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  4. Grüne und Autobauer haben sich einander angenähert – doch klimaneutral ist nicht kostenneutral

KommentarDie grüne Umarmung von Autoindustrie und Ökopartei wird teuer für alle

Die Autoindustrie könnte mit einer grün geführten Regierung gut leben. Erstaunlich schnell haben sich ihr Geschäftsmodell und die Ziele der Ökopartei angenähert. Das hat Gründe.Markus Fasse 17.05.2021 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Wer sich nicht glaubwürdig vom Verbrennungsmotor verabschiedet, wird von Investoren wie Blackrock abgestraft.

Foto: dpa

Im Moment sieht es so aus, dass ein Ergebnis der Bundestagswahl im Herbst schon feststeht: Die Grünen, einst der Schrecken der Autoindustrie, könnten maßgeblich die künftige Verkehrs-, Energie- und Umweltpolitik bestimmen. Womöglich formuliert sogar eine grüne Bundeskanzlerin die Richtlinien der Politik. Es wäre eine Wende, die vor allem die deutsche Autoindustrie beträfe – und niemanden in Wolfsburg, München oder Stuttgart scheint das zu stören.

Im Gegenteil: Die Autobosse wirken gerade so, als wollten sie vorzeitig das grüne Wahlprogramm umsetzen. Herbert Diess rüffelt öffentlich die Energiepolitik der Regierung Merkel und fordert einen schnelleren Ausstieg aus der Kohleförderung. Mit der Einführung des Elektroautos kann es dem VW-Chef gar nicht fix genug gehen, im Monatstakt schraubt Europas größter Autokonzern seine Ziele hoch.

Daimler-Chef Ola Källenius spielt bereits das vorzeitige Ende der Benzin- und Dieseltechnik durch. Sein neues Geschäftsmodell ist „Sustainable Luxury“ – der elitäre, aber nachhaltige Mobilitätsgenuss der Zukunft.

Und BMW-Chef Oliver Zipse hat eine neue Rolle als Ökoaktivist gefunden: Wer die knappen Ressourcen der Erde für sein Geschäftsmodell nutzen wolle, brauche dafür gute Gründe, predigt Zipse. „Das grünste Elektroauto kommt von BMW“, lautet die Ansage aus München.

Erstaunlich schnell haben sich das Geschäftsmodell der Autobranche und die Ziele der Ökopartei angenähert. Das hat Gründe.

Die Grünen haben den volkswirtschaftlichen Wert des Autos anerkannt, zumindest teilweise. Wer seit zehn Jahren Baden-Württemberg regiert, der weiß, dass man auf dem Land nicht nur mit Bussen und Bahnen vorankommt. Der hat auch gelernt, dass ohne die Steuereinnahmen der wichtigsten Unternehmen ein Gemeinwesen nicht zu finanzieren ist.

Hinzu kommt eine industriepolitische Erkenntnis: Daimler, Porsche und Bosch können mit ihren riesigen Forschungsbudgets Innovationen für die ganze Wirtschaft treiben.

Das Wahlprogramm der Grünen

Die größere Lernkurve hat aber die Autoindustrie vollzogen. Der Dieselskandal 2015 hat die Konzerne moralisch diskreditiert und offenbart, wie tief sich die Branche in die Sackgasse manövriert hat. Denn das Pariser Klimaabkommen zwingt die Hersteller über kurz oder lang, aus dem Verbrennungsmotor auszusteigen. Die demonstrierenden Schüler der „Fridays for Future“-Bewegung zeigen, dass Lippenbekenntnisse in Sachen Klimaschutz nicht mehr ausreichen.

Einen Kurswechsel fordert auch der Kapitalmarkt: Wer sich nicht glaubwürdig vom Verbrennungsmotor verabschiedet, wird von Investoren wie Blackrock abgestraft. Schon jetzt ist der Elektropionier Tesla mehr wert als Daimler, BMW und Volkswagen zusammen. Tesla baut derzeit eine Fabrik in Brandenburg und straft alle Lügen, die glaubten, dem Neuling werde schon bald die Luft ausgehen.

Die Industrie braucht den Verbrennungsmotor bald nicht mehr

Die Antwort der deutschen Industrie ist ziemlich grün. Aus dem „Clean Diesel“ wurde „electric first“ und schon bald „electric only“. Volkswagen baut jetzt in drei Fabriken ausschließlich Elektroautos und kalkuliert mittlerweile mit sechs großen Batteriezellproduktionen in Europa.

Auch Mercedes und BMW geben dem Stromauto den Vorzug und setzen ihre Absatzziele für Stromer kräftig nach oben. Verbrennungsmotoren, einst das Herzstück der Unternehmen, sind nicht mehr Kerngeschäft. Mercedes gibt seine Motorenentwicklung in ein Joint Venture mit dem chinesischen Großaktionär Geely. BMW wird ab 2024 keine Verbrennungsmotoren mehr in Deutschland bauen. Man macht sich unabhängig vom Schicksal von Benzin und Diesel.

Foto: Kostas Koufogiorgos

Der Wende im Antrieb folgt die Wende in der Produktion: Um möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen, wollen die Autohersteller künftig in die Kreislaufwirtschaft einsteigen, den Wasserverbrauch reduzieren, Metalle und Kunststoffe wiederverwerten.

Das ist nicht nur für die Umwelt gut, sondern auch für die eigene Kalkulation. Rohstoffe sind schon heute knapp und teuer. BMW schätzt allein für dieses Jahr einen Preisanstieg von bis zu einer Milliarde Euro bei seinen Vormaterialien. Da wird der Schrottplatz zur Goldgrube.

Wer sich so aufstellt, den schockiert kein grünes Parteiproramm mehr. Das gilt für den Abbau der Dieselsubventionen ebenso wie für die Forderung, ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos zulassen zu wollen.

Das kann sogar von Vorteil sein: Je kürzer der Übergang von einer Technologie zur anderen, desto geringer ist die Komplexität in Entwicklung, Produktion und Vertrieb.

Selbst die grüne Forderung nach einem Tempolimit wird die Industrie mit Fassung tragen. Das von den Herstellern angestrebte automatisierte Fahren auf der Autobahn verspricht Wohlfühlatmosphäre. Rasen mit Tempo 200 stört da nur.

Also alles easy mit den Grünen und den Autobossen? Nicht ganz. Klimaneutral ist das Gegenteil von kostenneutral. Zunächst mal für die Autofahrer. Wer Diesel oder Benzin tankt, wird nach der Bundestagswahl mehr zahlen, das ist grünes Programm. Trotz Subventionen bleibt das Elektroauto vorerst ein Elitenprojekt, denn das Laden macht nur mit eigener Säule Spaß.

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Umgekehrt werden die Autohersteller die Einstiegsmodelle aus dem Programm nehmen, sie brauchen große und teure Autos, um den Umstieg finanzieren zu können. Steigende Spritpreise und weniger Kleinwagen schränken aber die Mobilität vieler Menschen ein.

Die Autohersteller werden Deals auf Kosten der Allgemeinheit anbieten. Die bereits jetzt großzügig gewährten Subventionen für die Elektromobilität wird man sich auf Jahre festschreiben lassen. Das gilt für die üppigen Kaufprämien für Elektroautos ebenso wie für den massiven Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur, den die Industrie gern dem Steuerzahler überlässt. Die Grünen bieten regionale „Transformationsfonds“, mit denen der Strukturwandel in der Autoindustrie öffentlich finanziert werden soll. „Sustainable Luxury“ hat eben seinen Preis.

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