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GastkommentarAdam Smith: Der verkannte Aufklärer liefert wichtige Impulse für das 21. Jahrhundert

Keineswegs ist Smith Vorreiter eines rüden Kapitalismus oder Neoliberalismus. Er hat vielmehr Effizienz mit Verantwortung verknüpft, argumentiert Johannes Wallacher. 04.06.2023 - 18:45 Uhr
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Johannes Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie München und Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik.

Foto: Imago, HfPM

300 Jahre nach der Geburt von Adam Smith ist es höchste Zeit, den schottischen Aufklärer richtig zu verstehen. Zu Recht gilt er als Ahnherr der modernen Ökonomie. Keineswegs ist er aber Vorreiter eines rüden Kapitalismus oder Neoliberalismus, als der er aufgrund einer einzigen – zumeist vollkommen fehlverstandenen – Formulierung von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes regelmäßig ausgegeben wird.

Wer das Werk dieses Moralphilosophen und Ökonomen genauer betrachtet, erkennt, dass Adam Smith in seinem Denken seine beiden Wissenschaftsdisziplinen Ökonomie und Philosophie bewusst dialektisch zum Einsatz brachte. So geht es ihm einerseits um die Befreiung der Marktkräfte; andererseits darum, dass wirtschaftlicher Tausch und fairer Wettbewerb einem höheren Gut, dem Gemeinwohl, dienen. So verstanden, könnte sich Smith als ein zentraler wirtschaftsphilosophischer Impulsgeber für viele Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erweisen.

Wer Smith und seiner „unsichtbaren Hand des Marktes“ hingegen einen anti-regulatorischen und sogar anti-gouvernementalen Impetus unterstellen will, verkennt, dass dieser ein differenziertes System von moralischen Werten, sittlichen Regeln und Gesetzen etablierte.

Dessen Ziel ist, das Streben nach Eigennutz, Prestige und Macht wirksam einzugrenzen beziehungsweise in eine gemeinwohlverträgliche Richtung zu lenken. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was gemeinhin angenommen wird.

Damit in arbeitsteiligen Gesellschaften nicht nur der „commercial spirit“ dominiere, hebt Smith in seinem 1776 veröffentlichten Buch „Wohlstand der Nationen“ die Bedeutung von „civil virtues“ hervor. Der Dialektiker des 18. Jahrhunderts sah also schon damals die wachsenden Abhängigkeiten voraus, die eine Vertiefung der Arbeitsteilung mit sich bringt. Diese hochaktuelle Herausforderung wurde vielen erst durch die Verwundbarkeit der Lieferketten in letzter Zeit wieder bewusst.

Smith war ein früher Befürworter von Anhörungs- und Beteiligungsrechten der Bürger

Sein Lösungsansatz? Sich vom Wohlwollen anderer abhängig zu machen, kommt für ihn nicht infrage, weil es weder mit der Würde des Menschen vereinbar noch für eine arbeitsteilige Gesellschaft effizient ist. Demgegenüber plädiert er für den Tausch als Form eines gegenseitigen Übereinkommens von Angebot und Nachfrage. Dieser muss für Smith allerdings die legitimen Interessen aller Beteiligten wahren und dem Urteil des – wie er formuliert – unparteiischen Zuschauers standhalten.

Seine Bezugnahme auf die legitimen Interessen aller Beteiligten lässt sich, auf die heutige Zeit übertragen, als eine frühe Ausformung des demokratischen Kapitalismus verstehen, der das Denken der modernen europäischen Sozialdemokratie prägt.

Ebenso könnte man Smith als einen frühen Befürworter der grünen Wirtschaftsphilosophie in puncto Anhörungs- und Beteiligungsrechte der Bürger bei wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen verstehen. Als Befürworter und nicht Widersacher von Beteiligungsrechten ist Smith keineswegs Advokat der Reichen, sondern nimmt diese in die Pflicht.

Wie wichtig Smith gerade diese Zusammenhänge waren, lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass der Moralphilosoph sein Hauptwerk „Theorie der moralischen Gefühle“ von 1759 bis zu seinem Lebensende fortlaufend weiterentwickelte.

Mit seiner Integration von ökonomischem und moralphilosophischem Denken verknüpft Smith wirtschaftliche Effizienz und Eigenverantwortung mit sozialer und ökologischer Verantwortung. Sein Wirtschafts- und Moralkonzept bietet entscheidende Orientierung für die Produktion wie für den Schutz von Gemeingütern, die für eine nachhaltige Entwicklung beide unerlässlich sind.

Der Aufklärer des 18. Jahrhunderts kann wichtige Impulse für die aktuellen Handels- und Lieferbeziehungen geben

Insofern kann man in Adam Smith auch einen Vorläufer von Elinor Ostrom erkennen, die 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Sein Hinweis auf das Erfordernis eines Rollen- und Perspektivenwechsels ist ein Schlüssel, um die „Tragik der Allmende“ zu lösen. Danach sind frei verfügbare, aber begrenzte Ressourcen durch Übernutzung bedroht und damit auch ihre Nutzer selbst. Gerade mit Blick auf Arten-, Boden- und Klimaschutz ist diese Kernfrage des (Wirtschafts-)Lebens heute relevanter denn je.
Diese Überlegungen machen vor allem eines deutlich: Das Gedankengut von Adam Smith präsentiert eine wirtschaftsstrategische und demokratiepraktische Perspektive, die ihn in deutschen und europäischen Gefilden gleichermaßen parteiübergreifend konsensfähig macht – für Christ- und Sozialdemokraten ebenso wie für Liberale und Grüne.

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Der Aufklärer des 18. Jahrhunderts kann uns somit – vom Korsett der verkürzten Interpretation befreit – wichtige Impulse für zentrale wirtschaftspolitische Fragen der Zukunft geben. Diese reichen von der Gestaltung von Handelsbeziehungen und Lieferketten über gemeinwohlverpflichteten Wettbewerb bis zur Ökonomie von sozialen und ökologischen Gemeingütern.

Der Autor: Johannes Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie München und Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik.

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