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Milliardenschwere GeldtransfersFintechs und Reformen rütteln am lukrativen Geschäft mit Heimatüberweisungen

Migranten versenden mehr Geld denn je. Ein gutes Geschäft für die Marktführer Western Union, Moneygram oder Ria. Die Digitalisierung ändert das Spiel.Stefan Reccius 28.08.2018 - 21:06 Uhr Artikel anhören

Der Finanzdienstleister ist Marktführer bei Heimatüberweisungen.

Foto: picture alliance/dpa

Frankfurt. Mit vier rostbraunen Scheinen in der Hand tritt Elvir Colovic an den Schalter. „Ich möchte 200 Euro nach Montenegro schicken“, sagt Colovic. Das Geld ist für seine Mutter, ein Geschenk zum Opferfest, dem höchsten muslimischen Feiertag. Doch auch außerhalb des Feiertags schickt Colovic regelmäßig Geld in seine Heimat, seit er vor 28 Jahren nach Deutschland ausgewandert ist. Dafür ist er bereit, 4,90 Euro draufzulegen: So viel behält Western Union für den Transfer von Frankfurt nach Montenegro als Gebühr ein.
Wenn Migranten wie Colovic Geld in alle Welt schicken, ist das für ihre daheimgebliebenen Familien eine große Hilfe – und für Finanzdienstleister wie Western Union ein großes Geschäft. Der Markt für Heimatüberweisungen wächst kräftig. Trotzdem waren die Zeiten für den Marktführer nie so schwer.

Und das liegt nicht an den 589 Millionen Dollar, die Western Union voriges Jahr wegen seines laxen Umgangs mit Vorschriften zur Geldwäsche und Terrorfinanzierung als Strafe an das US-Justizministerium zahlte. Vielmehr mischen Start-ups mit Kampfpreisen und sekundenschnellen Überweisungen die etablierten Dienstleister auf.
Es ist ein lukratives Marktsegment, denn Migranten schicken immer mehr Geld um den Globus. Aus Deutschland überwiesen Arbeitnehmer mit ausländischer Staatsangehörigkeit im Jahr 2017 laut Bundesbank 4,6 Milliarden Euro ins Ausland. Das waren 50 Prozent mehr als vor fünf Jahren.

Insgesamt unterstützten Migranten ihre Familien in der Heimat weltweit mit 613 Milliarden Dollar, schätzt die Weltbank. Zum Vergleich: An zwischenstaatlicher Entwicklungshilfe fließt nicht mal ein Viertel dieser Summe. Vor allem in unterentwickelten Regionen gelten Heimatüberweisungen deshalb als wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Umso stärker rücken die Gebühren in den Blick. 18 Milliarden Dollar zwacken die Anbieter ab, wie die Weltbank errechnet hat, im Schnitt sieben Prozent. Für Pedro Morazán vom auf Entwicklungspolitik spezialisierten Südwind-Institut das Resultat einer „sehr starken Konzentration im Markt: 75 Prozent der Überweisungen werden von den drei größten Anbietern kontrolliert“.

Das sind neben Western Union zwei weitere Anbieter aus den USA: Moneygram und Ria. Ein Ärgernis für Versender wie Empfänger, einerseits. Andererseits hat es Western Union, 1851 zunächst als Anbieter von Telegrammen gegründet, Millionen Menschen in etlichen Entwicklungsländern überhaupt erst ermöglicht, Geld ihrer Angehörigen zu empfangen. „Viele sind auf Western Union angewiesen, weil in ihren Heimatländern keine Bankenstrukturen vorhanden sind“, konstatiert Morazán.

Lange konnte das Unternehmen aus Denver sich darauf verlassen, dass Kunden wie der Wahl-Frankfurter Colovic die Schalter in aller Welt ansteuern. Seit bald 150 Jahren ist Western Union führend im Geschäft mit Geldtransfers. Während andere Geldhäuser Filialen schließen, hat Western Union unter Vorstandschef Hikmet Ersek seit 2009 sein Filialnetz nochmals ausgeweitet.

An 550.000 Standorten können Kunden Geld senden und abholen, auch in Wechselstuben, Handyläden, Paketshops, Reisebüros. Der Empfänger muss dafür nur einen zehnstelligen Zahlencode angeben, den der Sender beim Einzahlen erhalten hat. Ein Konto brauchen beide nicht, genau wie Western Union keine Banklizenz benötigt.

Seine Aktionäre verwöhnt das Unternehmen mit stetig wachsenden Umsätzen. Zuletzt wickelte Western Union 270 Millionen Transaktionen im Wert von 80 Milliarden Dollar ab. Mit Erträgen von 5,5 Milliarden Dollar zählt das Unternehmen laut dem Wirtschaftsmagazin „Fortune“ zu den 500 umsatzstärksten Firmen der USA.

Reform der Gebührenverordnung

Aber wie lange noch? Veronika Kütt von der Frankfurt School of Finance ist da skeptisch. Sie beschäftigt sich aus der Perspektive neuer Technologien mit Heimatüberweisungen. Kütt erkennt eine „unheimliche Dynamik“ und vergleicht Western Unions Lage mit jener der Post am Anfang des Internetzeitalters: „Die Post hätte es sein können, die E-Mail-Dienste für ihr Geschäft nutzt. Genauso kann ich mir nicht vorstellen, dass Western Union dieser rasanten Transformation standhalten und sein Geschäftsmodell schnell genug anpassen kann.“ Sie erwartet, dass Start-ups mit neuen, digitalen Lösungen für den Versand von Geld über Ländergrenzen hinweg „in hoher Geschwindigkeit wachsen werden“.

Fintechs wie Transferwise. Das mehr als 1.000 Mitarbeiter starke Start-up aus London bietet Auslandsüberweisungen in 49 Währungen an – und das nach eigenen Angaben „bis zu sechsmal günstiger als bei traditionellen Banken“. Hierzulande kooperiert Transferwise mit der Berliner Onlinebank N26. Transferwise geht aber noch einen Schritt weiter.

Kommentar

Die Gebühren bei Echtzeit-Überweisungen sind überflüssig

Das Start-up will erreichen, dass Banken und Finanzdienstleister künftig alle Gebühren bei Überweisungen ins Ausland offenlegen. Der Hintergrund: Häufig kassieren Western Union und Co. doppelt ab. Zusätzlich zu den Gebühren veranschlagen sie einen eigenen Wechselkurs, statt zum aktuellen Devisenmittelkurs abzurechnen. „Sehr verwirrend“, findet Flora Coleman, die bei Transferwise für die politischen Beziehungen zuständig ist. Sie fordert: „Mit versteckten Kosten muss Schluss sein.“ Einer von dem Start-up initiierten Kampagne haben sich 6.000 Menschen angeschlossen. Ihr Name: „Know What You Pay“.

Darauf dringt Coleman auch in Brüssel. Ein Vorstoß, der gutes Timing beweist: Denn die Kommission will die EU-weit verbindliche Vorschrift „für grenzüberschreitende Zahlungen in der Union und Entgelte für Währungsumrechnungen“ verschärfen. Eine gesetzliche Verpflichtung zu mehr Transparenz wäre wohl im Sinne der Verbraucher – und von Transferwise.

Doch Coleman mahnt, die Reform von Verordnung 924/2009 sei „auf Druck der Finanzindustrie deutlich abgeschwächt worden“. Kunden erhielten womöglich nur die Wahl, in welcher Währung sie zahlen wollen. Dann aber würden „Menschen, die beispielsweise Geld an ihre Familien in der Heimat überweisen, weiterhin unter versteckten Kosten leiden“. Demnächst wird das Europaparlament über die von den Finanzministern vereinbarten Änderungen abstimmen.

Deutschland hält Coleman für vergleichsweise fortschrittlich. Hier hat die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Auftrag des Entwicklungshilfeministeriums eine Vergleichsplattform für Heimatüberweisungen entwickelt. Unter der Adresse geldtransfair.de können Migranten unter 31 Anbietern vergleichen. Besonders radikal: Xendpay verzichtet auf jegliche Gebühr. Stattdessen bittet das Fintech, das Überweisungen in 173 Länder anbietet, seine Nutzer unter dem Motto „Pay What You Want“ gewissermaßen um eine Spende: „Zahle uns die Gebühr, die dir unser Service wert ist.“

Nitin Bhas, Experte des britischen Analysehauses Uniper Research, schätzt, dass der Marktanteil aller Fintechs zusammengenommen seit 2015 von 2,5 auf zwölf Prozent gestiegen ist. Mit welchen Summen Risikokapitalgeber und Konzerne die Herausforderer mittlerweile auf Angriff trimmen, zeigt das Beispiel Xoom.

Vor drei Jahren erwarb Paypal das Start-up für 900 Millionen Dollar. Unter der bekannten Marke ist die Kundenzahl rasant gewachsen. Eine Erfolgsgeschichte ist auch ein Start-up aus Kenia: Mit M-Pesa können Kunden Guthaben von Smartphone zu Smartphone schicken.

Mit diesem Mobile Money genannten Angebot hat M-Pesa in kürzester Zeit etliche afrikanische Länder erobert, wo viele Menschen kein Konto besitzen, wohl aber ein Smartphone. „Die Leute haben das einfach gebraucht“, sagt Finanzexpertin Kütt. Sie verweist auf Schätzungen, nach denen in wenigen Jahren „90 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zu mobilem Internet und Apps haben werden“. Auf Bargeld und Filialen, soll das heißen, seien die meisten dann nicht mehr angewiesen. Allenfalls „einige Servicestellen oder Hotlines“ seien noch notwendig, so Kütt.

In Denver sieht man das anders. Western Union werde weiter auf Schalter und App setzen: „Wir wollen unseren Kunden die Wahl lassen.“ Doch CEO Ersek, der selbst Wurzeln und Familie in der Türkei hat, sieht die Zukunft im Versenden von Geld durch Mobilfunkgeräte. Deshalb sei das „eines unserer größten Investments“, betonte er.

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Zahlen dazu gibt die Firma freilich nicht preis, nur so viel: Western Union beschäftigt mehrere Hundert IT-Entwickler im Silicon Valley und in Indien, wo Mobile Money weit verbreitet ist und Überweisungen per Messenger wie WhatsApp im Kommen sind. Außerdem hat der Geldversender Partnerschaften mit Apple und Facebook verabredet. So sollen Kunden in der Lage sein, auch über den mobilen Bezahldienst Apple Pay oder via Chats Geld zu versenden.

So leicht, das ist die klare Botschaft aus Denver, gibt sich Western Union nicht geschlagen.

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