Kolumne: Ideologie killt Innovation – Trump will zurück ins 19. Jahrhundert
Tim Cook hat gerade keine gute Zeit. Der Apple-CEO gibt sich wirklich Mühe. Er hat bei Donald Trumps Amtseinführung mit verkniffenem Mund im Kreise seiner Kollegen direkt hinter Trump gestanden. Er hat in bilateralen Gesprächen versucht, dem Präsidenten eine Portion ökonomischer Vernunft einzuflößen.
Er hat entschieden, die in Amerika verkauften Telefone künftig nicht mehr in China, sondern in Indien produzieren zu lassen, um die China-Zölle zu umgehen. Er hat sogar vor einigen Wochen 1,5 Millionen iPhones – 600 Tonnen – aus Indien in die USA gebracht, um Trump zu besänftigen. Und dann sagt Trump diesen einen Satz: „Ich will nicht, dass du in Indien produzierst.“
So ist das, wenn Ideologie Innovation zerstört. Es ist, als würde man Donald Trump beim Domino-Spiel zuschauen. Alle Steine sind ordentlich aufgereiht, aber der Präsident stellt sich hin und verkündet, nichts werde umfallen, wenn er den ersten Stein antippt. Und dann sehen wir die Kette in Zeitlupe niedergehen.
Ein einziges iPhone besteht aus 2700 Einzelteilen. Apple arbeitet mit 187 Zulieferern aus 28 Ländern, um die optimale Herstellung des besten Produkts möglich zu machen. Ein iPhone in den USA zu fertigen, würde den derzeitigen Verkaufspreis von knapp 1200 Dollar auf etwa 3500 Dollar hochtreiben.
In der Sprache des Fortschritts ist das ein Ergebnis des Vergleichsvorteils („comparative advantage“). Der britische Ökonom David Ricardo beschrieb damit schon vor knapp zweihundert Jahren die Fähigkeit eines Staates oder Unternehmens, ein Gut oder eine Dienstleistung mit geringeren Opportunitätskosten – also den entgangenen Vorteilen aus der besten alternativen Nutzung von Ressourcen – herzustellen als ein anderer.
Die USA haben sich über mehr als hundert Jahre von einem Land der Industrieproduktion zu einem Hightech-Land weiterentwickelt. In diesem Feld der Hochtechnologie, Chips, Künstliche Intelligenz, Sprachmodelle, Quantencomputing, Raumfahrt, haben die USA erheblich investiert. Die Opportunitätskosten für Hightech sind damit gesunken, die der Industrieproduktion dagegen deutlich gestiegen. Trump will diese ökonomische Logik außer Kraft setzen und zurück ins 19. Jahrhundert, als Industrieproduktion noch Schwerpunkt war.
Für jemanden, der lesen oder bis drei zählen kann, ist es keine Überraschung, dass dies nicht gelingen wird. Das zeigt beispielsweise das Toaster-Projekt eines britischen Designers. Schon vor 20 Jahren versuchte Thomas Twaites, von null weg einen Toaster zu bauen.
Es war ein Krampf. Twaites stellte fest, dass man problemlos ein menschliches Lebenswerk auf einen einzigen Toaster verschwenden kann. Das Gerät hätte am Ende mehr als tausend Pfund gekostet. Funktioniert hat es übrigens nie.
Aber hier geht’s ja nicht um ökonomische Fakten. Wir sind wieder in der grimmigen Märchenstunde des Nationalismus angekommen. Das ist nicht nur ökonomisch absurd, es ist auch tragisch für den Fortschritt. Denn parallel zu den fehlgeleiteten handels- und industriepolitischen Forderungen Trumps ruiniert seine Regierung gerade das Fundament der US-Erfolgsgeschichte als Hightech-Nation.
Diese Positionierung ist nicht gottgegeben. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren die USA die Nachahmernation, als die viele Amerikaner heute fälschlicherweise noch immer China sehen. Industriepatente kamen vornehmlich aus England, die meisten Nobelpreise gingen an deutsche Wissenschaftler.
Das hat sich durch zwei Weltkriege ebenso geändert wie durch die Flucht der (jüdischen) deutschen Intelligenz in die USA und eine Strategie der konsequenten Investitionen in Wissenschaft und Forschung.
Jetzt führt Trump einen Krieg gegen die amerikanischen Universitäten, stoppt alle Visa für internationale Studierende, lässt die National Science Foundation austrocknen und greift mit autoritären Vorgaben in die wissenschaftliche Forschung ein. In einer Umfrage von „Nature“ gaben 75 Prozent der Befragten an, sich in Europa und Kanada nach einem neuen Job umzuschauen.
All das ist historisch nicht neu. Die ungarische Regierung unter Viktor Orban hat Wissenschaft und Forschung im Land unter Regierungskontrolle gestellt. Und an das, was in Deutschland mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ab 1933 geschah, können wir uns hoffentlich noch erinnern, um uns die Frage zu stellen: Wie hätte Deutschlands Innovations- und Erfolgsgeschichte ausgesehen, wenn die wichtigsten und klügsten Köpfe des Landes einfach hätten zu Hause bleiben und arbeiten können?
Die Folgen solcher tiefgreifenden Veränderungen sieht man nicht sofort. Aber langfristig zerstört Ideologie immer die Innovationsfähigkeit eines Landes.
Es gab übrigens schon einmal einen Apple-CEO, der ein Gespräch mit einem US-Präsidenten über die Rückholbarkeit von Industriejobs hatte. Das war 2011 bei einem Dinner mit Barack Obama. Nach den Optionen gefragt, sagte Steve Jobs: „Diese Arbeitsplätze kommen niemals zurück.“ Damals war das ein kluger Rat an die Politik. Heute kann so ein Satz der Beginn vom Ende sein.