Kommentar zum Banken-Gipfel 2022: Deutsche Banken sind nur bedingt abwehrbereit
Die deutschen Banken kommen voran, aber langsamer als die europäische Konkurrenz.
Foto: Karl-Heinz SprembergBundesfinanzminister Christian Lindner nimmt die heimischen Banken in die Pflicht. Der FDP-Politiker will, dass die Branche trotz aller aktuellen Krisenherde die Liquidität der deutschen Wirtschaft sichert und Investitionen auch in dieser schwierigen Situation ermöglicht – genau wie in der Pandemie. Während der Coronakrise waren die Banken tatsächlich Teil der Lösung – aber auch und vor allem, weil der Staat mit gigantischen Hilfspaketen eine Welle von Unternehmenspleiten und damit von Kreditausfällen verhinderte.
Die finanziellen Kapazitäten des Staates sind allerdings begrenzt. Und niemand weiß, wie lange diese Krise währt. Das hängt von zu vielen Variablen ab, die außerhalb der Kontrolle von Managern und westlichen Politikern liegen.
Man kann den deutschen Banken nicht vorwerfen, dass sie die vergangenen Jahre nicht genutzt hätten. 2021 erreichten die Institute laut einer Studie der Berater von Bearingpoint eine Eigenkapitalrendite von immerhin 4,5 Prozent. Das ist das beste Ergebnis seit 2016.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Institute noch immer weit davon entfernt sind, ihre Kapitalkosten zu verdienen. Die Profitabilität liegt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von rund acht Prozent.
Für diese Defizite gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zwei der wichtigsten: Erstens stecken viele Banken noch im Umbau. Zweitens kommt die Transformation in Richtung digitaler Geschäftsmodelle deshalb deutlich langsamer voran als etwa bei skandinavischen Instituten.
Kein Zweifel: Deutschlands Banken sind handlungsfähig. Aber sie sind leider nicht so handlungsfähig, wie sich Finanzminister Lindner das wünschen würde – kurz vor einer der schwierigsten Prüfungen für die heimische Wirtschaft in der Geschichte der Bundesrepublik.
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