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KommentarGröße ist in der Stahlindustrie nicht mehr alles

Die Stahlindustrie muss sich grundlegend wandeln und schon bald grünen Stahl produzieren. Dafür braucht Thyssen-Krupp einen Partner.Martin Murphy 25.10.2020 - 16:51 Uhr Artikel anhören

Ein Stahlarbeiter in einem Hochofen von Thyssen-Krupp: Bei der Stahlproduktion wird viel CO2 freigesetzt. Die Stahlkonzerne müssen mit viel Aufwand ihre Klimabilanz verbessern.

Foto: dpa

Die Stahlindustrie steht vor einer grundlegenden Neuordnung. Wieder einmal. Schon seit Jahrzehnten wird das Geschehen in der Branche von Fusionen und Übernahmen geprägt. Krupp schluckte Hoesch und schuf dann mit der Verschmelzung mit Thyssen den deutschen Marktführer Thyssen-Krupp. Unternehmer Lakshmi Mittal hat mit einer Reihe von Akquisitionen den Weltmarktführer Arcelor-Mittal geformt.

Die Branche ist ständig in Bewegung – und doch ist es dieses Mal anders. Bisher lautete die Strategie, einen möglichst großen Verbund zu schaffen, der bei Forschung, Rohstoffen und Kundenzugang Synergien generiert. Größe bedeutete Macht.

Mit diesem Kurs ist der Industriezweig über die Zeit mehr oder weniger gut gefahren. Gegen die immer stärker werdende Konkurrenz vor allem aus China konnten sich die Europäer behaupten. Auch wenn kein Hüttenbetreiber großartig Geld verdient hat, so leben die Firmen noch.

Diese Strategie wird nun aber nicht mehr ausreichen. Auch wenn derzeit die Manager der jeweiligen Unternehmen intensiv über die Neuordnung reden. Entscheidend ist dabei nicht mehr der Traum von Größe, sondern das industrielle Konzept.

Die Stahlindustrie ist an einem Wendepunkt angekommen. Dem Wunsch der Gesellschaften nach klimafreundlichen Industrien können sich die Konzerne nicht mehr widersetzen. Die Herstellung von Stahl ist heute einer der Prozesse, bei denen am meisten Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wird. Darauf gilt es eine Antwort zu finden.

Der hohe CO2-Ausstoß ist nicht mehr haltbar, zumal es technische Lösungen gibt. Durch eine Umstellung des Betriebs auf Wasserstoff können die Firmen den Werkstoff klimaneutral produzieren. Diese Umstellung ist ein gewaltiger Kraftakt. Zum einen muss die Technik ausgereift sein und zum anderen der Maschinenpark umgerüstet werden.

Der Klimaschutz wird teuer

Beides wird viel Geld kosten. Allein Thyssen-Krupp rechnet mit einem Betrag von rund zehn Milliarden Euro. Dies ist einer der Gründe, warum der Vorstand seine Stahlsparte zum Verkauf gestellt hat. Das Unternehmen kann und will diese finanzielle Belastung nicht schultern.
Dieser Rückzug wäre nicht nötig gewesen. Viel zu lange haben sich die jeweiligen Vorstände gegen den Wandel gestellt. Dieses Festhalten an überkommenen Denkmustern haben die Ruhr-Manager aber mit ihren Kollegen in nahezu allen Stahlfirmen gemein.

Die Anfänge der Produktion von Eisen und Stahl reichen Tausende Jahre zurück. Heute ist das Material einer der wichtigsten Werkstoffe. Autos, Maschinen, Häuser oder Brücken sind ohne Stahl undenkbar. Stahl ist zwar ein Massenprodukt, aber mit ihm verbinden wir die Industrialisierung. Sie ist eng mit dem Funkenhagel am Hochofen verbunden. Stahl ist Mythos.

Dieser Umstand ist Fluch und Segen zugleich. Die Arbeiter aus den Hütten genießen wie die Konzerne ein hohes öffentliches Ansehen. Thyssen-Krupp gilt neben Unternehmen wie Deutscher Bank, Siemens und Volkswagen als wirtschaftliches Herz Deutschlands.

Mit dieser Symbolkraft kann der Ruhrkonzern aber nicht sein Überleben sichern. Bis heute hat das Management von Thyssen-Krupp kein schlüssiges Konzept, um Stahl klimaneutral zu produzieren. Der Verkauf ist daher ohne Alternative.

Auch wenn noch nicht absehbar ist, wer letztlich den Zuschlag erhalten wird. Entscheidend muss bei der Wahl des Eigentümers das industrielle Konzept sein, weniger der Preis. Dies mag nicht im Interesse der Aktionäre sein, aber es ist von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung.

Der Umbau muss rasch gelingen

Deutschlands Industrie braucht vielleicht nicht heute grünen Stahl, aber schon sehr bald. Mit der Elektrifizierung von Autos und Lastwagen stellen Volkswagen, Daimler und BMW ihre Fertigung auf CO2-Neutralität um. Ein Zeitplan bis 2050 für die Umstellung, wie von Thyssen-Krupp versprochen, ist da viel zu lang.

Mit SSAB und Liberty können zwei der drei möglichen Bieter für die Stahlsparte von Thyssen-Krupp die Produktion schnell umstellen. SSAB aus Schweden will bereits zur Mitte des Jahrzehnts grünen Stahl anbieten; Liberty will seine Hütten bis zum Jahr 2030 komplett umgestellt haben. Liberty-Chef Sanjeev Gupta sieht keine Alternative. Er will auch die Hütten von Thyssen-Krupp bis zum Ende der Dekade auf die Produktion von sauberem Stahl umstellen.

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Ohne Frage sind seine Ziele ambitioniert. Aber die Vertreter von Politik, Gewerkschaften und Management sollten aufmerksam zuhören, wenn er seine Pläne für einen fusionierten Konzern vorstellt. Mit der sich anbahnenden Fusion von SSAB mit weiten Teilen von Tata Steel sind schließlich zwei Interessenten wohl raus.

Entscheidender ist aber Guptas Ziel, die Industrie nachhaltig zu verändern und damit zukunftssicher aufzustellen. Davon ist die Stahlsparte von Thyssen-Krupp 200 Jahre nach ihrer Gründung heute weiter entfernt denn je.

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