Deutschland: Zurück in einem Land, in dem sogar die Schaffner lächeln
Ich lebe seit fast drei Jahren in den USA. Dort bin ich perfekten Service gewohnt: freundliche Menschen, die dich im Supermarkt anlächeln, selbst wenn du sie aus Versehen anrempelst – und die sich dann auch noch bei dir entschuldigen. Ob im Restaurant, im Hotel oder im Supermarkt: Service wird großgeschrieben, der Ton ist freundlich, die Stimmung leicht. Selbst im DMV, dem berüchtigten Straßenverkehrsamt, wird man freundlich behandelt und bekommt den Eindruck: Wir sind hier, um dir zu helfen.
Und Deutschland? Gilt ja eher als Servicewüste. Griesgrämige Gesichter, knappe Antworten, Beschwerden an allen Ecken. So zumindest das Klischee, das sich hartnäckig hält – und das auch ich früher oft bestätigt sah. Die Erzählungen von genervten Bedienungen, grantigen Taxifahrern oder muffigen Schalterbeamten sind ja fast schon Teil unserer Alltagsfolklore.
Doch jetzt kommt’s: Ich bin seit drei Wochen mit meiner Familie in Deutschland und Österreich unterwegs – und ich bin begeistert. Überall erlebe ich Freundlichkeit, Wärme und kleine Gesten, die einem den Tag retten. Begegnungen, die mich daran erinnern, wie schön es ist, wenn Menschen einander einfach mit Respekt und einem Lächeln begegnen.
Begegnungen, die hängen bleiben
Ein Beispiel: ein grauer Regentag in München. Der Zug fällt aus, wir hetzen zum Ostbahnhof, kaufen in letzter Minute Tickets übers Handy. Kaum sitzen wir, bricht die Verbindung ab. Kein Netz, kein Ticket vorzeigbar. Als der Schaffner kommt, erkläre ich kurz die Situation. Er lächelt, nickt und sagt: „Da ist ja das Ticket. Alles gut.“ Einfach so. Vertrauen statt Kontrolle. 15 Minuten später habe ich wieder Netz, gehe zu ihm und zeige ihm das Ticket. Er winkt ab: „Hätte nicht sein müssen. Ich habe Ihnen geglaubt.“
Oder: Busfahrt in Tirol. Ich will zwei Tickets kaufen und halte dem Fahrer ganz selbstverständlich meine Kreditkarte hin – wie ich es seit drei Jahren in den USA gewohnt bin. „Nur Bargeld“, sagt er. Mist. Ich krame hektisch in meinen Taschen. Drei Jahre Amerika und ich habe fast nie Cash dabei.
Doch dann finde ich ihn: den einen, leicht geknitterten Zehn-Euro-Schein. Stolz halte ich ihn hoch. Er schaut aufs Display: 12,80 Euro. Ich blicke ihn hilflos an. Er zuckt mit den Schultern, grinst und sagt: „Kein Problem. Heute ist ein guter Tag.“ Nimmt den Zehner, winkt ab, wünscht mir eine gute Fahrt. Menschlichkeit statt Paragrafenreiterei.
Solche Erlebnisse sind keine „Breaking News“. Es sind ganz normale Begegnungen. Aber genau diese machen den Unterschied. Sie bleiben hängen. Sie geben einem ein gutes Gefühl. Und sie zeigen, dass auch hierzulande Vertrauen, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft einfach da sind. Oft ganz selbstverständlich, ohne dass jemand dafür Likes in den sozialen Medien kassieren will.
Und es sind nicht nur diese beiden Momente. Ich könnte von der Verkäuferin erzählen, die mir in einem kleinen Laden in Augsburg half, ein passendes Geschenk zu finden, und am Ende meinte: „Ach wissen Sie was, ich packe Ihnen noch ein paar Pralinen dazu.“ Einfach so. Oder vom Kellner in München, der mitten im Mittagsstress die Zeit fand, meinen Freunden aus dem Rheinland ein paar Worte Bayerisch beizubringen.
Mehr gute Geschichten bitte!
Vielleicht sollten wir in Europa lernen, solche Geschichten mehr zu erzählen. Denn zu oft hören wir nur die anderen: die negativen, die Ausnahmen, die schiefgehen. Die Geschichten, die Schlagzeilen machen, weil sie Empörung auslösen. Doch wenn wir anfangen, die guten Momente zu teilen, mit Freunden, im Netz, am Stammtisch, dann drehen wir auch die Stimmung in unserem Land.
Wir erinnern uns daran, dass wir in einem großartigen Teil der Welt leben. Mit Herz. Haltung. Wärme. Mit einem Sozialsystem, das auffängt. Mit einer Sicherheit, die im Alltag selbstverständlich wirkt, aber in vielen Teilen der Welt ein unerreichbarer Luxus ist.
Wir müssen uns nicht hinter amerikanischer Freundlichkeit verstecken. Nicht neidisch auf die Euphorie des Silicon Valley schauen. Sondern stolz sein auf das, was wir hier jeden Tag erleben, auch und gerade in den kleinen Momenten, die zeigen, wie viel Menschlichkeit in diesem Kontinent steckt.
Also: Erzählt die guten Geschichten. Jeden Tag. Alle zusammen. So verändern wir nicht nur die Stimmung, sondern auch das Bild, das wir von uns selbst haben. Und vielleicht schaffen wir es so, dass „Servicewüste Deutschland“ irgendwann nur noch eine altmodische Redewendung ist, die keiner mehr ernst nimmt. Europa. Du bist klasse. Wirklich!