Laufen: Anfänger sollten auf diese Dinge beim Ausdauersport achten
„Mach Sport!“, haben Sie gesagt. „Sport ist gesund“, haben Sie gesagt. Ist er sicher auch. Ob ich selber dank umfangreichen Ausdauersports wirklich gesünder alt werde, werde ich später erfahren.
Wie ich überhaupt einige Dinge, die mein nun schon jahrelanges Laufen und Radfahren mit sich bringen, wohl erst in einigen Jahren überblicken werde.
Womit wir bei einem großen Missverständnis wären: Nur weil ich mich zu regelmäßigem Ausdauersport aufraffen kann, überblicke ich die Folgen noch lange nicht. Diese acht Dinge habe ich gelernt, hätte sie aber gern vorher schon gewusst.
1. Verletzungen werden Begleiter
Tatsächlich komme ich, seitdem ich in einem Umfang von acht bis 20 Stunden die Woche trainiere, ganz ordentlich durch Erkältungsperioden, und der Doktor schimpft auch nicht beim zweijährlichen Check-up. Aber ich bin regelmäßig sportverletzt.
Denn was mir nicht klar war: Die Muskeln verkürzen sich, Sehnen werden gefordert, der Bewegungsapparat leidet. 46 Prozent aller Hobbyläufer, so eine Studie der Universität Göteborg, erleben im Laufe eines Jahres irgendeine Form von Laufverletzung. Meistens Knie, oft Achillessehne. Ich bin regelmäßig mindestens mal eingeschränkt. Die Läufer mit einer vorigen Laufverletzung sind doppelt so häufig betroffen. Wer mehr läuft, hat mehr Schmerzen. Vielleicht hätte ich doch mehr auf Schwimmen gesetzt, wenn ich das geahnt hätte.
2. Natürliche Vorgänge, die peinlich sind
Peinliche, entwürdigende, quälende und peinigende Momente im Leben bescheren mir und zahlreichen anderen Läufern die natürlichen Vorgänge der Verdauung.
Wir missbrauchen Socken, schänden Waldwege und sondieren verzweifelt die Straßen auf der Suche nach Örtlichkeiten. Und nichts, wirklich nichts ist toll daran. Das hätte ich mir gern erspart.
3. Kosten steigen
Verlockende Wettbewerbe in der ganzen Welt, herrlich glänzendes Equipment, kontinuierlicher Verschleiß, monatliche Mitgliedsbeiträge – hätte ich zehn Jahre vor dem Beginn des intensiven Ausdauersports das gewusst, hätte ich monatlich was dafür beiseitegelegt.
Mit Pech vererbe ich nichts außer einer Sammlung (oft hässlicher) Medaillen und Finishershirts. Aber sonst? Nur Gutes!
4. Freunde gewonnen!
Die Zahl der Gleichgesinnten ist immens. Und traf man sie früher vielleicht nur im Verein oder bei Wettbewerben, verknüpfen sich Hobbyathleten aus aller Welt über Social Media.
Gute Bekannte mit belastbaren Verbindungen bereichern mein soziales Umfeld. Je nach Art des Wettbewerbs sind es immer die gleichen Gesichter, die Communitys kennen sich, schätzen sich. Das Sportler-Du ist gängig. 86 Prozent aller Befragten einer Studie der Universität Würzburg gaben soziale Aspekte als Grund für die Teilnahme am Amateursport an, den die Autoren als „Agent des Sozialen“ bezeichnen.
5. Welt entdeckt
Auf das Hochplateau Hardangervidda, an die Ufer von Torridon in den schottischen Highlands oder in das Bergdorf Vistabella del Maestrazgo in Spanien wäre ich wohl nie touristisch gereist, und ich hätte etwas verpasst.
Absurde Radsportabenteuer haben mich nachts 150 Kilometer entlang der Mosel (und sofort wieder zurück), in drei Tagen von Brighton bis Düsseldorf oder dreimal den Mont Ventoux hinauf geführt. Reisen bildet und Reisen in Zusammenhang mit Sport umso mehr.
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Doch auch die vermeintlich schnödeste Dienstreise in Randlagen von touristischen Hotspots kann mit Laufschuhen oder Badeutensilien um neue Eindrücke bereichert werden.
6. Zufriedenheit erlangt
Ein gerüttelt Maß an Niederlagen, die einhergehen mit dem Erreichen der persönlichen sportlichen Ziele, führen fast unweigerlich dazu, sich mit dem auseinanderzusetzen, was Erfolg für einen bedeutet.
Ob es eine Inauguraldissertation zum Einfluss von Ausdauertraining bei depressiven Störungen, die Basler Studie zur stressmindernden Wirkung von physischer Aktivität bei Jugendlichen oder die gleichen Schlüsse des Move-For-Health-2.0-Forschungsprojekts sind: mehr Zufriedenheit dank Bewegung. Schnell, langsam, kurz oder lang ist egal, Hauptsache, erfüllend.
7. Strukturen geschaffen
Die Zahl der Texte, deren Struktur oder Einstieg ich unterwegs beim Sport innerlich geschrieben habe, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Es müssen inzwischen Hunderte sein.
Das häufig beschworene Runners High ist mir so schillernd noch nie begegnet, wohl aber diese herrliche Phase, insbesondere beim Laufen, in der ich vergesse, dass ich laufe, und mein Kopf selbstständig Fragestellungen auflöst, wilde Gedanken sortiert und lose Enden zu einem Ganzen verknüpft.
In diesen Phasen habe ich Glückwunschkarten formuliert, Themen ersonnen oder eben auch für diese Kolumne überlegt, was das eigentlich sein könnte, was ich gern vorher gewusst hätte. Sport macht, so die Uni Siegen, tatsächlich den Kopf frei, meiner nutzt dann offenbar nach einer Weile die Gelegenheit für neue Gedanken.
Vermutlich hätte ich auch mit einer vielleicht mehrtägigen und längeren Lauftour während des Studiums Sinn und Ordnung in die in der Rückschau zusammenhangslose Ansammlung an Seminaren und Vorlesungen gebracht. Zu spät, dafür hätte ich das früher wissen müssen und hätte dann vielleicht doch eine Promotion angestrebt.
8. Disziplin gelernt
Es glaubt mir keiner, eigentlich bin ich faul und würde lieber mit Genussmitteln in jedweder Form in der Kneipe, im Biergarten, im Ausflugslokal oder zumindest auf dem Sofa sitzen. Kann ich, finde ich super.
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Doch der noch größere Wunsch, bestimmte sportliche Ziele auch zu erreichen, führt dazu, dass ich mich zusammenreißen kann. „Discipline can make you stronger if it doesn't kill you first“, singt Joe Jackson. Sie ist für mich kein Wert an sich. Sie ist ein Werkzeug. Das ich gelernt habe einzusetzen, so lange, bis es zuverlässig funktioniert.
Es gibt wohl kein größeres Geheimnis als das, wie man den inneren Schweinehund überwindet, egal, welches Thema es betrifft. Und eigentlich ist es keines: Man muss es tun. Morgens um fünf im Bett liegen bleiben, weil es so gemütlich ist, oder doch die Laufschuhe an und raus? Klappt nur, wenn ich stumpf aufstehe. Sobald ich überlege und mit mir debattiere, verliere ich und bleibe liegen. Immer.
Über die Jahre hat sich daraus bis in die übrigen Lebensbereiche diese Methode bewährt: Geschirrspüler einfach ausräumen. Nicht nachdenken, ausräumen. Natürlich funktioniert das bei niemandem immer, aber doch erstaunlich viel öfter und besser. Hätte ich das schon vor zwanzig Jahren gewusst, hätte ich mir die Wochen der Qual vor der Anfertigung der Steuererklärung sparen können.
Das ergibt ein 3:5 für positive Dinge, die ich gern früher gewusst hätte über Ausdauersport. Dann hätte ich viel früher damit begonnen. Kein schlechter Schnitt.
Thorsten Firlus ist Handelsblatt-Redakteur und ambitionierter Sportler. Im Handelsblatt-Wochenende lässt er Sie alle 14 Tage an seinen Erkenntnissen teilhaben.
Erstpublikation: 14.11.2025, 04:00 Uhr.