Kommentar: Das Versagen des Westens in Afghanistan ist ein Signal – auch für andere Konfliktländer
Die von einem Moskau-treuen Oligarchen herausgegebene ukrainische Tageszeitung „Kyiv Post“ beschäftigte sich in ihrer Dienstagsausgabe mit Afghanistan. Weniger aber mit dem Vormarsch der radikal-islamischen Taliban oder den riskanten Evakuierungen westlicher Regierungen.
Nein, die Zeitung fragte: „Was bedeutet der Fall Afghanistans für den US-Alliierten Ukraine?“ Das Land wird seit 2014 durch vom Kreml unterstützte Separatisten bedroht. Die USA unterstützten das Land seit 2014 mit 4,6 Milliarden US-Dollar. Was passiert, wenn die Amerikaner sich auch hier irgendwann zurückziehen?
Eine berechtigte Frage, die sich auch andere Staaten stellen dürften – und nach dem Willen Moskaus, Pekings und Ankaras auch stellen sollen. Das US-Debakel in Afghanistan hat Auswirkungen auf andere Konfliktherde. Die USA dürften weniger als stabilisierender Faktor wahrgenommen werden.
Im April kündigte US-Präsident Joe Biden an, bis 11. September alle verbliebenen US-Soldaten abzuziehen. Die anderen Nato-Partner waren noch schneller.
Ob es nun die Schuld der Regierungen oder ihrer Geheimdienste ist: Alle haben übersehen, dass Afghanistan immer noch instabil ist, dass die Taliban mit Unterstützung eines großen Teils der Bevölkerung Geländegewinne verbuchen konnten. Und dass sie schließlich binnen Wochen die Hauptstadt Kabul einnehmen konnten.
Mali, Baltikum, Ukraine: Diese Länder könnten bald anderswo Hilfe suchen
Was sollen dann die Menschen in anderen Konfliktherden denken, die auf westliche Hilfe hoffen? Etwa im westafrikanischen Mali, wo französische und auch deutsche Truppen auf der Jagd nach Terroristen sind. Oder im Baltikum, wo Nato-Verbände regelmäßig Truppenübungen abhalten, um den großen Nachbarn Russland auf Distanz zu halten – noch. Oder eben in der Ukraine, die wegen ungenügender Bemühungen des Westens Teile ihres Staatsgebiets quasi verloren hat.
Die Folge: Diese Länder könnten sich bald woanders umschauen, wenn sie Hilfe brauchen. Die Ukraine hat bereits bei der Türkei Kampfdrohnen bestellt, ebenso die Nato-Länder Lettland und Polen.
Ein Sinneswandel in den nicht ganz so friedlichen Teilen der Welt wird kaum aufzuhalten sein. Der übereilte Abzug aus Afghanistan, 20 Jahre nach dem Einmarsch, ist daher eine Zäsur – sowohl für Afghanistan selbst als auch für alle bedrohten Länder der Welt. Wenn der Westen seine Lektion daraus nicht lernt, werden diese Staaten einen heftigen Preis dafür zahlen.