturbremse.

Devisenhändler LaScala wurde, wie so viele, vom Ergebnis der Volksabstimmung im Juni 2016 überrascht: „Ich hatte einen starken Sieg für Remain erwartet“, sagt er, „keinesfalls mit einer Mehrheit für den Brexit gerechnet.“ Die Brexit-Nacht wird ihm daher immer im Gedächtnis bleiben: „Dramatisch“ sei es gewesen, erzählt er, obwohl einer wie er starke Nerven hat. In seinen 28 Jahren als Devisenhändler, unter anderem bei Chase Manhattan und der CitiBank, hat er den Schwarzen Mittwoch miterlebt, als George Soros 1992 seine Milliardenwette gegen das Pfund gewann und die britische Währung den Europäischen Wechselkurs-Mechanismus verlassen musste, die Terrorattacken am 11. September 2001 in New York.

Und natürlich den Untergang der US-Bank Lehman Brothers im September 2008, aber auch die radikale Entscheidung der Schweizer Nationalbank, den Franken- vom Eurokurs zu lösen, die die Devisenmärkte im Januar 2015 erschütterte. Der „Brexit“ aber sei dennoch etwas Besonderes gewesen: Ein erwartetes Ereignis nahm eine völlig unerwartete Wendung.

Die größten Flash Crashs an der Börse
Jüngstes Beispiel für einen sogenannten Flash Crash, einen technisch verursachten Blitz-Absturz an den Börsen, der so schnell verschwindet wie er auftaucht, ist das Pfund. Die britische Währung stürzte im asiatischen Handel unvermittelt knapp acht Prozent in die Tiefe – eine größere Bewegung als direkt nach dem Brexit-Votum. Vorausgegangen war dem Devisenkrach eine anhaltende Abwertung, Börsianer befürchteten zuletzt ein Ausscheiden der Briten aus dem europäischen Binnenmarkt. Möglicherweise sei ein Marktteilnehmer auf eine falsche Taste gekommen, hieß es in den Handelsräumen der Banken.
Der Dow-Jones-Index fiel schlagartig um ganze 9,2 Prozent in die Tiefe, was das größte Minus innerhalb eines Handelstages seit dem schwarzen Montag 1987 war. Binnen Minuten löste sich eine Billion Dollar an Börsenwert in Luft auf. Regulatoren nahmen die sogenannten Flash Boys in die Pflicht. Diese Hochfrequenzhändler hatten das ganze zwar nicht ausgelöst, doch mit ihren automatisierten, von Computern gesteuerten, Handelsaufträgen den Absturz überhaupt erst so heftig werden lassen. In London sprach ein Gericht den Briten Navinder Sarao mitverantwortlich, dem Börsenhändler steht aller Wahrscheinlichkeit nach die Auslieferung in die Vereinigten Staaten bevor, wo ihm eine langjährige Haftstrafe droht.
Innerhalb von zwölf Minuten pendelten die Renditen von den so sicheren US-Treasuries um ganze 37 Basispunkte – und das ganz ohne politische Neuigkeiten. Hochfrequenzhändler, sogenannte HFT-Unternehmen (High Frequency Trading) hatten den Handel durcheinander gewirbelt. Erst ging es bergab, dann bergauf. Warum das ganze so eskalierte: Die Flash Boys standen oft auf beiden Seiten ein- und derselben Order.
Fast 1000 Dow-Jones-Punkte und 1,2 Billionen Dollar – der bisher größte Flash Crash an den Aktienmärkten. Phasenweise ging es an der Wall Street so schnell bergab, dass die Anzeigetafeln gar nicht mehr nachkamen. Immerhin gab es mit der chinesischen Yuan-Abwertung eine Erklärung für die Bewegung. Dieses Mal waren es passive ETFs, die mit hunderten Orders für Chaos gesorgt hatten. Einige Experten gaben den nach dem Crash vom Mai 2010 eingeführten Sicherheitsmechanismen eine Mitschuld.
Mitten in der Nacht erlebt der Kiwi, Landeswährung in Neuseeland, den größten Stürz in 30 Jahren. Auf dem Devisenmarkt verlor der Kiwi acht Prozent. Er verlor vier US-Cent und kam damit auf 61,30 Cent, ehe er auf den Ausgangswert zurücksprang. Zeitweise lagen wegen dem computerisierten „Algotrading“ zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten zwei Cent.
Anderes Land, das gleiche Muster: Wie beim jüngsten Pfund-Schock brach auch der Rand Südafrikas im frühen asiatischen Handel ein. Binnen einer Viertelstunde verlor die Währung neun Prozent und stürzte auf ein Rekordtief. Die relativ geringe Liquidität zu der Tageszeit führt dazu, dass schon kleine Order einen übermäßigen Einfluss auf das Geschehen haben. Experten zufolge könnte dieses Muster demnächst häufiger auftreten, da strengere Auflagen die Liquidität reduzieren und auf eine geringere Nachfrage für Schwellenländer-Anlageklassen treffen.
Auch der Terminmarkt ist nicht vor einem Flash Crash gefeit. Innerhalb nur einer Minute stürzten Kontrakte auf den chinesischen CSI 300 um zehn Prozent und erholten sich wieder nahezu vollständig. Verantwortlich zeigte sich ein einzelner Investor. Der Futures-Markt im Reich der Mitte gehörte 2015 zu den aktivsten der Welt, nach den folgenden Börsenturbulenzen im Sommer nahmen die Behörden diesen strenger an die Hand.

Vielleicht sollten alle künftig weniger auf die Demoskopen achten und sich stattdessen genauer bei Buchmachern umhören, um besser gewappnet zu sein? In den meisten Meinungsumfragen wurde ein knapper Sieg der EU-Befürworter prognostiziert. Bei den Buchmachern in den Wettbüros hingegen wurde zwar das meiste Geld auf „Remain“ gesetzt; nach Köpfen jedoch rechnete eine Mehrheit mit „Leave“.

Dass die Volksabstimmung ein Großereignis mit langer Nachtschicht werden würde, wussten alle in der Londoner City; auch die Deutsche Bank, einer der Topakteure im globalen Devisenhandel, bereitete sich vor. Es habe eine Liste mit mehr als 40 Prüfpunkten gegeben, berichtet LaScala. Getestet wurde unter anderem die elektronische Handelsplattform Autobahn. Würde sie in der Lage sein, den erwarteten Ansturm von Käufern und Verkäufern zu bewältigen? Und dann die Einteilung des Personals: „Jeder wollte in dieser Nacht dabei sein.“ In London werden 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels abgewickelt, weit mehr als in New York; das Pfund Sterling ist nach Dollar, Euro und Yen die meistgehandelte Währung der Welt.

LaScala selbst reiste kurz vor dem Referendum nach New York. Als die Wahllokale in London um 22 Uhr schlossen, war es bei ihm erst 17 Uhr; noch ahnte keiner, wie turbulent die Nacht werden würde. Übrig blieb im großen Handelsraum schließlich eine Truppe von Devisenhändlern: Einige trugen Jeans, andere waren im Anzug gekommen, einer hatte Donuts mitgebracht.

Auch in London blieben die Devisenhändler der Deutschen Bank die Nacht über an Bord. Unter ihnen Tom Rees, Analyst, Anfang 20, Berufsanfänger. Rees war um 20 Uhr ins Büro gekommen. Die Stimmung: erwartungsvoll. „Wir hatten uns monatelang auf das Brexit-Votum eingestellt, waren bestens vorbereitet und in höchster Alarmbereitschaft“, sagt Rees. Auf großen Bildschirmen verfolgten Händler und Analysten die Liveberichte von BBC und Bloomberg.

„Als die Wahllokale schlossen, herrschte die nervöse Zuversicht, dass Remain gewinnen würde“, erinnert sich LaScala. Das Pfund notierte zu diesem Zeitpunkt bei rund 1,47 Dollar. Als eine knappe halbe Stunde später eine Wählerbefragung von 5000 Briten eine 52-prozentige Mehrheit für den Verbleib in der EU signalisierte, schnellte die britische Währung bis auf 1,50 Dollar hoch – den höchsten Stand seit Weihnachten 2015.

Sogar Nigel Farage, der Chef der EU-kritischen UKIP, schien zu diesem Zeitpunkt überzeugt: „Sieht so aus, als ob Remain es schafft.“ So zuversichtlich waren LaScala und seine Kollegen, dass sie das Pfund sich in den nächsten 48 Stunden schon auf ein Niveau von 1,55 oder 1,57 Dollar einpendeln sahen. Was für ein Irrtum.

Denn nach Mitternacht wendete sich das Blatt. Am frühen Morgen traf die Nachricht ein, in der nordenglischen Stadt Newcastle hätten mit 50,7 Prozent viel weniger Wähler als erwartet für den EU-Verbleib gestimmt. Die Ergebnisse aus dem benachbarten Sunderland waren ein noch größerer Schock: 61,3 Prozent für den EU-Austritt. „Wir handelten bei etwa 1,50 Dollar, als die Resultate von Newcastle reinkamen. Die britische Währung schwächte sich daraufhin auf 1,49 Dollar ab und dann – binnen etwa 30 Sekunden – sackte sie auf 1,43 Dollar. Das Tempo war irgendwie beängstigend“, sagt LaScala.

Es war eine surreale Atmosphäre. Der große Handelsraum an der Wall Street war dunkel, nur die Desks der Devisenhändler waren besetzt. „Plötzlich fingen alle im Raum an zu rufen: ‚Was ist hier los?‘ Kunden riefen an: ‚Was ist passiert?‘“, erinnert sich LaScala. Auch in London wurde es hektisch. Institutionelle Kunden, Unternehmen, Pensionsfonds und Versicherungen wollten sich gegen das fallende Pfund absichern.

Bei 1,43 Dollar verharrte das Pfund etwa 10 bis 15 Minuten. „Wir sagten, wartet doch noch ein bisschen, es wird anders, wenn erst die Ergebnisse von London und anderen Remain-Bezirken reinkommen …“ Stattdessen ging es weiter abwärts mit dem Pfund – und der Brexit verdichtete sich zur Gewissheit: Binnen zweieinhalb Stunden rutschte das Pfund auf 1,32 Dollar – so tief wie seit 31 Jahren nicht mehr.

Einer von LaScalas Kollegen, ein 52-jähriger Brite, vergrub den Kopf in den Händen und stöhnte: „Russ, ich kann gar nicht glauben, was hier passiert!“ Er konnte nicht fassen, dass Großbritannien sich aus der EU verabschieden würde. LaScala war zu beschäftigt, um innezuhalten. Wichtiger war für ihn, dass das Handelssystem Autobahn stabil lief. Mit der Koffein-Brause Red Bull hielten er und die Devisenprofis sich wach.

Gegen 4.35 Uhr Londoner Zeit lagen nach Auszählung von zwei Dritteln der 382 Wahlkreise die EU-Gegner mit 51,3 Prozent vorn. Um 4.40 Uhr schließlich verkündete die BBC den Sieg der Brexit-Befürworter. Damit war es offiziell: Nach mehr als 40 Jahren würde Großbritannien die EU verlassen.

Die Händler lehnten sich erschöpft zurück; einer ging frische Bagels kaufen. In der Morgendämmerung verließ LaScala schließlich das Büro, ging ins Hotel. „Aber ich konnte nicht gut schlafen.“

Schon nach wenigen Stunden kehrte er zurück. Auf den Fernsehschirmen war jetzt der britische Premier David Cameron zu sehen, der den Rücktritt erklärte. Kurz darauf meldete sich Mark Carney zu Wort, Chef der britischen Notenbank, und versuchte, die Märkte zu beruhigen.

Tom Rees und seine Londoner Kollegen, die nun über zwölf Stunden gearbeitet hatten, verdrückten gegen elf Uhr morgens noch eine Runde Pizza. Eigentlich sei der Job als Devisenhändler etwas für junge Männer, sagt LaScala augenzwinkernd. Der Arbeitstag beginne um sieben Uhr morgens und sei voller Stress.

LaScala liebt ihn trotzdem, weil sich immer was tut. Die globalen Devisenmärkte, an denen täglich mehr als fünf Billionen Dollar umgesetzt werden, faszinieren ihn auch nach fast 30 Jahren noch. Als Soros 1992 mit Leerverkäufen in Milliardenhöhe gegen das Pfund wettete, „gab es noch keinen elektronischen Handel, alles lief übers Telefon. Unsere Kunden schrien in den Hörer: ‚Verkaufen, verkaufen, verkaufen. Ich muss Pfund verkaufen!‘ Doch dann stand ein Kollege auf und flüsterte: ‚Es gibt keine Käufer.‘“

Trotz der Versuche der britischen Notenbank, das Pfund durch drastische Zinserhöhungen und Interventionen zu stützen, wertete es an einem Tag um etwa 15 Prozent ab. Soros war eine Milliarde Dollar reicher und galt fortan als der Mann, der die Bank of England in die Knie gezwungen hat.

Verwandte Themen
Europäische Union
Deutsche Bank
George Soros
Großbritannien
Brexit
Yen

Nun reiht sich das Brexit-Votum in diese Erinnerungen ein. „Wir haben in jener Nacht vor einem Jahr bei Geschäften, die wir im Auftrag unserer Kunden ausführten, ein Rekordvolumen umgesetzt – drei Mal so viel wie an einem normalen Handelstag und 20 Mal so viel wie sonst in einer normalen Nacht in London.“ Allein im elektronischen Handelssystem seien mehrere zehn Milliarden Euro umgeschlagen worden.

Auf ruhige Zeiten muss LaScala weiter warten. Das stört ihn nicht.

Trotz seines Nachnamens, der an das berühmte Mailänder Opernhaus erinnert, hört LaScala statt Opern lieber krachenden Rock: Metallica und Guns N’ Roses etwa. Musik also, die laut und schnell ist – wie die Finanzmärkte.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt