Dax aktuell: Dax schließt nach EZB-Entscheid im Minus – Meistgehasste Rally aller Zeiten dürfte turbulent weitergehen
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Nach der Entscheidung der Notenbanker, mehr Anleihen zu kaufen, ist der Dax kurzzeitig um mehr als 100 Punkte gesprungen und dabei ins Plus gedreht, sackte dann aber sofort wieder ab. Zum Handelsschluss notierte er 0,5 Prozent im Minus bei 12.431 Zählern. Am gestrigen Mittwoch gab es ein Plus von 3,9 Prozent bei einem Schlussstand von 12.487 Punkten.
Auch der Euro verteuerte sich binnen Minuten um etwa einen halben US-Cent auf 1,1259 Dollar und lag zum Handelsschluss bei 1,1313 US-Dollar.
Parallel dazu griffen Investoren auch bei Anleihen der von der Coronavirus-Pandemie besonders hart getroffenen südeuropäischen Staaten beherzt zu. Dies drückte die Renditen der zehnjährigen Titel aus Italien zwischenzeitlich auf ein Zwei-Monats-Tief von 1,394 Prozent, zum Handelsschluss in Frankfurt lagen sie bei 1,422 Prozent. Ihre spanischen Pendants rentierten bei 0,559 Prozent nach 0,619 Prozent am Vortag.
Die Europäische Zentralbank steckt in der Coronakrise weitere 600 Milliarden Euro in Anleihen. Der EZB-Rat beschloss die Ausweitung des Notkaufprogramms für Staats- und Unternehmenspapiere auf 1,35 Billionen Euro am Donnerstag in Frankfurt, wie die Notenbank mitteilte. Das Programm soll nun bis mindestens Ende Juni 2021 laufen.
Das deutsche Börsenbarometer hat seit seinem Tief von Mitte März mehr als 50 Prozent zugelegt – in einem Zeitraum von nur zehn Wochen. Wie ist solch eine Rally angesichts der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte zu erklären? Die Antwort liest sich wie ein spannender Börsenkrimi.
Eigentlich ist solch eine Rally stets ein Grund zu Freude, doch diesmal ist es komplett anders. Denn mit den steigenden Kursen steigt auch die Skepsis der Anleger. Das zeigen unter anderem die beiden führenden Sentimentumfragen, das Handelsblatt Dax-Sentiment und die Erhebung der Börse Frankfurt.
Länger anhaltende Skepsis bedeutet: Mittelfristig agierende Anleger haben in den vergangenen Wochen ihre Spekulationen auf fallende Kurse erhöht. Das gilt sowohl für Profis als auch für Privatanleger.
Doch anstatt wie in der Vergangenheit ihre Verluste zu realisieren, bleiben sie darauf sitzen. Dabei werden die „finanziellen Schmerzen“ immer größer, weil das Minus ihrer Spekulation bei steigenden Kursen immer größer wird.
Warum sie die Verluste nicht realisieren wollen, ist einfach erklärt. Sowohl die professionellen als auch die privaten Anleger wollen diese Rally einfach nicht wahrhaben.
Es gibt schließlich genügend Gegenargumente. Neben den miesen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gibt es noch Unruhen in den USA mit möglichem Militäreinsatz. Auch der eskalierende Streit zwischen den USA und China kann die Rally nicht bremsen. Im Gegenteil: Je schlechter die Nachrichten, desto stärker steigen die Kurse.
„Die Aufwärtsbewegung der vergangenen Wochen dürfte wohl das Zeug dazu haben, als die bestgehasste Rally aller Zeiten in die Börsengeschichte einzugehen“, meint Verhaltensökonom Joachim Goldberg, der die wöchentlichen Anlegerumfrage der Börse Frankfurt auswertet.
Doch warum steigen die Kurse überhaupt? Die mittelfristig agierenden Anleger, die von der Börse Frankfurt und vom Handelsblatt befragt werden, können es nicht sein. Goldberg geht davon aus, dass der Markt aufgrund von langfristigen Kapitalströmen – auch aus dem Ausland – gestiegen ist.
Ein Blick auf den Euro stützt diese Ansicht: Seit dem 26. Mai ist die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar um mehr als drei Cent gestiegen. Damit dürften auch Aktien gekauft worden sein.
Doch wie geht dieser Börsenkrimi weiter? Goldberg vermutet, dass diese skeptischen Anleger erst bei deutlich niedrigeren Kursen ihre Spekulation auflösen. Der Dax kann also ungebremst fallen, es gibt kein gutes Sicherheitsnetz.
Auf der anderen Seite besteht trotz der Rally von 50 Prozent in nur zehn Wochen immer noch die Gefahr eines weiteren plötzlich rasanten Kursanstieges („Short-Squeeze“) auf Oberseite. Das klingt verrückt, Anleger sollten das Szenario aber nicht ausschließen.
Die Quintessenz aus diesen beiden Möglichkeiten: Die kommenden Handelstage dürften turbulent werden, deutliche Kursschwankungen in beide Richtungen sind zu erwarten. Und vermutlich ist es besser, bei fallenden Kursen abzuwarten und nicht sofort einzusteigen.
Blick auf die Einzelwerte
Lufthansa: Trotz einer Herabstufung lagen die Aktien zum Handelsschluss 1,2 Prozent im Plus. Die Experten von Berenberg hatten ihre Einstufung auf „Sell“ von „Hold“ gesenkt und ihr Kursziel auf acht von zwölf Euro reduziert.
Zudem gibt die Deutsche Börse nach Börsenschluss die künftige Zusammensetzung ihrer Indizes bekannt. Das Dax-Gründungsmitglied Lufthansa wird sich voraussichtlich aus der ersten deutschen Börsenliga verabschieden müssen.
Autoaktien: Die Papiere gaben deutlich nach, allen voran Daimler mit einem Minus von rund 2,5 Prozent. Auch die Papiere von Zulieferern wie Hella (minus 4,1 Prozent) oder Continental (ebenfalls minus 4,1 Prozent) gehörten zu den Verlierern. BMW-Titel hingegen gewannen 0,2 Prozent. Die Große Koalition hat sich gegen die von der Industrie geforderte Kaufprämie für Diesel und Benziner entschieden. Stattdessen soll es einen größeren Zuschuss für Elektroautos geben.
Die charttechnische Lage
Die Dynamik des Kursanstiegs lässt viele Investoren ratlos zurück. Mittlerweile ist der Dax über die wichtige 200-Tage-Linie (12.111 Punkte) und die ebenfalls in dem Bereich liegende 200-Wochen-Linie gestiegen. Diese Marken sind wichtige Indikatoren für den langfristigen Trendverlauf und werden bei Investoren stark beachtet. Dieser Anstieg unterstützt die laufende Erholung.
Anleger sollten nun striktes „Money Management“ betreiben, dafür bieten sich diese beiden Linien im Bereich von 12.000 Punkten gut an, als wichtige Absicherung für abgelaufene Gewinne.
Blick auf andere Asset-Klassen
Die Rally an den Aktienmärkten belastet mittlerweile auch den Goldmarkt. Nach den deutlichen Gewinnen bei den Aktien ist es kein Wunder, dass Gold in dieser Woche unter Druck geraten ist.
Am gestrigen Mittwoch rutschte der Preis auf bis zu 1690 Dollar je Feinunze ab. Am heutigen Donnerstag liegt er bei rund 1713 Dollar, ein Plus von 0,9 Prozent. Solange die Rally an den Aktienmärkten anhält, dürfte Gold keine neuen Rekordhochs erreichen. Einige Daten zeigen aber: Das gelbe Edelmetall bleibt im Fokus vieler Anleger.
Die vom Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg erfassten Gold-ETFs (börsengehandelte Indexfonds) hatten am gestrigen Mittwoch den 29. Tag in Folge Kapitalzuflüsse. Das ist ein neuer Rekord, so viele Tage hintereinander mit mehr Käufen als Verkäufen gab es noch nie.
Unsicherheit über die weitere Förderpolitik der Opec drückt die Ölpreise. Die Nordseesorte Brent verbilligt sich um 0,7 Prozent 39,51 Dollar je Fass (je 159 Liter), US-Leichtöl WTI um 1,2 Prozent auf 36,84 Dollar. Auch die hohen US-Lagerbestände belasteten, sagte CMC-Markets-Stratege Michael McCarthy.
Das Ringen der in der Opec plus zusammengeschlossenen Ölproduzenten um eine Ausweitung ihrer beispiellosen Förderkürzung gestaltet sich offenbar schwierig, unklar ist, ob eine für Donnerstag angedachte Onlinekonferenz der Opec-Länder stattfindet. „Der Markt ist zu der Ansicht gekommen, dass es immer komplizierter wird, dieses Geschäft über die Bühne zu bringen“, sagte Rohstoff-Experte Lachlan Shaw von der National Australia Bank.
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