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Prüfers KolumneWürde eine „Schenkwirtschaft“ die Welt besser machen?

Immer häufiger tauchen am Straßenrand Verschenkkisten auf. Das wäre vielleicht eine schöne Alternative zum Kapitalismus – bis das Ordnungsamt kommt.Tillmann Prüfer 29.07.2023 - 11:00 Uhr Artikel anhören

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Foto: Handelsblatt

In der Stadt, in der ich wohne, gibt es oft Kisten am Straßenrand, auf denen „zu verschenken“ steht. Darin ist allerlei zu finden: etwa Bücher, alte CDs, zuweilen auch Kleidung, Geschirr oder Radios. Es gibt eigentlich alles irgendwo in irgendeiner Verschenkkiste.

Je nachdem, in welchem Stadtteil man sich befindet, können das tatsächlich wertvolle Dinge sein, zum Beispiel Markenklamotten oder fast ungetragene Schuhe. Reiche Leute haben ja auch Dinge, die sie nicht mehr brauchen, und manchmal nicht die Zeit oder Lust, das auf Ebay zu verscherbeln oder an andere reiche Leute abzugeben. Ich kenne Menschen, die sich fast nur noch in Geschenkekisten bedienen, es sind nicht die am schlechtesten gekleideten.

Ich habe gelesen, dass die gut gemeinten Kisten auf dem Bürgersteig leider gar nicht erlaubt sind. Es handelt sich dabei um illegale Mülllagerung. Wenn man eine Kiste mit Töpfen abstellt, dann kann das bis zu 200 Euro Strafe kosten. Dabei geht es aber eben nur los. Falls Flüssigkeiten dabei sind, kann es Sondermüll sein, das kostet dann schon 500 Euro.

Ganz schlecht ist es, wenn man auf die Idee kommt, einen alten CD-Player zu verschenken. Für Elektrogeräte nimmt die Stadtreinigung bis zu 2000 Euro. Wenn man vor seinem eigenen Grundstück fremde Verschenkkisten findet, sollte man schnell das Ordnungsamt verständigen. Denn ansonsten könnte man selbst zur Kasse gebeten werden. Das ist schade.

Ich denke mir manchmal, ob es nicht eine schöne Alternative zum Kapitalismus wäre, wenn man einfach alles Mögliche verschenkt und geschenkt bekommt. Eine Art ständiges Weihnachten.

Was einem nicht gefällt, kann man in die Kiste packen

Ich habe ohnehin das Gefühl, ständig meine Arbeitskraft zu verschenken. Der Unterschied in einer „Schenkwirtschaft“ wäre, dass sich dann vielleicht auch mal jemand dafür bedanken würde. Und was man im Gegenzug vielleicht auch geschenkt bekäme, wäre in vielen Fällen bestimmt nicht weniger, als man heute schon erhält.

Ich nehme an, die Anspruchshaltung wäre dabei nicht so stark und vielleicht würde man sich mehr freuen. Es müsste ja auch nicht immer nur Geld sein, das man bekommt, sondern vielleicht etwas Netteres. Und wenn es einem nicht gefällt, dann kann man es ja immer noch in eine Kiste am Straßenrand stecken und anderswo gucken, ob man etwas findet, was einem besser passt.

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Es kann halt immer auch eine Überraschung dabei sein. In Kiel hat jemand zum Beispiel einen hohen dreistelligen Betrag in einem Buch gefunden. Würde das uns nicht viel bessere Laune machen? Interessanterweise habe ich im Wirtschaftslexikon den Begriff „Schenkwirtschaft“ noch nicht gefunden. Es scheint eine so absurde Sache zu sein, dass man es nicht einmal theoretisch erwägen möchte.

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Vielleicht werden das die Mitglieder der heutigen jungen Generation mal ihren Enkeln erzählen. Dass in Deutschland die Zeiten mal so golden waren, dass die Menschen ihre überzähligen Güter einfach auf die Straße gestellt haben. Bis die Lage schlechter wurde. Oder das Ordnungsamt kam.

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