Kommentar: Neuer Bundesbank-Präsident – Wir werden Jens Weidmann vermissen
Seit Mai 2011 war Jens Weidmann Chef der Bundesbank, dieses Jahr kündigte er seinen Rücktritt an.
Foto: APJens Weidmann geht. Die Inflation kommt. Das ist kein gutes Signal für die Stabilitätskultur in Europa. Nach zehn Jahren an der Spitze verlässt Weidmann leicht frustriert die Bundesbank. Schon sein Vorgänger und Mentor Axel Weber warf im Streit über die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) die Brocken hin.
Man darf gespannt sein, wie hoch die Frustrationstoleranz von Weidmanns Nachfolger Joachim Nagel ist.
Denn nicht nur in der EZB, sondern auch in den EU-Mitgliedstaaten haben sich die Gewichte verschoben. Das neue Traumduo bilden der italienische Ministerpräsident Mario Draghi und der französische Präsident Emmanuel Macron. Nach dem Abgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in Europa ein Führungsvakuum entstanden. Dieses Interregnum haben Draghi und Macron geschickt genutzt.
Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass Europas wichtigste Achse nicht Paris und Berlin, sondern nun Paris und Rom verbindet. Das englische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ stellte Italien kürzlich super Noten in der Wirtschaftspolitik aus. Das gibt Draghi Rückenwind.
Er und Macron haben sich nun untergehakt, um weichere Schuldenregeln in der EU durchzusetzen. Olaf Scholz zeigte am Montag bei seinem Besuch in Rom eine gewisse Offenheit dafür. Der neue Bundeskanzler versprach „Flexibilität“ bei der Schuldenregelung. Er stellte aber keinen Freifahrtschein für Reformen aus. Doch es ist Bewegung in die Debatte gekommen.
Mehr Schulden und weniger Wachstum
Scholz wird es ganz recht sein, auf seinen liberalen Finanzminister Christian Lindner verweisen zu können, wenn die Forderungen aus Südeuropa über das Ziel hinausschießen. Eine dauerhafte Schuldenunion wollen weder Lindner noch Scholz. Der Bundeskanzler muss aber seine Position noch finden. Auch wenn es ohne Deutschland als größte und stärkste Volkswirtschaft nicht geht: Der Motor schnurrt derzeit französisch-italienisch. Das bedeutet im Zweifel mehr Schulden und weniger Wachstum.
Das Inflationsthema kann Macron, dem eine Wahl ins Haus steht, nicht ignorieren. Aber für ihre eher schuldenorientierte Politik haben Paris und Rom in EZB-Präsidentin Christine Lagarde noch eine Verbündete. Die Sturheit, mit der sie an der lockeren Geldpolitik festhält, verwundert nicht wenige ihrer Zentralbankkollegen, vor allem im angelsächsischen Raum.
Weidmann war der Falke unter den Tauben
Mit Jens Weidmann geht Lagardes größter Kritiker nun von Bord. Die beiden haben sich persönlich geschätzt. Bei der Beurteilung der Geldentwertung aber liegen Welten zwischen ihnen. Bei der Geldpolitik geht es auch immer um Erwartungen und Narrative.
Wenn die Menschen und Unternehmen an wenig Inflation glauben, dann ist das schon die halbe Miete. Weidmann stand für so ein stabilitätsorientiertes Narrativ. Er war der Falke unter den Tauben. Konziliant im Ton, durchaus mit einem Blick für die wirtschaftlichen Realitäten, aber auch hart in der Sache trat Weidmann auf. Manche politischen Beobachter sagen schon in Berlin und Frankfurt: Wir werden Jens Weidmann vermissen.
Die Erwartungen an seinen Nachfolger Joachim Nagel sind gewaltig. Er kann zum Verstärker von Christian Lindner gegen die Begehrlichkeiten aus Frankreich und Italien werden. Es macht schon einen Unterschied, ob der Bundesbank-Vertreter bei der EZB Schulden und Inflation auf die leichte Schulter nimmt. Oder ob er die Tradition hochhält, bei der die Stabilität des Geldwerts im Heiligenschrein steht.