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Gastkommentar Cash für alle ist keine Strategie

Die Politik achtet zu wenig auf strukturelle und regionale Besonderheiten. Bei ihren Rettungsaktionen vernachlässigt sie die High-End-Industrie.
06.09.2020 - 15:27 Uhr Kommentieren
Pflanz ist Gründer und Vorsitzender des Meisterkreises und Vorstand der European Cultural and Creative Industries Alliance. Quelle: imago images/POP-EYE
Clemens Pflanz

Pflanz ist Gründer und Vorsitzender des Meisterkreises und Vorstand der European Cultural and Creative Industries Alliance.

(Foto: imago images/POP-EYE)

Ein Medikament gegen die gesundheitlichen Auswirkungen des Coronavirus fehlt bisher. Ein Mittel gegen die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 scheint es indes zu geben: Cash. Der Staat gefällt sich als „Big Spender“: Kredite, Beteiligungen, Beihilfen, Kurzarbeitergeld – mit einem kraftvollen „Wumms“ will die Politik die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Gewiss, für viele Firmen sind die kurzfristigen Geldspritzen (über)lebenswichtig. Aber die Politik darf sich jetzt nicht darauf beschränken, die Firmenlandschaft mit reichlich Liquidität zu bewässern, sie muss auch den Boden für langfristiges Wachstum bereiten. 

Wie zentral das ist, zeigt ein Blick auf eine Industrie, die aktuell nicht im Fokus steht, die aber ein wesentlicher Wachstumstreiber in Europa war – und sein wird: Es geht um die Hersteller europäischer High-End-Produkte, also kreativer und industrieller Leistungen mit höchstem qualitativem Anspruch – von A wie Acqua di Parma, B wie Berliner Philharmoniker, C wie Chanel bis hin zu L wie Leica, P wie Porsche, W wie Weingut Robert Weil und Z wie Zegna.

Dieser Sektor trägt jährlich rund 800 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaftsleistung bei, steht für vier Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt über 2,1 Millionen Menschen in Europa. Sage und schreibe 72 Prozent beträgt der Anteil der europäischen High-End-Anbieter am Weltmarkt.

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    Europa ist unangefochtener Weltmarktführer im Topsegment. Vor allem aber: Das kumulierte Wachstum des High-End-Sektors war in den vergangenen fünf Jahren fast dreimal so hoch wie das Durchschnittswachstum. Und Topentscheider in Politik und Wirtschaft erwarten, dass dieser Sektor beste Perspektiven hat.

    Es braucht strategische „Entwicklungshilfe“ in vier Bereichen

    Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts ermittelte, dass 47 Prozent der Entscheidungsträger von einer steigenden Nachfrage nach Premiumprodukten ausgehen, nur 14 Prozent rechnen mit einem Rückgang. In vielen anderen Sektoren sieht das genau umgekehrt aus. Die High-End-Industrie in Deutschland und Europa kann aber nur weiter wachsen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

    Deshalb darf der Fokus der Politik in der Coronakrise nicht nur auf kurzfristiger „Nothilfe“ durch Liquidität liegen, sondern es braucht auch strategische „Entwicklungshilfe“ in vier Bereichen: Lehrlinge, Legalität, Liberalisierung und Lieferketten.

    Lehrlinge: Kaum ein Wirtschaftszweig ist mehr auf handwerkliche Fertigkeiten angewiesen als die Hersteller von Leistungen und Produkten höchster Güte. Es geht um Schneider, Sattler, Parfümeuren, Buchdruckern, Klavierbauern – allesamt Gewerke, die in Zeiten wie diesen nicht automatisch einen Run seitens der jungen Generation erleben.

    Es besteht eine große Kluft zwischen dem Bedarf des Sektors und der Verfügbarkeit hochqualifizierter Arbeitskräfte auf EU-Ebene. Zum Beispiel Deutschland: mehr als 25.000 offene Stellen in der Fertigung für Berufsanfänger.

    Der entscheidende Grund: Es fehlen das soziale Ansehen und die Belohnung dieser Arbeitsplätze und ihre klaren Perspektiven. Hier müssen Politik und Unternehmen Hand in Hand neue Wege gehen.

    Zum Beispiel durch die Schaffung eines europäischen Titels „Master of Arts“. Oder warum nicht, wie derzeit leider nur an einer Handvoll deutscher Schulen praktiziert, generell optional Gesellenausbildung und -abschluss parallel zu Realschulabschluss oder Abitur anbieten?

    Legalität: Der stationäre Handel hat in Corona-Zeiten dramatisch an Umsätzen eingebüßt, die Verkäufe auf digitalen Plattformen hingegen sind explodiert – und mit ihnen die Zahl der unseriösen Anbieter und gefälschten Markenartikel.

    Das war nicht nur bei Masken und Desinfektionsmittel so, sondern insbesondere bei High-End- und Top-Marken. Wie in so vielen Bereichen hat die Coronakrise ein Brennglas auf ein längst bestehendes Problem gerichtet: den Handel mit gefälschten Produkten und Markenpiraterie.

    Hier müssen die Finanzbehörden und der Zoll entschlossener vorgehen. An den Flughäfen klappt das ja inzwischen ganz gut, in der digitalen Welt müssen die Behörden aufrüsten.

    Liberalisierung: Bei einem Weltmarktanteil von 72 Prozent braucht die High-End-Industrie mehr noch als andere Sektoren offene Märkte so nötig wie die Luft zum Atmen. Abschottung und Strafzölle sind der falsche Weg.

    Asien ist für Premiumprodukte nach wie vor der wichtigste Markt – auch in Zukunft. Europa sollte deshalb jede Art von Handelskrieg – mit wem auch immer – vermeiden. Vergeltungsaktionen als Reaktion auf unfaire Praktiken anderer bringen wenig und zerstören viel.

    Lieferketten: Das wichtigste und von der Politik am wenigsten erkannte Thema sind aber regionale Lieferketten und Cluster. Sie sind die Basis für die Innovationskraft der High-End-Industrie. Die Unternehmensberatung Bain hat ermittelt, dass es in Europa mindestens 50 Cluster für bestimmte Produktgruppen gibt. Häufig über Jahrhunderte hat sich ein dichtes Netzwerk von kleinen Firmen entwickelt, die sich eng austauschen und eng zusammenarbeiten.

    Diese Cluster in Europa sind sehr verletzlich, wenn einzelne Gewerke oder Fertigkeiten herausgekauft werden und abwandern. Mehr noch als im High-Tech-Bereich hätte hier ein „Ausverkauf“ fatale Folgen. Deshalb müssen die Industriepolitiker in Berlin und Brüssel sich schleunigst mit diesen Clustern beschäftigen. Die Champions innerhalb Europas können viel voneinander lernen.

    Wir brauchen also mehr Kooperation – einen systematischen Austausch. Hier kann (europäische) Politik wirklich etwas bewirken. Die Cluster sind kulturell-kreative Errungenschaften, auf die Europa stolz sein kann. Uns muss klar sein, dass wir – gerade in Zeiten wie diesen – auf diese Errungenschaften aber auch gut aufpassen müssen.

    Mehr: Kommentar: Optionen erfüllen am Markt nur noch selten ihre eigentliche Funktionen

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