Gastkommentar: Russlands hybrider Krieg verlangt wirksamere Antworten
Als am 9. September ein Schwarm russischer Drohnen nach Polen einflog, wurde dies von einer massiven Propaganda-Kampagne begleitet, um Verwirrung zu stiften und den Westen zu spalten.
Seit vielen Jahren führt Moskau neben seiner offenen militärischen Aggression auch einen hybriden Schattenkrieg gegen den Westen, durch Sabotage, Cyberattacken und Desinformation. Während wir kinetische und nicht-militärische Maßnahmen als voneinander getrennt wahrnehmen, betrachtet sie Russland als Teil eines Kontinuums.
Von den 550 bestätigten oder vermuteten russischen Hybrid-Aktionen seit 2022 in Europa ist Deutschland das häufigste Ziel. Etwa ein Drittel der Angriffe zielt darauf ab, die deutsche Verteidigungsindustrie zu unterminieren. Dazu gehören das geplante Attentat auf Rheinmetall-Chef Armin Papperger, Brandanschläge und Sabotageangriffe auf die deutsche Marine.
Mit seiner geplanten Aufrüstung wird Deutschland weiter ins Visier Moskaus geraten. Denkbar sind KI-unterstützte Online-Desinformationskampagnen auch gegen Rüstungsunternehmen, verbunden mit Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen, wie wir sie bereits in den USA sehen.
Trotzdem bleiben unsere Gegenmaßnahmen viel zu zaghaft und ineffektiv. Beim Schutz von Bahn, Häfen, Kraftwerken, IT- und Energienetzen klaffen riesige Lücken. Den massiven Manipulationen im Internet und sozialen Netzwerken haben wir kaum etwas entgegenzusetzen.
Drei neue Ideen könnten helfen, aus der Defensive zu kommen.
Erstens: Deutschlands neuer Nationaler Sicherheitsrat sollte den hybriden Krieg zu einem Schwerpunkt machen. Der Anspruch, eine integrierte Sicherheitspolitik zu entwickeln, passt perfekt zu der Notwendigkeit, Russlands Strategie des hybriden Krieges einen ebenso ganzheitlichen Ansatz entgegenzusetzen – bei der militärischen Abschreckung, der Cyberabwehr, dem Schutz kritischer Infrastruktur bis zu eigenen Informationskampagnen.
Zweitens: Aktive Maßnahmen sollten unser bisher überwiegend reaktives Vorgehen ergänzen. Deutschland setzt bisher auf Faktenchecken und Resilienzbildung, nicht aber auf Kampagnen oder Abschreckungssignale. Politische Kosten entstehen dadurch für den Angreifer praktisch keine. Wir sollten mutiger sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Nur ein geringer Teil der hybriden Aktionen wird derzeit Russland zugeschrieben, obwohl in vielen Fällen die Spuren zu diesem Land führen. Wir können nicht erwarten, dass unsere Gesellschaften die hybride Bedrohung ernst nehmen, wenn wir nicht offen darüber sprechen.
Um wirksam zu sein, muss Aufklärung durch vertrauenswürdige Stimmen kommuniziert werden. Neben Regierungen können auch Unternehmen an vorderster Front stehen, wenn es darum geht, glaubwürdig darüber zu berichten. Sie sollten dies Hand in Hand mit Forschern aus der Zivilgesellschaft tun, die über einige der besten Instrumente zur Erforschung hybrider Angriffe verfügen.
Regierungen sind hingegen viel bessere Kommunikatoren gegenüber Russland selbst – besonders wenn es notwendig ist, ihre Abschreckungsfähigkeiten zu signalisieren. Bei Cyberangriffen haben die USA durch gezielte Signale ihre Angreifer gewarnt, dass sie ebenso in der Lage sind, gegnerische Infrastruktur auszuschalten: klassische Abschreckung mit der Folge eines strategischen Patts.
Drittens: Anstatt uns nur zurückzuziehen, können wir unsere eigenen demokratischen Instrumente einsetzen, um die militärische Verteidigungsindustrie Russlands zu untergraben. Unabhängige Forscher nutzen öffentliche Daten, um versteckte Netzwerke aufzudecken. So hat der Wirtschaftssicherheitsrat der Ukraine, eine NGO, anhand von Zollunterlagen aufgedeckt, wie Russland CNC-Werkzeuge erwirbt, die für die Herstellung von Waffen unerlässlich sind. Westliche Unternehmen sind sich oft nicht bewusst, wie ihre Technologie verkauft und dann über mehrere Unternehmen weiterverkauft wird, bevor sie Russland erreicht. Anstatt Untersuchungen von Lieferketten als Bedrohung zu betrachten, sollten sie diese begrüßen und mit solchen Projekten zusammenarbeiten.
Kooperation mit den Zivilgesellschaften
Effektive Forschung und Analyse in Verbindung mit einer gezielten Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Regierungen führten 2024 zu einer Reihe wirksamer Maßnahmen, die darauf abzielten, Russlands Chromversorgung zu reduzieren – ein wichtiges Material für die Herstellung von Artillerie-Läufen. Bis März 2025 musste das Novotroitsk-Werk für Chromverbindungen, das 20 Prozent des russischen Chrombedarfs deckte, geschlossen werden. Nach Angaben der Werksleitung war der Grund dafür die Beschränkung der Einfuhr von Chromerz aufgrund internationaler Sanktionen.
Die Schaffung einer Public-Private-Partnership zwischen Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wäre ein immens wichtiger Beitrag zur wirksameren Bekämpfung der hybriden Bedrohung. Russlands oberstes Ziel ist es, die deutsche Gesellschaft zu spalten – eine solche Reaktion zeigt, dass wir zusammenarbeiten können.
Die Autoren: Arndt Freytag von Loringhoven, Botschafter a.D., Autor von „Putins Angriff auf Deutschland: Desinformation, Propaganda, Cyberattacken“
Peter Pomerantsev, Senior Fellow, Johns Hopkins University, Autor von „This is not Propaganda“
