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  5. Doch fehlende Daten erschweren den Geldhäusern einen besseren Umgang mit Klimagefahren

NachhaltigkeitDie Aufsicht macht Druck: Banken sollen „grüner“ werden

Nach Auffassung der EZB haben Europas Geldhäuser die Klimarisiken in ihren Bilanzen nicht im Griff. Deshalb werden sie ab sofort intensiv geprüft.Yasmin Osman, Elisabeth Atzler 21.02.2022 - 04:03 Uhr Artikel anhören

Die EZB betont die Bedeutung von Umweltrisiken – mit Stresstests, Nachhaltigkeitsprüfungen und Vor-Ort-Inspektionen.

Foto: Marc-Steffen Unger

Frankfurt. Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZBdrängen Europas Großbanken zu mehr Tempo beim Thema Klimaschutz. „In diesem Jahr wollen wir entschiedene Fortschritte dabei sehen, wie Banken Klima- und Umweltrisiken in ihr Risikomanagement integrieren“, sagte der Vizechef der EZB-Bankenaufsicht, Frank Elderson, am Freitag.

Den Banken, die den Erwartungen der Aufsicht nicht gerecht werden, drohte er indirekt mit Konsequenzen: „2022 wird das Jahr sein, in dem Klima- und Umweltrisiken zu einem festen Bestandteil der täglichen Aufsichtsarbeit“ werden, sagte er. Diese Risiken würden nun „integraler Bestandteil“ der aufsichtlichen Gespräche – und damit letztlich auch die Kapitalanforderungen der Banken beeinflussen.

Was Elderson damit meint: Die EZB-Bankenaufseher setzen für jede Bank individuelle Kapitalpuffer fest, in denen bestimmte bankspezifische Risiken berücksichtigt werden. Diese individuellen Kapitalpuffer werden „Pillar-2-Anforderungen“ genannt. Zu den Parametern, die dabei eine Rolle spielen, zählen unter anderem Faktoren wie die Qualität des Risikomanagements eines Instituts – und damit auch die Frage, wie gut Klimarisiken dabei berücksichtigt werden.

Viele Institute müssen nacharbeiten

Die Banken bekräftigen zwar unisono, dass sie die Wirtschaft beim klimaneutralen Umbau begleiten wollen. Aus Sicht von Elderson ist die Branche damit aber noch nicht sehr weit gekommen. „Über die formelle Zuweisung von Verantwortlichkeiten hinaus sehen wir bei Banken noch immer wenig Fortschritte bei einem aktiveren Management von Klima- und Umweltrisiken“, sagte er. „Selbst Banken, die die große Bedeutung von solchen Risiken anerkennen, haben keine Verfahren gemeldet, um ihr Risikoniveau entweder zu senken oder zu managen.“

Elderson forderte die Geldhäuser dazu auf, beim Risikomanagement „das volle Spektrum“ der ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen, etwa indem sie ihre Portfolios „strategisch neu ausrichten“, indem sie „qualitative Kreditkriterien anpassen“ und festlegen, wie groß ihr Risikoappetit mit Blick auf Klima- und Umweltrisiken ist.

Ein anderer Bereich, in dem Banken aus Sicht der EZB Fortschritte machen sollten, ist die „aktive Unterstützung“ ihrer Kunden, sich an Klima- und Umweltrisiken anzupassen oder diese abzuschwächen. 

Die Fortschritte der Banken werden von der EZB eng begleitet: Im vergangenen Jahr hatten die Banken in einer Selbsteinschätzung darlegen müssen, inwieweit sie bereits die Vorstellungen aus einem Leitfaden umsetzen, den die Aufsicht 2020 veröffentlicht hatte.

Diesen Ansprüchen wird bislang kein Institut gerecht. „Banken haben berichtet, dass 90 Prozent ihrer Praktiken nur teilweise oder überhaupt nicht den Erwartungen der EZB-Bankenaufsicht entsprechen. Lassen Sie mich das wiederholen: 90 Prozent“, betonte Elderson.

Die Institute müssen deshalb Aktionspläne einreichen, wie sie sich verbessern wollen. „Die EZB hakt nach, welche Fortschritte die Institute seit dem vergangenen Oktober mit ihren Aktionsplänen gemacht haben“, berichtet ein Insider. Erste Geldhäuser haben die Fragebögen dazu mittlerweile erhalten, wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr. 

Eine ganz neue Art von Stresstest

Die angemahnten Verbesserungen im Risikomanagement sind allerdings nur ein Baustein, mit dem die EZB den Klimaschutz bei Banken in diesem Jahr stärker verankern will. Ein anderer Baustein ist der erstmals durchgeführte Klima-Stresstest, bei dem die EZB-Aufseher die finanziellen Auswirkungen von unterschiedlichen Klima-Schocks durchspielen lassen. Die Fragebögen für den Stresstest müssen im März zurückgeschickt werden. Im Juli will die EZB die Ergebnisse veröffentlichen. 

Der Unterschied zwischen dem Stresstest und der Überprüfung des Risikomanagements ist folgender: Beim Risikomanagement geht es darum, ob Banken organisatorisch, also in ihren Prozessen mit Umweltrisiken schon so umgehen, wie die EZB das will. Beim Stresstest untersucht die EZB dagegen, wie stark die Institute bei Unternehmen engagiert sind, die für Klimarisiken anfällig sind – und welche finanziellen Verluste den Banken drohen, wenn bestimmte ungünstige Klimaszenarien eintreten.

Eine „Übung, um zu lernen“

Dass die EZB-Bankenaufseher die qualitativen Aspekte beim Umgang der Banken mit Umweltrisiken stärker in den Vordergrund stellen als die potenziellen ökonomischen Folgen des Klimawandels, dürfte auch der Not geschuldet sein: Für Banken wie für die Aufseher ist es sehr schwer, Schäden aus dem Klimawandel zu quantifizieren.

Hinzu kommt: Erste Erfahrungen aus Großbritannien deuten darauf hin, dass die Klima-Stressszenarien nicht unbedingt massive ökonomische Drohrisiken offenlegen. Die erste Runde des Klima-Stresstests der britischen Aufsicht PRA habe nur geringe Auswirkungen auf das Eigenkapital der Banken gezeigt, sagten mit dem Sachverhalt vertraute Personen dem Handelsblatt. „Im Durchschnitt belasteten die Stressszenarien die Eigenkapitalquote um rund 0,2 Prozentpunkte“, sagte ein Insider. 

Eine Sprecherin der PRA kommentierte das nicht. Derzeit läuft in Großbritannien die zweite Runde des Klima-Stresstests an, die Ergebnisse aus beiden Teilen dieser Übung sollen im Mai veröffentlicht werden.

In Frankfurt halten es einige Experten für plausibel, dass der Klimastresstest der EZB ähnliche Resultate liefert. „Es gibt innerhalb der Bankenaufsicht eine Diskussion, wie sich der Eindruck vermeiden lässt, dass der Klimawandel kein wichtiges Thema für den Finanzsektor ist, weil er sich vermutlich kaum auf die Eigenkapitalquoten auswirkt“, berichtet eine mit den Diskussionen vertraute Person.

EZB-Vertreter betonen immer wieder, dass der anstehende Klima-Stresstest in erster Linie als „Übung, um zu lernen“, dient. Das ist auch der Grund dafür, dass die Aufseher bei einer Handvoll Banken Vor-Ort-Prüfungen durchführen werden, um in der Praxis zu sehen, wie die Banken mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen.

Die Aufseher hätten dazu eine mittlere einstellige Zahl an Banken aus wichtigen Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden auserkoren, hieß es in Finanzkreisen. Die EZB wollte sich zu den Informationen nicht äußern.

Was ist ein „grüner“ Kredit?

Dass es für Banken und Aufseher so schwierig ist, Umweltrisiken zu messen, liegt auch daran, dass die dafür nötigen Daten fehlen. Das zeigen insbesondere die Schwierigkeiten der Geldhäuser mit der „Green Asset Ratio“, die die Nachhaltigkeit der Portfolios vergleichbarer machen soll: Die europäischen Banken müssen künftig – spätestens ab dem Jahr 2024 – darstellen, wie groß der Anteil ihrer „grünen“ Finanzierungen im Kreditbuch ist. 

Welche Kredite als „grün“ eingestuft werden können, bestimmt die EU-Taxonomie für Nachhaltigkeit, allerdings in einer relativ abstrakten Form. Als „grün“ gelten demnach Unternehmen mit Aktivitäten, die einem von sechs Nachhaltigkeitszielen der EU dienen. Dazu zählt etwa der Klimaschutz, die Anpassung an den Klimawandel oder der Schutz der Ökosysteme.

Auf der Positivliste für „grüne“ Engagements dürften somit etwa Energieversorger, die Ökostrom produzieren, landen. Oder auch Autohersteller, die emissionsarme Fahrzeuge herstellen. Zugleich dürfen diese zunächst einmal „grünen“ Aktivitäten kein anderes Nachhaltigkeitsziel der EU behindern. Ein Windpark sollte also zum Beispiel keine allzu große Bedrohung für Zugvögel darstellen. Das bedeutet: Eine pauschal „grüne“ Branche gibt es nicht, nur Unternehmen, für die es leichter oder schwerer ist, das grüne Gütesiegel zu erhalten.

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Doch die Green Asset Ratio stellt die Geldhäuser vor große Herausforderungen: Ihnen fehlen die Daten, um Kredite an Firmenkunden überhaupt als grün einstufen zu können. Tariq Noori, Abteilungsleiter Konzernstrategie und Nachhaltigkeit der DZ Bank, warnt: „Für viele Vorgaben aus der EU-Taxonomie haben wir die entsprechenden Daten noch nicht. Die EU-Taxonomie ist gerade mit Blick auf Klimaschutz sehr konkret – sie geht aber so tief ins Detail, dass weder Banken noch Unternehmen über die Daten verfügen.“

Noch operieren die Aufseher branchenweit mit Schätzungen: Die Europäische Bankenaufsicht Eba schätzte zuletzt, dass die Green Asset Ratio über alle Banken hinweg bei knapp acht Prozent liegen dürfte. Laut Christian Piller, Bankenexperte beim Softwareexperten Collenda, dürfen Banken für eine Übergangsphase mit Näherungswerten operieren. „Sie treffen dafür Annahmen, teils auf Branchenbasis.“ Piller geht aber davon aus, dass Unternehmen, die im laufenden Jahr neue Kredite anfragen oder bestehende Kredite verlängern wollten, bereits Daten zu ihren Klimarisiken liefern müssten. „Die Banken jedenfalls werden diese Daten abfragen.“

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