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Die neuen Zwanziger

Kommentar Hört auf euch selbst zu optimieren!

Höher, weiter, besser – beruflich und privat akzeptieren wir kaum noch Grenzen. Jeder optimiert sich selbst, wo es nur geht. Doch genau das ist ein Fehler.
04.04.2020 - 12:00 Uhr Kommentieren

In fast allen Lebensbereichen sind wir bemüht, uns zu verbessern. Schlank durch Ernährungs- und Fitnesstraining, gedankenschnell dank Vitaminpräparat, erfolgreich im Job durch digital überwachtes Zeitmanagement – die Varianten der individuellen Steigerungsmöglichkeiten sind groß. Dieser Trend heißt Selbstoptimierung. Gut zu sein reicht in der modernen Gesellschaft schon lange nicht mehr aus. Das Ziel ist es, besser zu sein. Dabei muss die Antwort auf diesen Optimierungswahn lauten: Es gibt Grenzen, akzeptiert sie!

Auf Facebook oder Instagram präsentieren wir uns mit unseren Urlaubs- oder Partyfotos, lässigen Sprüchen oder geistreichen Wortbeiträgen. In Berufsnetzwerken wie Xing oder LinkedIn schlägt uns der Algorithmus Personen vor, deren Lebensläufe wie die Garantie zum Gelddrucken aussehen. Studium in Rekordzeit, Abschluss mit Bestnote und Start-Up-Gründer. Schon kommt der Gedanke auf: „Wieder was, was ich nicht kann“. Wer sich jedoch seiner ganz eigenen Fähigkeiten und Interessen bewusst ist, muss sich nicht an der Fassade aufpolierter und konstruierter Profile messen.

Körperlich akzeptieren wir unsere Grenzen auch nicht mehr. Ein Jahresabo im Fitnessstudio gehört zur Normalausstattung auf dem Weg zur Bikinifigur oder zum durchtrainierten Muskelpaket. Ein Triathlon mit 40 ist Pflicht und das Matterhorn im Alter von 50 Jahren zu besteigen auch. Schließlich überwachen uns digitale Geräte und zeigen ständigen körperlichen Verbesserungsbedarf an.

Dass der Körper aber mit zunehmendem Alter an seine Grenzen stößt und nicht in jedem ein Olympiaathlet steckt, blenden wir aus. Schlimmer noch: Misserfolge erzeugen noch mehr Druck. So machen wir uns unglücklicher, provozieren Selbstzweifel und verfehlen das Ziel, das wir erreichen wollten.

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    Geht es im Berufsleben um die eigene Person, sind Fehler, Rückschläge oder Schwächen tabu. Um sie zu vermeiden, scheint jedes Mittel recht. Koffeintabletten gegen Schlafentzug, Beta-Blocker zur Unterdrückung von Stress oder Ritalin für mehr Konzentration. „Neuro Enhancement“, „Microdosing“ und „Hirndoping“ stehen für Anwendungen, bei denen man durch psychoaktive Substanzen leistungsfähiger wird oder sein Bewusstsein erweitert.

    Dabei belegen diverse Studien, dass Menschen nicht unbedingt glücklicher werden, wenn sie es beruflich oder gesellschaftlich an die Spitze schaffen. Sie sind eher zufrieden, wenn sie mit sich selbst im Rahmen ihres eigenen Potentials und Könnens in Einklang leben. „Selber denken statt selbst optimieren“ sollte unser Leitsatz lauten.

    Das Schlagwort lautet „Selbstbestimmung“

    Außerdem kann Glück nicht optimiert werden. Ist jemand, der sonntagsnachmittags einen Halbmarathon läuft, zufriedener als jemand, der zur selben Zeit auf der Couch liegt und seine Lieblingsserie schaut? Ist ein Investmentbanker mit Millionenbonus glücklicher als ein Bergführer, der seine Gäste sicher zum Gipfel bringt? Glück kann nicht gesellschaftlich bestimmt oder pauschalisiert werden. Es ist ein individuelles Empfinden, dass jeder für sich im Rahmen seiner eignen Interessen und Grenzen festlegt. Akzeptanz muss daher die Reaktion der Allgemeinheit sein und nicht Leistungsdruck oder Verständnislosigkeit.

    Und bei allen Verbesserungsoptionen vergessen wir, dass Gelassenheit, Spontanität und Kreativität nicht optimiert werden können. Das Schlagwort der Zwanziger Jahre lautet daher „Selbstbestimmung“ – im Privaten wie auch im Beruf. Wer aber ständig mehr von sich verlangt, als er ohne zusätzliche Hilfsmittel leisten kann, tritt sein Selbstwertgefühl mit Füßen und gibt seine Selbstbestimmung auf. Er verliert den Zugriff auf sich und seine verborgenen Talente. Empfohlen sei daher ein Leitsatz von Apple-Gründer Steve Jobs: „Der einzige Weg, großartige Arbeit zu leisten, ist zu lieben, was man tut“.

    Es ist legitim nach persönlicher Weiterentwicklung zu streben, um zu reifen und individuelle Stärken herauszubilden. Doch aus diesem Bemühen darf kein Zwang zur Optimierung werden. Beim Verlangen nach stetiger Verbesserung steht immer eines im Vordergrund: Maximierung. Ist das Maximum erreicht und die eigenen Grenzen bis dahin mehrfach überschritten, ist der Absturz besiegelt. Innerhalb der eigenen Limits sein Bestes zu geben und so Erfolg zu haben, ist dagegen nachhaltig. Auch halbe Sachen können große Dinge bewegen.

    Mehr: Oft vergleichen wir das kommende Jahrzehnt mit seinem Pendant vor 100 Jahren. Doch machen die Analogien wirklich Sinn? Zehn Kommentare blicken auf kommende Herausforderungen.

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