Leistung: Warum Größenwahn eine wichtige Einstellung zum Sport ist
Die ziemlich verbriefte Legende will es, dass Gerhard Schröder als junger Bundestagsabgeordneter mal am Zaun des Kanzleramts rüttelte und rief: „Ich will da rein.“
Ich wollte in meinem sportlichen Leben vermutlich nur weniges tief in meinem Inneren wirklich erreichen. Eines war die Zielankunft auf dem norwegischen Berg Gaustatoppen beim Extremtriathlon Norseman. Ich war dann 2018 auch oben. Einer von 160 Athleten aus einem Starterfeld von 250, mehr dürfen nicht hoch. Vielleicht hielten als Ziele nur noch mit, überhaupt eine Langdistanz zu schaffen oder einmal im Leben 100 Kilometer zu laufen.
Die Psychologie hat den Zusammenhang zwischen Ziel und Umsetzung gründlich untersucht. Die Forscher Edwin Locke und Gary Latham entwickelten maßgeblich die Zielsetzungstheorie.
Eine Erkenntnis, die sofort einleuchtet: Zu niedrig darf die Hürde nicht sein. Sich eine Scheibe Brot mit Butter zu beschmieren, wird vielleicht ein Kleinkind als Hürde sehen, Erwachsene nur noch bei eiskalter Butter auf ungetoasteter Brioche.
Der amerikanische Trainer Joe Friel, der zahlreiche Bücher zur Trainingsmethodik insbesondere für Hobbyathleten geschrieben hat, gibt eine gute Handhabe, damit man sich da nicht übernimmt. Er trennt zwischen Vision und Zielen. Die Vision ist: Gerhard Schröder sah sich im Kanzleramt, ich mich auf dem Gaustatoppen durch die Zeitnahme.
Die Ziele sind dann zunächst mal deutlich bescheidener. Was Schröder erst alles erledigen musste, kann ich nicht ganz sagen. Ich weiß, dass schon für meinen ersten erfolgreichen Langdistanztriathlon zunächst ein erster Marathon oder eine Radfahrt über 180 Kilometer auf dem Programm standen und für den Norseman Kaltwassereinheiten.
Visionen muss man auch nicht gleich im Bekanntenkreis herumposaunen, Ziele schon eher, das schafft auch eine gewisse Verbindlichkeit. Und das ist auch sehr hilfreich, um eine Mammutaufgabe in verdauliche Happen Anstrengung zu zerlegen. Niemand muss einen Marathon im Training laufen, um im Wettbewerb die Distanz erstmals zu schaffen. Es soll erst an Tag X klappen. Bis dahin tun es vergleichsweise machbare Aufgaben, die natürlich auch erst mal erledigt werden wollen.
Es hilft auch, Rückschläge besser zu verkraften. Denn es geht dann immer erst mal nur ein Teil schief, nicht gleich das große Ganze. Im Hobbysport ist vermeintliches Scheitern dennoch besser, als es gar nicht erst zu versuchen. Niederlagen zu akzeptieren, hilft dem Seelenfrieden.
Denken Sie groß! Besser: größer.
Folgerichtig muss es aus meiner Sicht heißen: Haben Sie Visionen! Sehen Sie sich auf dem Siegertreppchen eines Radrennens. Stellen Sie sich vor, dass Sie einmal um die Welt gelaufen sind. Gerade mal 949 Marathons! Sehen Sie sich aus dem Ärmelkanal kommen, nachdem Sie ihn durchschwommen haben. Machen Sie es, wie die Band Deichkind empfiehlt: Denken Sie groß!
Dass ich größer denken sollte, als ich es gemeinhin tue, wurde mir dieses Jahr klar. Als ich einen Tag vor meinem 56. Geburtstag bei einem weiteren Triathlon, dem Swedeman, rund um die Hügel des schwedischen Ort Åre kroch. Schneefelder auf der Höhe, Matschgruben in den Trails, ausgelaugt und unterversorgt entfernte ich mich immer weiter von der Chance, zu den Athleten zu gehören, die den Cut-off für eine Bergankunft schafften (der dann wegen Unwetter eh geschlossen wurde).
Warum? Weil ich mit dem Ziel angereist war, den Wettbewerb zu beenden. Nicht weniger. Aber eben auch nicht mehr. Ich hatte nicht schon aufgegeben, bevor ich morgens um fünf Uhr ins Wasser sprang, ich hatte es gar nicht erst versucht. Wie das sprichwörtliche Springpferd, das nicht höher springt, als es muss. In dem Moment, als klar wurde, dass ich es nicht schaffen kann, wurde ich nochmals signifikant langsamer. Ich bin sicher, hätte ich wirklich gewollt, ich wäre dem Athleten gefolgt, der mich überholte und zurief: „Komm mit, wir können es noch packen.“ Er packte es.
Wir sind alle Springpferde. Manche springen höher, aber niemand aus Zufall. Keiner wird Bundeskanzlerin oder Präsident, weil sie oder er im Stadtrat gute Arbeit leistet. Keine Schwimmerin, kein Radfahrer explodiert mit ihrer oder seiner Leistung, ohne sich dazu angetrieben zu haben.
Wer ambitioniert Hobbysport betreibt, braucht die Motivation, sich zu quälen und zu verzichten, alles andere sind Märchen. In der Vorbereitung auf den Norseman trank ich einige Monate vor dem Wettkampf keinen Alkohol mehr, sämtliche Freizeit und auch einiges an Zeit auf Dienstreisen „opferte“ ich frühem Aufstehen, Training in Kälte und Nässe. Das machen wir Menschen nur, wenn wir wissen, wofür.
How bad do you want it?
„How bad do you want it?“, fragt der Autor Matt Fitzgerald in seiner sehr beeindruckenden Abhandlung „Mastering the Psychology of Mind over Muscle“. Unsere mentale Stärke ist zu bemerkenswerter Überredungskunst fähig. Bei jedem Menschen, davon bin ich felsenfest überzeugt.
Fitzgeralds Beispiele sind natürlich ehrfurchtgebietend und die Lektüre machte mich mitunter klein und schwach. Präziser: noch kleiner, schwächer und langsamer, als ich tatsächlich bin. Gewonnen habe ich schließlich noch nie etwas. Aber ich war oben auf dem Gaustatoppen. Auch wenn das Ziel zum Zeitpunkt meines ersten Gedankens daran größenwahnsinnig war.
Thorsten Firlus ist Handelsblatt-Redakteur und ambitionierter Sportler. Im Handelsblatt-Wochenende lässt er Sie alle 14 Tage an seinen Erkenntnissen teilhaben.
Erstpublikation: 16.10.2025, 17:57 Uhr.