Kommentar: Start-ups und Medien – Missverständnisse auf allen Seiten
Ob über einen IPO berichtet wird, hängt davon ab, wie interessant oder einzigartig das Unternehmen ist.
Foto: dpaNew York. Auf der einen Seite stehen die jungen Start-up-Gründer und ihre Investoren, auf der anderen die bösen Journalisten, die keine Ahnung vom Programmieren haben und das Silicon Valley immer stärker kritisieren: In den USA wächst die Kluft zwischen Medien und Tech-Szene zunehmend. Zuletzt hat die Venture-Capital-Legende Marc Andreessen vom Wagniskapitalgeber Andreessen Horowitz sogar ein eigenes Medium gegründet, das eine techfreundliche Berichterstattung garantieren soll.
Was ist los in der Tech-Welt und bei jenen, die über sie schreiben? In Deutschland haben zuletzt einflussreiche Vertreter der Gründerszene, die Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) beraten, den Medien die Schuld an wenig erfolgreichen Börsengängen gegeben und eine „Disziplinierung der Presse“ gefordert. In den USA beschimpfen Tech-Vertreter Journalisten in den sozialen Medien, wenn sie es wagen, Kritisches zu schreiben.
Dem neuen Streit zwischen Tech-Szene und Presse liegen grundsätzliche Missverständnisse zugrunde darüber, wie die jeweils andere Seite funktioniert. Die Beschwerden aus dem Silicon Valley und auch die des Beirats des deutschen Wirtschaftsministeriums muten fast ein wenig naiv an. Da stellen sich die Tech-Vertreter tatsächlich vor, man könnte von oben verordnen, dass über alle kleinen Börsengange (IPOs) berichtet wird.
Nein, so funktioniert das Mediengeschäft nicht. Ob über einen IPO berichtet wird, hängt davon ab, wie interessant oder einzigartig das Unternehmen ist. Das kann man nicht von oben verordnen.
Es hängt immer auch davon ab, was sonst aktuell passiert. Wenn China an dem Tag Sanktionen gegen die USA verhängt, Tesla eine Fabrik in Deutschland baut oder Biontech gerade den Durchbruch im Kampf gegen Covid schafft, dann interessiert der Börsengang aus der Gründerszene mit wenigen Millionen Euro leider kaum Leser. Das lässt sich in Klickzahlen messen. Dieses Kriterium ist ziemlich technikaffin und sollte den digitalen Gründern durchaus einleuchten.
Es mag sein, dass manche Journalisten allzu klassische Maßstäbe wie Umsatz und Gewinn ansetzen, wenn sie Start-ups bewerten. Natürlich hängt es bei Start-ups auch vom Potenzial ab, das die Zukunft bringt. Und ja, Amazon hat jahrelang Verluste geschrieben, weil es seine Gewinne in neue Geschäftsfelder investiert hat, um weiterzuwachsen.
Aber nicht jedes Start-up ist ein neues Amazon. Und selbst Jeff Bezos hat viel Medienschelte abbekommen und es überlebt. Einigen Start-ups geht auch manchmal schlichtweg das Geld aus. Insofern darf man sich durchaus auch für die schnöden Kennzahlen unterm Strich interessieren.
Aktionäre vor Hochstaplern schützen ist im Interesse der gesamten Tech-Szene
Theranos, Wirecard, Wework: Die Liste der Unternehmen, bei denen die kritischen Journalisten recht behalten haben, ist lang. Bei dem Bluttestanbieter Theranos und dem Zahlungsspezialisten Wirecard haben sich die Aktionäre die Finger verbrannt, weil sie die zu schönen Geschichten der Start-ups geglaubt haben. Bei Wework hat nicht zuletzt der SEC-Prospekt für den Börsengang die dramatische finanzielle Lage ans Licht gebracht. Das war bevor sich Privatanleger oder Pensionsfonds verbrennen konnten. Die Berichterstattung darüber war also deren Glück.
Wenn die Kritik an der Berichterstattung von den Gründern selbst und von ihren Wagniskapitalgebern kommt, muss man sich auch stets die Frage stellen: Wer verdient an dem Börsengang?
Es ist ja nicht so, als ginge das eingesammelte Geld immer komplett an das Unternehmen, damit es damit expandieren kann. Oft sind es die Gründer und Kapitalgeber, die mit dem Sprung an die Börse Kasse machen und damit das Risiko auf andere – die neuen Aktionäre - transferieren.
Auch das ist an sich nichts Schlechtes. So funktioniert das Geschäft. Venture-Capital-Firmen können nur deshalb so viele Start-ups unterstützen, weil sie ihre Anteile bei einigen wenigen mit einem enormen Profit verkaufen können, der die Flops wettmacht.
Aber es ist auch im Sinne dieser Wagniskapitalgeber, dass die Medien sich die Firmen genau anschauen und Hochstapler bloßstellen. Denn wenn erst einmal mehrere Unternehmen die Anleger enttäuschen, schwindet das Vertrauen. Dann könnte der komplette IPO-Markt einbrechen und damit der Nährboden für die gesamte Tech-Szene.
Gerade in Deutschland haben wir beim Dotcom-Boom um die Jahrtausendwende gesehen, welche verheerenden Folgen solche Negativerfahrungen haben können. Nachdem die über alle Maßen gehypten Internetaktien aus dieser Zeit eingebrochen waren, wollten viele Deutsche keine Aktien mehr anfassen. Die Skepsis hält bis heute an.
Gründer und Wagniskapitalgeber sollten daher mit der Presse arbeiten und nicht gegen sie, indem sie korrekte Informationen auch auf kritische Fragen liefern – und die Presse erfüllt ihren Teil, indem sie kritisch, aber fair berichtet.
Wenn future.com über neue Start-ups berichtet, dann sind dort sicher spannende Geschichten dabei. Aber die Leser sollten sich auch immer fragen: An welchen davon ist Andreessen Horowitz beteiligt? Ein future.de mit freundlichen Artikeln über deutsche Start-ups kann nicht die Lösung sein.