Kolumne Globale Trends: Wir brauchen mehr Ausländer für mehr Wohlstand
Laut der Bundesagentur für Arbeit gelingt es Deutschland jährlich nur, 40.000 Fachkräfte aus dem Ausland anzuziehen.
Foto: dpa„Angst essen Seele auf“ ist ein Film über die Diskriminierung von Gastarbeitern in der Bundesrepublik der 70er-Jahre von Rainer Werner Fassbinder. Führte er heute Regie, würde Fassbinder ihn wohl „Angst essen Verstand auf“ nennen. Denn seit den Erfolgen der AfD bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen fordern auch Politiker anderer Parteien, die Zuwanderung zu begrenzen.
Mit rationaler Politik hat das nichts mehr zu tun. Man muss kein Statistiker sein, es reicht ein Gang ins Restaurant oder zum Bäcker, um festzustellen: Deutschland sucht händeringend Arbeitskräfte. Der Personalmangel ist eine der gefährlichsten Bremsen für Wachstum und Wohlstand.
Die nötigen Kräfte werden nicht allein aus der deutschen Bevölkerung kommen. Wir müssen laut Bundesagentur für Arbeit jährlich netto 400.000 Arbeitnehmer aus dem Ausland gewinnen.
Doch Deutschland wirbt derzeit nur rund 40.000 Fachkräfte im Ausland an. Dagegen kommen viele Flüchtlinge oder Asylbewerber. Den Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge, Denkfabrik reicher Industriestaaten, sind aber fast sieben von zehn im Ausland Geborenen, die hier leben, erwerbstätig. Das ist ein guter Wert.
Die Lüge der AfD, wer aus dem Ausland komme, wandere in das deutsche Sozialsystem ein, ohne Beiträge zahlen zu müssen, bleibt eine Lüge – auch wenn mittlerweile einige christdemokratische und liberale Politiker sie nachbeten.
Bürokratie erschwert Zuwanderern Eintritt in den Arbeitsmarkt
Wie es besser geht, zeigen die USA. Dort entlasten vor allem die ausländischen Geringqualifizierten den Arbeitsmarkt: Ihre Erwerbsbeteiligung liegt 30 Prozentpunkte höher als die von Inländern. In Deutschland ist sie bei den im Ausland geborenen Menschen mit niedriger Qualifikation hingegen etwas niedriger als bei denen in Deutschland geborenen Menschen.
Die Ursache für diese Unterschiede sehen Fachleute wie Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg vor allem darin, dass in Deutschland die formale Qualifikation eine größere Rolle spiele als jenseits des Atlantiks und dass gleichzeitig hier der Anteil von Geflüchteten höher sei.
„Viele Flüchtlinge, die zu uns kommen, waren zehn Jahre oder länger auf der Schule und haben schon gearbeitet, aber ihnen fehlt der formale Berufsabschluss“, sagt Brücker. Doch nach einiger Zeit schafften die Unternehmen es, sie entsprechend ihrer Erfahrungen einzusetzen, „dann arbeiten sie als Fachkräfte, auch ohne Gesellenprüfung – das kriegt unser Arbeitsmarkt inzwischen hin“.
Ein weiterer Unterschied: Asylbewerber können in den USA bereits nach drei Monaten einen Antrag auf Arbeitserlaubnis stellen. Bei uns müssen sie sich deutlich länger gedulden.
>> Lesen Sie hier: CDU-Chef Merz fordert Kehrtwende bei Migrationspolitik
Wir stellen Hürden auf, doch anschließend beschweren Rechtspopulisten sich darüber, Asylbewerber würden dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen. In einigen Fällen gestatten die Amerikaner sogar illegalen Zuwanderern zu arbeiten – vorausgesetzt, sie zahlen Steuern.
Die meisten Asylsuchenden dürfen arbeiten – und tun dies auch
Auch die von Rechtspopulisten oft bemühte These, der Sozialstaat ächze unter der Last der abgelehnten Asylbewerber, die nicht ausreisen, entbehrt der Wahrheit. Mit Genehmigung der Ausländerbehörde und der Bundesagentur für Arbeit dürfen sie berufstätig sein, und der überwiegende Anteil von ihnen ist es auch. Groß ins Gewicht fallen sie ohnehin nicht, dem IAB zufolge ist ihre Zahl im Lauf der Jahre von rund 120.000 auf 215.000 Ende 2022 gestiegen.
Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.
Foto: Klawe RzeczyNatürlich gibt es echte Probleme, etwa am Wohnungsmarkt. Die bestanden aber schon lange vor den großen Flüchtlingswellen. Sie müssen dringend gelöst werden. Aber selbst wenn wir alle abgelehnten Asylbewerber in einen Flieger setzten, fände kein Deutscher leichter eine Wohnung.
Was geschehen muss, ist die Verlagerung der Migrationsströme von der spontanen zur geordneten Zuwanderung. Mit den Staaten des Westbalkans ist das gelungen.
„Bis heute ist in der deutschen Öffentlichkeit nicht richtig angekommen, dass wir in erheblicher Form Arbeitszuwanderung brauchen, es traut sich auch kaum jemand in der Politik, das ausreichend laut und deutlich zu kommunizieren“, stellt Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fest.
Nach den Erfolgen der AfD in Hessen und Bayern stimmt das mehr denn je. Die Zeche für diese irrationale Angst bezahlen wir alle, durch schwächeres Wachstum, schlechtere Versorgung im Krankenhaus und Dienstleister, die ihr Geschäft einschränken.