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Gastbeitrag Die Atomkraft taugt nicht im Kampf gegen die Klimakrise

35 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl werden Rufe nach einer Renaissance der Technologie lauter. Das aber wäre ein gefährlicher Irrweg, warnt Sylvia Kottig-Uhl.
23.04.2021 - 11:49 Uhr 4 Kommentare
Die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Deutschen Bundestag spricht sich gegen eine Renaissance der Atomkraft-Technologie aus.
Sylvia Kotting-Uhl

Die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Deutschen Bundestag spricht sich gegen eine Renaissance der Atomkraft-Technologie aus.

Die Katastrophe in Tschernobyl mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die Ukraine und Europa jährt sich am Montag zum 35. Mal. Auch der GAU von Fukushima liegt schon zehn Jahre zurück. Mit der Zeit verblassen die Erinnerungen – deshalb halten einige die Atomenergie wegen der Klimakrise und des noch immer übermäßigen Einsatzes von Kohle schon wieder für das kleinere Übel. Andere plädieren für Atomkraftwerke als Partner der erneuerbaren Energien. Und es gibt jene, die der Atomkraft eine blühende Zukunft voraussagen.

Diese drei Sichtweisen haben eines gemeinsam: Sie ignorieren alle relevanten Fakten. Die Atomenergie spielt global mit gut vier Prozent Anteil am Primärenergieverbrauch nur eine geringe Rolle. Außerdem ist der Kraftwerkspark stark überaltert. In diesem Jahrzehnt stehen 200 Abschaltungen 46 Neubauprojekte gegenüber. Das hat seine Gründe.

Die kommerzielle Nutzung der Atomkraft, ein Nebenprodukt der militärischen Entwicklung, hat nie den nötigen Grad Wirtschaftlichkeit erreicht. Seit den 1960er-Jahren gibt es bei AKW-Neubauten keine Kostendegressionen, die Kosten der Atomenergie pro Kilowattstunde stiegen vielmehr immer weiter. Die jüngsten abschreckenden Beispiele sind die beiden Neubauprojekte des europäischen Druckwasserreaktors.

In Finnland explodieren die Kosten des Reaktors Olkiluoto-3 von ursprünglich drei auf etwa zwölf Milliarden Euro, die Bauzeit dauert vier Mal so lange wie geplant. Im französischen Flamanville schießen Bauzeit und Kosten ähnlich in die Höhe. Schon vor der Fertigstellung gibt es Berichte über Materialuntauglichkeit im Reaktordruckbehälter und zusätzliche Auflagen der Atomaufsicht wegen neuer Sicherheitsbedenken. Der französische Betreiber Électricité de France ist mit 40 Milliarden Euro verschuldet und nur deshalb noch nicht pleite, weil er dem Staat gehört.

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    Im US-Bundesstaat South Carolina sind als Mahnmal der Unwirtschaftlichkeit seit 2017 zwei neun Milliarden Dollar teure Atomruinen zu besichtigen. Zunächst waren die Kosten von den veranschlagten elf Milliarden auf gut 25 Milliarden US-Dollar gestiegen. Dann entschied der Auftraggeber, die zu 40 Prozent fertiggestellten Reaktoren nicht weiterzubauen.

    AKWs sind keine sicheren Stromlieferanten

    Schon vor drei Jahren bescheinigte eine Studie mehrerer US-Universitäten den noch laufenden 94 Reaktoren in den Vereinigten Staaten eine aussichtslose Zukunft: zu alt, zu teuer. Der Bau neuer AKWs ist wegen der zu erwartenden Unwirtschaftlichkeit in den nächsten Jahrzehnten unwahrscheinlich. Ohne erhebliche Subventionen kommt die Atombranche ohnehin nicht aus. Allein in Deutschland sind seit 1955 direkt und indirekt staatliche Förderungen von 287 Milliarden Euro geflossen, wie das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft errechnet hat.

    Vermeintliche Atom-Innovationen wie Kraftwerke der vierten Generation oder Mini-AKWs, die Atom-Enthusiasten wie der Milliardär Bill Gates für wegweisend halten, sind in Wirklichkeit alles andere als neu – sie weisen vielmehr in die Anfangszeit der Atomindustrie zurück. Damals wie heute gibt es keine Perspektive für diese Konzepte, belegten jüngst zwei wissenschaftliche Gutachten im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung.

    Der Atomreaktor Tschernobyl in der Ukraine. Quelle: dpa
    Atomreaktor Tschernobyl

    Der Atomreaktor Tschernobyl in der Ukraine.

    (Foto: dpa)

    Deren Fazit: Die von Atomforschern diskutierten und teils von Start-ups vorangetriebenen Technologien taugen in den nächsten Jahrzehnten nicht als Lösung im Kampf gegen die Klimakrise und versprechen auch keinen Sicherheitsgewinn. Es gibt nur wenige Prototypen der „Atom-Innovationen“ – ob die „Power-Point-Reaktoren“ jemals Marktreife erreichen, steht in den Sternen.

    Auch bei den Mini-AKWs sind, wie bei den großen Meilern, Fragen zu Sicherheit, Transport und Rückbau ebenso ungelöst wie zur Zwischen- und Endlagerung. Außerdem würde sich schon wegen der hohen Anzahl der Mini-AKWs das Unfallrisiko deutlich erhöhen. Anders als von den Betreibern dargestellt, sind die AKWs auch keine sicheren Stromlieferanten.

    Denn ihr Betrieb ist gekennzeichnet von hohen Ausfallzeiten, bedingt durch technische Probleme und Revisionen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat im Rahmen einer Studie errechnet, dass Atomkraftwerke seit den 1970er-Jahren im Durchschnitt etwa ein Drittel ihrer Zeit stillstanden.

    Selbst Frankreich, dessen Atomindustrie mit mehr als 50 Reaktoren eigentlich Skalen- und Lerneffekte erzielen sollte, leidet unter hohen Ausfallzeiten und Kostensteigerungen. Regelmäßig bringt die Atomenergie das französische Stromsystem an seine Grenzen, Frankreich ist auf erhebliche Stromimporte unter anderem aus Deutschland angewiesen. Gerade im Sommer, wenn das Kühlwasser zu warm ist und Wartungen anstehen, produzierte in den vergangenen Jahren zeitweise jedes zweite AKW keinen Strom.

    Folgen von Tschernobyl noch heute spürbar

    Obwohl Tschernobyl und Fukushima nun schon einige Zeit zurückliegen, sollten die kaum zu beziffernden Folgen einer Reaktorkatastrophe nicht in Vergessenheit geraten. In Japan leiden Hunderttausende Menschen an den Folgen des GAUs. Sie verloren ihre Heimat und wurden krank. Bei Kindern etwa traten vermehrt Schilddrüsenanomalien auf. Außerdem müssen sich 4.000 Arbeiter auf der Reaktoren-Baustelle täglich der gefährlichen Strahlung aussetzen.

    Demnächst will die japanische Regierung mehr als eine Million Tonnen kontaminiertes Wasser aus dem zerstörten Atomkraftwerk in den Pazifik ablassen. Wie langlebig und weiträumig die Tschernobyl-Strahlenfolgen sind, zeigen die jährlichen Warnungen im Herbst. In einigen Regionen Süddeutschlands weisen Wildtiere und Pilze noch immer Strahlenbelastungen deutlich über dem Grenzwert auf – dreieinhalb Jahrzehnten und mehr als 1.200 Kilometer Entfernung zum Trotz.

    Als im vergangenen Jahr wochenlang starke Waldbrände in der radioaktiv kontaminierten Tschernobyl-Sperrzone wüteten, konnte nur mit großer Mühe verhindert werden, dass die Flammen auf den Sarkophag des explodierten Atomkraftwerks übergriffen. Wäre das passiert, möchte man sich die Folgen lieber nicht ausmalen. Aber auch so litten etwa in der Millionenstadt Kiew die Bürgerinnen und Bürger unter hohen Cäsium-Werten.

    In Fukushima sorgten kurz vor dem zehnten Jahrestag der Atomkatastrophe vom 11. März 2011 starke Erdbeben für neue Schäden an den Reaktorruinen. Nach Jahrzehnten der Atomkraftnutzung, nach Milliardensummen für die Atomforschung, nach verschärften Sicherheitskonzepten und verheerenden Kernschmelzen drängt sich die Erkenntnis auf: Wir können die unkontrollierbaren Gefahren der Atomenergie für Mensch und Natur nicht in den Griff bekommen.

    Im Übrigen sind Atomkraftwerke alles andere als klimaneutral und im Vergleich mit Solaranlagen oder Windrädern mit deutlich mehr CO2-Emissionen belastet. Hinzu kommt die kaum lösbare Frage der Atommüll-Endlagerung. Wer will Atomkraft da noch ernsthaft als saubere Energieerzeugung bezeichnen? Diese Technologie ist nicht etwa das kleinere, sie ist nach wie vor ein großes Übel. Im Zeichen der Klimakrise kann die Devise deshalb nur lauten: 100 Prozent erneuerbare Energien, und das so schnell wie möglich.

    Die Autorin: Sylvia Kotting-Uhl ist Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Deutschen Bundestag. Zuvor war die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen Sprecherin für Umweltpolitik sowie atompolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

    Mehr: Die Bundesregierung muss die Energiewende ernst nehmen.

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    4 Kommentare zu "Gastbeitrag: Die Atomkraft taugt nicht im Kampf gegen die Klimakrise"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ein leider sehr einseitiger und mit Verlaub schäbiger Gastbeitrag. Auch wenn es für die Zukunft ohne jeweiligen Belang sei, aber gegen die offensichlichen Lügen in diesem Gastbeitrag, von wegen "AKWs sind keine sicheren Stromlieferanten", wehre ich mich doch zutiefst, mit dem Verweis auf die Bilanz des KWG der letzten Jahrzehnte! Mit freundlichen Grüßen

    • Kein Energiekonzept! Der Strombedarf wird steigen, wir steigen aus der Kerntechnik aus ideologischen Gründen aus und die Verbrennung von Kohle wird wegen des Klimas gestoppt. Leider verbraucht Wasserstoff mehr Strom als er bereitstellt und dasselbe gilt für Strom aus Wasserkraft weil das Hochpumpen des Wassers auf die Berge leider mehr Strom braucht, als es abzulassen. Man ist bei der Energiewende mit einem Zieldreieck gestartet. Sichere Stromversorgung (bei den Eingriffen ins Netz die notwendig sind wohl eher gescheitert), Billige Preise (Definitiv politisch gescheitert bei den höchsten Strompreisen in Deutschland) und Umweltschutz (CO2 Einsparungen können damit nicht gemeint sein). Setzen 6-
      Nun sollen die Autos auch elektrisch fahren und diverse Produktionen umgestellt werden. Kann sich nur noch um einen kleinen Zeitraum handeln bis die Industrie sich aus Deutschland verabschiedet und wir keinen Strom mehr aus ausländischen Kernkraftwerken geliefert bekommen.

    • Schwachsinniges Lobbyisten Gesabbel. Das sind die Leute die uns E-Autos aufschwatzen wollen . Der Strom wird im Netz gespeichert und und kommt aus der Steckdose. Einfach nur noch zum Erbrechen dieses ganze grüne Pack mit seiner ideologisch verbrämten Umweltdiktatur. Die Herrschaften dürften ihren Strom nur noch mittels Smartmeter erhalten mit der Möglichkeit ihnen sofort den Strom abzuschalten sobald die Sonne weg ist und Windflaute herrscht. Ich hatte heute morgen wieder einmal die Freude die Auswirkungen der Scheißwindräder die man uns in knapp 1000m Abstand auf den Berg gesetzt hat mit Unterstützung der CDU Bande. Bei Wind aus Ost oder Westrichtung und dem Sonnenstand um ca. 7:30 - 8:00 haben wir voll den Schattenwurf der Propeller auf unserer Straße liegen. Der dauernde Wechsel ist unheimlich störend. Genau das habe ich vor 4 Jahren in meiner Begründung zur Ablehnung der Montage der Dinger vorausgesagt. Danke an das " Grüne Pack".

    • Wenn alle grünen Politiker und Wähler sich verpflichten, bei den zu erwartenden Stromlücken keinen Strom zu beziehen und mit einer Abschaltung ihres Stromzugangs einschließlich von Smartphones , PCs etc einverstanden sind, wäre das mal eine Haltung.
      So ist das Populismus pur.

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