Inflation: „Verdammte Lügen“ – Wird die Inflation falsch berechnet?
Frankfurt. Seit Monaten beschäftigt die Kapitalmärkte vor allem ein Thema: Wann senkt die US-Notenbank (Fed) die Zinsen? Gleich dahinter kommt die Frage: Wann senkt die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen? Zuletzt haben sich die Erwartungen verschoben. Bei der EZB gehen die meisten Investoren und Experten weiterhin von einem Start im Juni aus, bei der Fed aber scheint nun der September der wahrscheinlichere Termin zu sein.
Dabei gehen die Meinungen weit auseinander. Einzelne Ökonomen erwarten gar keine Zinssenkung der Fed in diesem Jahr mehr, Ex-US-Finanzminister Larry Summers hat sogar eine mögliche Zinserhöhung ins Spiel gebracht.
Hintergrund ist, dass in den USA die Inflation deutlich höher liegt als in Europa. Hinzu kommt, dass dort die Wirtschaft sehr gut läuft und der Arbeitsmarkt sehr angespannt ist. Wenn aber die Geldpolitik in den USA und Europa auseinanderläuft, hat das auch Konsequenzen für den Kapitalmarkt: Höhere Zinsen in den USA als in Europa ziehen Geld in Anlagen jenseits des Atlantiks an.
„Climateflation“: Wird der Klimawandel zum Preistreiber für Lebensmittel?
In diese Gemengelage platzt Paul Donovan, der Chefökonom von UBS Wealth Management, der eine gewisse Berühmtheit für mitunter provokative Thesen hat. Er hat seine kurze Studie überschrieben mit: „Lügen, verdammte Lügen beim Vergleich der Inflationsstatistiken“.
Seine These ist ebenso simpel wie schlagkräftig: Europa und die USA haben dieselbe Inflationsrate von 2,4 Prozent. Und zwar dann, wenn man die Preissteigerung auch in den USA, wo die Inflation offiziell bei 3,5 Prozent liegt, nach dem europäischen System berechnet. Donovan zieht die Schlussfolgerung: „Identische Inflationsraten in den USA und in Europa auf Basis einer vergleichbaren Berechnung verhindern nicht, dass es zu unterschiedlicher Geldpolitik kommt.“ Aber seiner Meinung nach wirft eine „ähnliche reale Inflationserfahrung“ gerade deswegen Fragen nach den ökonomischen Konsequenzen unterschiedlicher Geldpolitik auf.
Donovan geht nicht in die statistischen Details. Aber tatsächlich hat die US-Behörde für Arbeitsmarktstatistik für eine Weile alternativ die US-Inflation nach europäischem Maßstab als Forschungsprojekt berechnet. 2022 stellte sie das aber ein. Nach Darstellung der Behörde ist der Hauptunterschied in den Berechnungen, dass nach dem europäischen System die Kosten für selbst bewohntes Eigentum nicht berücksichtigt sind. Tatsächlich hat es in der Vergangenheit wegen dieser Abweichung umgekehrt Kritik gegeben, in Europa werde die Inflation zu niedrig gemessen. Ein Problem dabei ist, dass diese Kosten schwer zu erfassen sind.
In den USA gibt es ohnehin unterschiedliche Inflationsstatistiken. In der Öffentlichkeit steht der Verbraucher-Preisindex (CPI) im Vordergrund. Die Fed schaut mehr auf den Preisindex für persönliche Ausgaben (PCE). In jedem Fall erinnert Donovans Einwurf daran, dass bei der Beurteilung der Geldpolitik statistische Unterschiede häufig unterschätzt werden.