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Doppel-InterviewKKR-Manager: „Wir setzen auf Deutschland“

Top-Manager Scott Nuttall und Deutschland-Chef Christian Ollig vom Finanzinvestor KKR wollen im hiesigen Markt nicht nur im Mediensektor expandieren.Peter Köhler und Kathrin Jones 17.02.2020 - 04:00 Uhr

KKR hat derzeit nicht investiertes Kapital in Höhe von 57 Milliarden Dollar.

Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt

Frankfurt. Offiziell ist Scott Nuttall Co-President bei Kohlberg Kravis Roberts (KKR), aber darüber hinaus gilt der 47-jährige Manager als Kronprinz für die Nachfolge von Henry Kravis und George Roberts, die das Private-Equity-Haus 1976 in New York gegründet haben und zu einem führenden globalen Investor mit Anlagen von über 200 Milliarden Dollar ausgebaut haben.

KKR kauft Unternehmen oder Konzernteile, optimiert und restrukturiert sie und reicht sie dann nach mehreren Jahren weiter an andere Finanzinvestoren oder Konzerne beziehungsweise bringt sie an die Börse. Das Geschäft ist äußerst lukrativ, die Netto-Renditen bei den Top-Fonds im Private-Equity-Segment liegen bei mindestens 20 Prozent. Geldgeber für die Finanzinvestoren sind Pensionsfonds, Versorgungswerke, Versicherungen und Family Offices, die die Vermögen reicher Familien verwalten.

In Deutschland hat die KKR-Mannschaft in der Vergangenheit schon in zahlreiche Unternehmen investiert, etwa in den Marktforscher GfK, den Besteckhersteller WMF, die werkstattkette ATU oder zuletzt in den Medienkonzern Axel Springer. Im einzigen Doppel-Interview in Europa erläutern Nuttall und Deutschland-Statthalter Christian Ollig (42) ihre Strategie.

Das komplette Interview lesen Sie hier:

Herr Nuttall, wie wichtig ist für KKR der deutsche Markt?
Nuttall: KKR ist hier seit Ende der Neunzigerjahre aktiv, mittlerweile haben wir ein 20-köpfiges deutsches Team rund um Partner Christian Ollig, der unser Deutschlandgeschäft vor Ort verantwortet. Wir wollen zukünftig in all unseren Geschäftsbereichen in Deutschland noch stärker wachsen. Mit all unseren Investments helfen wir Unternehmen, Familien und Gründern – unter anderem im deutschen Mittelstand –, Wachstumsziele schneller und nachhaltiger zu erreichen. Über Private Equity hinaus bringen wir jetzt auch die anderen Aktivitäten von KKR nach Deutschland (Anmerkung der Redaktion: Dazu zählen etwa private Kreditfonds, Infrastrukturfonds und Immobilien-Investments).

Warum ist Deutschland attraktiv für KKR?
Nuttall: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Einmal ist da das langfristige Denken, das unserer Haltung sehr ähnlich ist. Und es gibt eine starke Industriebasis, die eine fundamentale Transformationsphase durchläuft. Seit Ende der Neunzigerjahre haben wir in Deutschland über acht Milliarden Dollar in mehr als 25 Firmen investiert. Wir setzen auf Deutschland und fühlen uns hier zu Hause.

Reden wir über den Aufstieg der „privaten Märkte“. Die Private-Equity-Branche kommt schon auf vier Billionen Dollar weltweit, bis 2023 erwarten Experten in allen Segmenten einen Anstieg der verwalteten Gelder auf 14 Billionen Dollar. Wann überholen Sie die öffentlichen Aktien- und Rentenmärkte?
Nuttall: Als ich 1996 zu KKR kam, war Private Equity primär ein Phänomen in den USA – heute ist es ein wichtiger Bestandteil in allen wesentlichen Volkswirtschaften. Gleichzeitig hat sich unsere Branche weiterentwickelt. Wir decken viel mehr ab als damals. Denken Sie an unsere Investitionen in Infrastruktur, Immobilien, Unternehmenskredite oder Risikokapital für Unternehmer. Schon dadurch wächst das Kapital, das unsere Investoren uns anvertrauen.

Aber die Nullzinspolitik der Notenbanken spielt Ihnen doch auch in die Hände – oder nicht?
Nuttall: Dieser Umstand macht langfristiges Kapital umso produktiver. Investoren müssen heute einen höheren Anteil an alternativen Investments im Portfolio haben, um attraktive Renditen zu erwirtschaften. Deshalb glaube ich, dass auch das Interesse an alternativen Anlageklassen weltweit noch zunehmen wird.

Wie hoch ist das „dry powder“ – das nicht investierte Kapital – bei KKR?
Nuttall: Über alle Anlageklassen hinweg sind es aktuell etwa 57 Milliarden Dollar. Aber Sie dürfen nicht vergessen: In den beiden vergangenen Jahren haben wir global jeweils zwischen 25 und 30 Milliarden Dollar investiert.

Aber glauben Sie nicht, dass die Renditen wegen der Geldschwemme sinken müssen? Die Bewertungen der Unternehmen, die von Private-Equity-Fonds gekauft werden, sind sehr hoch, es gibt Druck auf die Gewinnmargen. Sind da Renditen von 20 Prozent noch drin?
Nuttall: Unsere Investoren – etwa Pensionskassen, Stiftungen und Family Offices – wollen eine Rendite sehen, die höher ist als die Rendite an den öffentlichen Börsen. Und die haben wir geliefert.

Wie gelingt das?
Nuttall: Wichtig ist: man darf nicht zu sehr auf Durchschnittswerte im Markt schauen, denn es gibt immer eine große Abweichung nach oben und unten. Wir suchen nach Unternehmen, die ein komplexes Geschäftsmodell haben oder vor einer großen Transformationsphase stehen und dafür einen starken Partner brauchen. Wir kaufen diese Komplexität, arbeiten im privaten Umfeld eng mit den Management-Teams zusammen und verkaufen nach erfolgreicher Transformation am Ende Einfachheit. Wir sind ein geduldiger, langfristig orientierter Investor.

Der 47-Jährige arbeitet seit 1996 für KKR.

Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt

Thyssen-Krupp hat ein komplexes Geschäftsmodell, mehrere Finanzinvestoren bieten für das Aufzugsgeschäft. Wäre das nicht etwas für KKR?
Nuttall: Kein Kommentar (lacht).

Welche Branchen sind interessant in Deutschland? Sie sind bei Axel Springer und weiteren Medienfirmen eingestiegen. Kommt da noch mehr zu diesem Segment?
Ollig: Wir sehen uns im Medienbereich immer nach Gelegenheiten um. Aber natürlich gilt das auch für andere Branchen. Deutschland hat nun einmal eine breit aufgestellte Wirtschaft, speziell im Mittelstand.

Und was planen Sie im Feld der Infrastruktur?
Ollig: Wir haben vor Kurzem die Deutsche Glasfaser im Zuge einer milliardenschweren Transaktion verkauft, wir sind also ein aktiver Investor im Markt. Deutschland hat wichtige Investitionsjahre vor sich und ist deshalb für uns so interessant.

Wie stehen Sie zu Tech-Unternehmen?
Nuttall: Auch hier gilt, dass die Spreizung der Bewertungen enorm ist. Bei den sehr hoch bewerteten Unternehmen würden wir jetzt wahrscheinlich nicht mehr einsteigen. Aber grundsätzlich investieren wir auch in Wachstumsunternehmen, wie zum Beispiel Getyourguide in Deutschland, und in anderen Teilen Europas.

Sie erwähnten die Finanzbranche. Was reizt Sie sonst noch in Deutschland?
Nuttall: Wir haben vor Kurzem in den Zahlungsdienstleister Heidelpay investiert, der auf kleine und mittelgroße Firmen zielt. Das ist eine gute Plattform für die weitere Expansion in diesem Bereich. Wir wollen eine Rolle in der Konsolidierung dieses Sektors spielen. Generell interessieren wir uns für das gesamte Spektrum der Fintechs.

Sie sagten einmal, eine Rezession sei normal und könne gesund sein. Erwarten Sie einen Abschwung, und was würde der bedeuten?
Nuttall: Was wir sehen, sind sektorspezifische Rezessionen. Das gilt etwa für Teile der Automobilindustrie, den Einzelhandel und den Energiesektor. Der Verbraucher- und Dienstleistungssektor ist nach wie vor recht stabil. Davon gehen wir auch weiterhin aus. Eine weitreichende Rezession ist aktuell aber nicht unser Basis-Szenario. Natürlich kann es einen normalen Abschwung geben, aber wir erwarten keinen dramatischen Einbruch wie 2008/2009.

Erwarten Sie mehr Transaktionen mit Unternehmen in Schieflage, also Investments in „Distressed Assets“?
Nuttall: Ja. Wenn Unternehmen ihre Umsatz- und Ergebnisziele verfehlen und an der Börse niedriger bewertet werden oder anderweitig der Zugang zu Kapital für Unternehmen schwierig wird, dann eröffnen sich für langfristig orientierte Investoren wie uns gute Chancen. Wir schauen nicht auf kurzfristige Trends, sondern auf die langfristigen Entwicklungsperspektiven.

Wo erwarten Sie diese Chancen?
Nuttall: Es gibt sie schon in den USA und auch in Europa. Die Börsen und Finanzmärkte tendieren zu Überreaktionen.

Manchmal führt das auch zu einem Delisting, also dem Rückzug von der Börse. Sie betreiben so etwas auch, etwa bei Axel Springer …
Nuttall: Sehen Sie, der Anteil von Private Equity an den globalen Übernahmen und Fusionen (M&A) inklusive Delistings liegt historisch zwischen fünf und 15 Prozent. Der Großteil der Delistings ist aber die Folge von Zusammenschlüssen unter Konzernen. Es geht immer um das beste Umfeld für die Entwicklung des Unternehmens. In jüngster Vergangenheit haben wir auch Unternehmen neu an die Börse gebracht, etwa Trainline in Großbritannien oder Software One in der Schweiz.
In Deutschland gilt der Rüstungskonzern Hensoldt aus ihrem Portfolio als Kandidat für die Börse.
Ollig: In Hensoldt sind wir seit 2016 investiert, und das Unternehmen hat sich sehr gut entwickelt.

Wo sehen Sie die größten Risiken in diesem und den nächsten Jahren?
Nuttall: Es gibt für jeden von uns jeden Tag eine riesige Fülle an Informationen, aus der wir die wirklich wichtigen Signale, die Megatrends, herausfiltern müssen. Wir konzentrieren uns auf das, was wir kontrollieren können, etwa bei der Führung und Entwicklung der Unternehmen.

Was sind für Sie die Megatrends in den nächsten Jahren?
Nuttall: Die Digitalisierung, denn sie eröffnet uns neue Geschäftsfelder, und auch das „Impact Investing“, bei dem wir durch unsere Investitionen sozialen Nutzen schaffen wollen. Hier haben wir schon fünf Milliarden Dollar investiert. Das reicht von der Abfallwirtschaft in Indien über Nahrungsmittelsicherheit in China bis zu Bildungsprojekten weltweit.

Und wo investieren Sie nicht mit Blick auf Nachhaltigkeitskriterien? Meiden Sie Öl- und Kohle-Investments?
Nuttall: Wir schauen besonders darauf, wie die Mitarbeiter behandelt werden und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, außerdem ist auch der CO2-Fußabdruck wichtig. Es kann aber auch sein, dass man ein Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit voranbringen und so einen Mehrwert schaffen kann. Aber die ESG-Kriterien für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung sind auch deshalb immer wichtiger, weil wir die Verantwortung tragen für 800.000 Arbeitsplätze weltweit – allein in unseren Private-Equity-Portfoliounternehmen.

In den USA stehen Sie seitens der Politik am Pranger. Man kritisiert die hohen Gewinne, die Abhängigkeit der Wirtschaft von Private Equity und die Forcierung einer ungerechten Vermögensverteilung
Nuttall: Eines ist für uns ganz klar: Man kann ein Geschäft nicht erfolgreich führen, wenn man nur die Kosten drückt. Man muss in Wachstum investieren, und das schafft neue Arbeitsplätze. In Deutschland haben wir beispielsweise in unseren Portfoliounternehmen zwischen Ein- und Ausstieg im Schnitt acht Prozent mehr Jobs geschaffen. Diese Fakten müssen wir aber noch besser erklären. Und das tun wir im Dialog mit Politikern, Gewerkschaftlern, Journalisten und anderen Entscheidungsträgern auf beiden Seiten des Atlantiks.

Wie steht es um den endgültigen Stabwechsel an der Spitze?
Nuttall: Ich arbeite mit meinem Kollegen Joe Bae seit 1996 für KKR, also 24 Jahre, an der Seite der Gründer Henry Kravis und George Roberts. Große Strategiewechsel sind nicht zu erwarten, denn wir vier – gemeinsam mit unseren Senior-Partnern – haben die Pläne gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Wir werden immer wieder neue Akzente setzen, und Deutschland ist sicher ein Teil dieser Strategie.

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Wann werden sich die beiden Gründer zur Ruhe setzen?
Nuttall (lacht): Da fragen Sie die falsche Person. Aber sehen Sie, KKR ist mit 44 Jahren eine recht junge Gesellschaft. Ich weiß, dass beide ihr Unternehmen und das, was sie tun, lieben. Und uns allen macht es großen Spaß, dieses Unternehmen weiterzuentwickeln.

Herr Nuttall, Herr Ollig, vielen Dank für das Interview.

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