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Kommentar Ein CEO wie Joe Kaeser wird fehlen

Der scheidende Siemens-Chef hat sich immer wieder eingemischt und auch Debatten angestoßen. Warum der politische CEO mit Kaeser nicht verschwinden darf.
03.02.2021 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
Joe Kaeser tritt ab: Der Siemens-Chef hat sich nicht nur in politische und gesellschaftliche Debatten eingemischt, sondern sie auch angestoßen. Quelle: Kostas Koufogiorgos

(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Man kann sicher auch Kritisches über den scheidenden Siemens-Chef Joe Kaeser sagen. Er hinterlässt zwar einen Konzern Konzern in sehr ordentlicher Verfassung, mit guten Zahlen und zufriedenen Anlegern. Aber er hat auch Fehler gemacht, mit der Milliardenübernahme des US-Kompressorenherstellers Dresser-Rand zum Beispiel.

Und bisweilen hat der Manager sehr gern viele Gelegenheiten ergriffen, um lange Antworten zu geben, die irgendwas mit Weltpolitik zu tun hatten. Es hängt ja auch alles irgendwie mit allem zusammen in einem solchen globalen Konzern. Sich nur über diesen Welterklärergestus lustig zu machen wäre allerdings ein Fehler. Der sich immer wieder auch politisch artikulierende Vorstandschef wird nämlich fehlen. Wenn nicht Siemens, dann dem ganzen Land.

Joe Kaeser hat sich zuletzt immer wieder die Freiheit genommen, nicht nur auf politische Konflikte zu reagieren, in die sein Unternehmen geriet. Er hat sich auch in andere gesellschaftliche Debatten eingemischt, sie mitunter sogar angestoßen.

Wo andere angestellte Manager sich weggeduckt haben, hat Kaeser sich als politischen CEO verstanden, der immer wieder über den Horizont seiner Werkstore hinausdenkt – und über diese Gedanken auch spricht, als „Industriekanzler“ hat ihn die „Zeit“ einmal treffend beschrieben. 

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    Natürlich gingen einige von Kaesers Einwürfen legendär daneben. So twitterte er über Tesla-Chef Elon Musk: „Amüsante Meinungsbildung in unserem Land: Wenn ein deutscher Vorstandschef proaktiv sein Unternehmen auf die Zukunft ausrichtet, gilt er als ,pathetisch‘ oder ,philosophisch‘. Wenn ein kiffender Kollege in den USA von ,Peterchens Mondfahrt‘ spricht, ist er ein bestaunter Visionär.“ Sein Nachfolger Roland Busch hatte Musk kurz zuvor als Visionär bezeichnet, Kaeser selbst war in einem Artikel als pathetisch bezeichnet worden. Die Aufregung im Konzern war groß.

    Ein Mann für klare politische Statements 

    Mit anderen Einlassungen aber setzte Kaeser klare politische Statements – gegen die AfD zum Beispiel („Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel“) oder schließlich auch gegen den einstigen US-Präsidenten Donald Trump („Es bedrückt mich, dass das wichtigste pol. Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird“), nachdem er bei seinem ersten Zusammentreffen in Davos mit einer etwas zu devoten Haltung gegenüber dem Präsidenten in die Kritik geraten war.

    Angestellte Unternehmensführer werden nicht dafür bezahlt, Politik zu machen. In der alten Denkschule des Shareholder-Values waren sie ausschließlich den Eigentümern ihres Unternehmens verpflichtet. Aber indem sie sich dabei zu Sachwaltern der Bilanzen und Gewinne verzwergen, werden sie zunehmend ihrer herausgehobenen Rolle in modernen, von Spaltungen durchzogenen Gesellschaften nicht mehr gerecht.

    Die moderne Richtung des Stakeholder-Values verlangt, die Konsequenzen des eigenen Tuns auf Lieferanten, Mitarbeiter, Kreditgeber und die Gesellschaft allgemein zu betrachten. Wenn jeder Kandidat für einen Assistenzposten nach dem „Purpose“, dem Sinn des Unternehmens, fragt, kann der CEO kein apolitisches Wesen sein.  

    Doch wenn es um die großen Konflikte jener Gesellschaften geht, in denen sie Geschäfte machen wollen, ist von den meisten CEOs (außer, dass die Politik jetzt irgendwie handeln müsse) immer noch viel zu wenig zu hören. 

    Topmanager sind aufgefordert, Haltung zu beziehen

    Frühere Manager- und Unternehmergenerationen haben ihre Rolle oft anders interpretiert. Ex-Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs, Unternehmensberater Roland Berger, Ex-McKinsey-Deutschlandchef Herbert Henzler oder Patriarchen wie Jürgen Heraeus und Reinhold Würth haben sich immer wieder politisch eingemischt, waren unbequem – und haben sich in Debatten auch mal gegen den Mainstream gestellt.

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    Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer wurde sogar als möglicher Bundespräsident gehandelt. Als Außenminister der deutschen Wirtschaft sowieso. Womöglich war nicht alles, was diese Männer sagten, immer relevant. Aber sie haben den Eindruck vermittelt, dass ihre Firmen an der Gesellschaft beteiligt sind und sie diese nicht nur als Absatzmarkt betrachten. 

    Bei zu vielen Topmanagern von heute wäre das undenkbar. Viele von ihnen klingen in politischen Debatten, wenn sie sich daran überhaupt beteiligen, so gleichförmig wie die Fahrwerke ihrer Rollkoffer. Ihre Statements sind von angeheuerten Kommunikationsprofis gut geölt, damit bloß nichts hakt. 

    Dabei wäre klare Haltung wichtiger denn je. Denn die aktuellen sozialen Herausforderungen können Politiker nicht allein bewältigen. Hier müssen sich alle Gruppen der Gesellschaft beteiligen. Die Wirtschaft muss Teil dieses Prozesses sein. Bei der Frage, wie ein modernes Bildungssystem aussehen kann, sind Bund und Länder erkennbar überfordert, erst recht beim digitalen Umbau des Landes.

    Einsatz für eine Wirtschaft, die auch Schwächere berücksichtigt

    Wenn es um die Einhaltung von Menschenrechten entlang der Lieferketten oder Geschäfte mit autoritären Regimen geht, bleiben wiederum viele Manager Antworten schuldig. Aber auch bei der Debatte, wie in einer zunehmend automatisierten Wirtschaft Sozialsysteme aussehen müssen, sollten sich die Topleute der Wirtschaft beteiligen. 

    Joe Kaeser kritisierte neulich erst im Handelsblatt, der Kasinokapitalismus sei zu weit gegangen, und fordert seit Jahren eine Wirtschaft, die auch Schwächere stärker berücksichtigt. Zur Wahrheit gehört zwar, dass Kaeser wie kein anderer CEO vor ihm den Siemens-Konzern nach den Vorstellungen der Finanzmärkte geformt und umgebaut hat.

    Eine Debatte über einen modernen Sozialstaat ist dennoch wichtig, mit Antworten auf die Frage, wie Sozial- und Bildungssysteme auf eine Wirtschaft vorbereitet werden sollen, in denen Roboter und Algorithmen immer mehr Aufgaben übernehmen. 

    Solche Debatten führen zu Widersprüchen, die man aushalten muss. Das hat Kaeser immer wieder zu spüren bekommen. So geriet er massiv wegen eines kleinen Bahnprojekts in Australien unter Druck, mit dem eines der größten Kohlebergwerke der Welt erschlossen werden sollte. Umweltschützer liefen Sturm – Siemens hielt an dem Projekt fest. 

    Schwierige Balance zwischen Werten, Interessen und Timing

    Auch andere Manager antworten auf solche Konflikte, indem sie sich arrangieren. Das gilt beispielsweise für Geschäfte mit autoritären Regimen, wofür es viele Gründe geben mag. Kaeser hat immerhin oft versucht, diese Widersprüche – und seine Abwägungen – öffentlich zu erklären. Als er kurz nach der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul zu einer Investorenkonferenz nach Riad reisen wollte, wo sein Konzern seit jeher gute Geschäfte macht, sagte er erst nach langem Zögern ab.

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    In einem langen Beitrag bei LinkedIn erklärte er, es sei nicht immer einfach, die richtige Balance zwischen Werten, Interessen und Timing zu finden. Aber was würde passieren, wenn sich Führungskräfte nur um ihre Zahlen kümmerten und sich von allem Brisanten fernhielten?, fragte er rhetorisch. Und antwortete: „Wir in Deutschland sollten aus unserer Geschichte wissen, wohin es führen kann, wenn Leute sich von Problemen fernhalten und nicht aufstehen, bevor es zu spät ist.“  

    Unternehmen sind auch die Summe ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind relevante Akteure dieser Gesellschaft. Unternehmer und Manager sprechen also nicht nur für sich, sondern auch für einen Teil dieses Landes. Es reicht deshalb nicht, alle paar Monate über Ebit und Ebitda zu referieren und ansonsten CSR-Prospekte mit bunten Bildern und wolkigen Versprechen zu drucken. Erst recht nicht in einer Zeit, in der eine wachsende Zahl von Menschen „die Eliten“ verachtet und ihnen misstraut. 

    Führungskraft zu sein, schrieb Kaeser einmal, bedeute für ihn nicht, „sich hinter seinen Leuten zu verstecken, wenn die Kugeln von vorn kommen“. Führungskraft zu sein bedeutet aber eben auch, sich nicht hinter Zahlen zu verstecken und sich – zumindest wenn es darauf ankommt – zu den relevanten gesellschaftlichen Fragen im Land zu verhalten.

    Diese Form der Transparenz kann auch ein Mittel sein, dem Misstrauen gegen „die da oben“ zu begegnen, weil sie zeigt: Wir fühlen uns verpflichtet, uns zu erklären.

    Mehr: Der Chefwechsel bedeutet eine strategische Zeitenwende für Siemens

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    2 Kommentare zu "Kommentar: Ein CEO wie Joe Kaeser wird fehlen"

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    • wir brauchen keinen Josef Kaeser, er hat doch nur Frau Dr. Merkel nach dem Mund geredet anstatt Zivilcourage zu zeigen und die Probleme aufzuzeigen. Auch hier keine Zivilcourage.

    • Das tolle Engagement Herrn Kaesers außerhalb seines Unternehmens beschränkte sich darauf die jeweils aktuellen politischen Strömungen zu unterstützen. Das ist nicht mutig, sondern der denkbar einfachste Weg. Und Claqueure gibt es immer genug. Weshalb wir also mehr Kaesers brauchen, kann ich nicht nachvollziehen

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