Insiderbarometer: Topmanager veräußern größere Aktienpakete
Beim Betreiber von Solar- und Windparks Encavis verkaufte ein Aufsichtsrat zuletzt in größerem Umfang Aktien.
Foto: imago images/blickwinkelFrankfurt. Beim Blick auf die Transaktionen der Topmanager mit Aktien ihrer eigenen Unternehmen springt im Juni ein Wert ins Auge: Wirecard. Ex-Vorstandschef Markus Braun musste sich von einem Großteil seiner Anteilsscheine an dem Zahlungsdienstleister trennen und erlöste so gut 155 Millionen Euro. Der Grund waren sogenannte Margin Calls, also die Aufforderung eines Wertpapiermaklers, Verluste auszugleichen.
Vor zweieinhalb Wochen, bevor der Wirtschaftsprüfer EY Wirecard wegen fehlender Gelder in Höhe von 1,9 Milliarden Euro das Testat für die Bilanz 2019 verweigerte, notierte die Aktie bei Kursen über 100 Euro. Heute ist sie gerade einmal gut drei Euro wert. Braun verkaufte seine Papiere im Schnitt noch für knapp 30 Euro je Aktie.
Der Bilanzskandal inklusive Kursrutsch ist ein herber Schlag auch für etliche Privatanleger. Olaf Stotz, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, mahnt, das Vertrauen in Aktien durch Wirecard nicht grundsätzlich zu verlieren: „Der Fall zeigt aber wieder deutlich: Investoren sollten sich nicht durch Gier leiten lassen, sondern auf kritische Stimmen hören und breit diversifiziert investieren.“
Auch abgesehen von Wirecard waren die Vorstände und Aufsichtsräte der deutschen Unternehmen bei Aktienverkäufen zuletzt aktiv. In den an die Finanzaufsicht Bafin gemeldeten Transaktionen findet sich auch ein Verkauf in Höhe von mehr als 35 Millionen Euro bei der SDax-Firma Encavis durch Aufsichtsrat Peter Heidecker, der Ende Mai getätigt und Anfang Juni in der Datenbank veröffentlicht wurde. Encavis teilte mit, dass die Familie Heidecker einen Anteil von rund 2,2 Prozent veräußert habe, um das Vermögen neu zu strukturieren.
Er stehe weiterhin zu seinem Engagement und wolle auch zukünftig „die erfolgreiche Wachstumsstrategie des Unternehmens begleiten“, ließ sich Heidecker zitieren.
Die Familie hielt zu dem Zeitpunkt noch rund 2,3 Prozent an dem Betreiber von Solar- und Windparks. Im Juni hat Heidecker weitere Encavis-Anteilsscheine bekommen, da er sich wie auch viele andere Aktionäre des Unternehmens statt für eine Bardividende für Aktien entschieden hat.
Hochschullehrer Stotz rät Anlegern jedoch, ebenfalls über Gewinnmitnahmen nachzudenken. Trotz Coronakrise liegt die Aktie seit Jahresanfang gut 40 Prozent im Plus: „Encavis ist in einem Standardgeschäft mit begrenzter Wachstumsfantasie tätig.“ Den Kurs halte er daher auf dem jetzigen Niveau für ambitioniert.
Auch unter den Nebenwerten gab es größere Verkäufe. Beim Arzneimittelhersteller Pharma SGP trennten sich mehrere Führungskräfte im Zuge des Börsengangs von Aktienbeständen. Bei Publity, einem Finanzinvestor für Gewerbeimmobilien, verkaufte Großaktionär und Vorstandschef Thomas Olek zwei Aktienpakete von zusammen etwa 49 Prozent an eine internationale Investorengruppe beziehungsweise an einen Einzelinvestor. Zugleich gab er aber bekannt, auch künftig Aktien und Anleihen von Publity am Markt erwerben zu wollen.
Vorsicht in den Sommermonaten
Infolge der Verkäufe ist das Insiderbarometer, das Stotz für das Handelsblatt aus den Transaktionen berechnet, im Juni um gut 17 Zähler auf knapp 118 Punkte gefallen. „Das ist ein deutlicher Rückgang in Zeiten, in denen die Märkte weiter gestiegen sind“, kommentiert Stotz.
Im gleichen Zeitraum legte der Dax über sechs Prozent zu. Den scharfen Einbruch durch die Coronakrise im März hat der Leitindex aber bis zum Ende des ersten Halbjahres noch nicht komplett aufgeholt. Nach den ersten sechs Monaten lag das Minus bei gut sieben Prozent.
Auf dem aktuellen Niveau signalisiert das Insiderbarometer zwar noch, dass sich Aktien auf Sicht von drei Monaten etwas besser als andere Anlageklassen entwickeln sollten. Dennoch betont Stotz: „Für den weiteren Aktienmarktausblick über den Sommer ist Vorsicht angesagt.“
Mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie und den bevorstehenden US-Wahlkampf rechnet er in den nächsten Wochen mit einer Handelsspanne im Dax zwischen 11.500 und 12.500 Punkten. Am Freitag schloss er bei 12.528 Zählern.
DZ-Bank-Analyst Christian Kahler sieht selbst im weiteren Jahresverlauf kein wesentliches Aufwärtspotenzial. Seine Dax-Prognose für Ende Dezember liegt bei 12.700 Punkten: „Zwar dürfte die Liquiditätsversorgung der Notenbanken dafür sorgen, dass Aktien nachgefragt bleiben. Ein Großteil dieser Erwartung wurde von den Aktienmärkten aber bereits vorweggenommen.“
Bis Mitte 2021 hält er die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen gegen die Folgen der Coronakrise aber für stark genug, um Aktien Auftrieb zu geben. Bis dahin könne der Dax auf 13.500 Punkte steigen. Ähnlich sieht es Franz Wenzel, Anlagestratege bei Axa IM. 2020 werde von einer scharfen Rezession geprägt: „Überdimensionale Konjunkturpakete könnten den Grundstein für ein solides Wachstum 2021 legen.“
Einige Firmenchefs dürften daher darauf setzen, dass sich die Pandemie nicht längerfristig negativ auf ihr Geschäft auswirkt. Deshalb gibt es auch jetzt Topmanager, die Aktien ihrer Unternehmen kaufen.
Zum größten Kauf bei den Aktien aus den Auswahlindizes kam es zuletzt bei SDax-Mitglied Jungheinrich. Aufsichtsrat Wolff Lange legte sich über die LJH-Holding Anteilsscheine im Wert von mehr als einer Million Euro ins Depot. Lange ist als regelmäßiger Käufer bekannt. Für Privatanleger ist die Transaktion daher nicht ganz so aussagekräftig.