Morning Briefing: An Trump zeigen sich die Unterschiede der Kanzlerkandidaten
Zwischen „Oh Ja“ und „Oh Gott“: Reaktionen auf Trump
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
dass mein gestriges Morning Briefing die Gemüter bewegen würde, hätte ich mir denken können – es ging schließlich um ein brisantes Thema. Aber dass die Wogen der Emotion gleich so hoch schlagen?
Ich fasse zusammen: Die Mehrheit unter Ihnen scheint sehr entschieden der Ansicht zu sein, dass Einhörner keine Flügel haben. Der achtjährigen Tochter eines Lesers aus Erfurt verdanken wir den Hinweis, dass Pferde mit Horn und Flügeln Alihörner heißen. Sie entstehen gut informierten Onlinequellen zufolge aus der Paarung eines Einhorns mit einem Pegasus.
Und damit zurück zum Tagesgeschäft.
Am Tag nach Donald Trumps Amtsantritt und der Flut an Dekreten, die der neue US-Präsident unmittelbar nach seiner Vereidigung unterzeichnet hatte, schlug heute die Stunde der internationalen Reaktionen.
1. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin haben am Dienstag in einem Videotelefonat ihre enge Beziehung betont. Alexander Gabuev, Experte für russisch-chinesische Beziehungen, hält das Timing unmittelbar nach Trumps Amtsantritt für taktisch gewählt: „Trump wollte, dass China eine Rolle bei Friedensverhandlungen mit der Ukraine spielt.“ Durch das Telefonat zeige Xi, dass er über den entsprechenden Einfluss verfüge.
2. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat sich für ein selbstbewusstes Vorgehen Deutschlands ausgesprochen. Man solle gegenüber der neuen Regierung unter Trump zwar mit „einer ausgestreckten Hand agieren“, sich aber nicht „grenzenlos die Hand wegschlagen lassen“, sagte Habeck auf dem Energie-Gipfel des Handelsblatts in Berlin:
Sollten die USA Strafzölle auf Importe aus Deutschland erheben, wisse man, so Habeck, welche Zölle man dann selbst erheben müsse.
3. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war am Mittag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ebenfalls auf vorsichtige Distanz zu Trump gegangen:
4. Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz äußerte sich hingegen zuversichtlich zu einer konstruktiven europäischen Zusammenarbeit mit Trump. „Ich denke, er wird ein interessanter Partner für uns sein“, sagte der CDU-Chef in Davos. „Er ist ein Dealmaker, also lasst uns darüber nachdenken, was wir anbieten können.“ Merz nannte als mögliche Themen einen Import von Flüssiggas und Rüstungsgütern aus den USA:
Die Positionen Trumps bezeichnete Merz als kalkulierbar, „also lasst uns mit ihm zusammenarbeiten und herausfinden, wo wir gemeinsame Ansätze haben.“
5. Mehrere US-Bundesstaaten wollen juristisch verhindern, dass das Recht auf Staatsangehörigkeit durch Geburt in den USA für Kinder von Menschen ohne Aufenthaltsstatus abgeschafft wird. Das hatte Trump per Präsidentenerlass angeordnet. „Präsidenten können die Verfassung und jahrhundertealte Rechtsprechung nicht mit einem Federstrich außer Kraft setzen“, sagte der Justizminister des Bundesstaates New Jersey, Matt Platkin, der nach eigenen Angaben die Initiative von 18 Bundesstaaten anführt. Im 14. Zusatzartikel zur US-Verfassung heißt es, dass Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren werden, Bürger des Landes sind. Trump argumentiert aber, das gelte nicht, wenn die Mutter widerrechtlich oder nur temporär in den USA gewesen sei.
„In Deutschland fehlen hunderttausende Wohnungen“: Das ist ein Satz, der inzwischen so oft gesagt und geschrieben wurde, dass ihn kaum noch jemand hinterfragt. Aber stimmt er auch? Tatsächlich stehen in Deutschland derzeit rund 1,9 Millionen Häuser und Wohnungen leer. Es fehlt also nicht absolut an Wohnraum, er steht nur an den falschen Orten. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) sagte gestern:
Der Leerstand betreffe aber auch Teile Westdeutschlands wie den Norden Bayerns, Teile der Vulkaneifel, Nordrhein-Westfalens oder des Saarlands.
Mit einer „Handlungsstrategie Leerstandsaktivierung“ will Geywitz gegen diese Unwucht auf dem Wohnungsmarkt angehen, wobei sich das Grundproblem nicht wird beheben lassen: Wie unsere Karte zeigt, befinden sich die meisten leeren Häuser außerhalb der Pendeldistanz zu wirtschaftsstarken Metropolen.
Adidas hat seine bereits drei Mal nach oben geschraubten Erwartungen für das abgelaufene Jahr mit einem operativen Gewinn von 1,34 Milliarden Euro übertroffen. Das Betriebsergebnis habe sich damit um mehr als eine Milliarde Euro verbessert, teilte der weltweit zweitgrößte Sportartikelkonzern am Dienstagabend mit.
Zuletzt hatte Vorstandschef Björn Gulden einen operativen Gewinn von 1,2 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Der Umsatz erhöhte sich um elf Prozent auf 23,68 Milliarden Euro, ebenfalls stärker als gedacht.
Live-Sportübertragungen und die zweite Staffel der Erfolgsserie „Squid Game“ haben Netflix den größten Kundenzuwachs der Firmengeschichte beschert. Nach mehreren Quartalen mit einem schwächelnden Wachstum gewann der Konzern eigenen Angaben zufolge zum Jahresabschluss 2024 19 Millionen Kunden hinzu, mehr als gedacht. Der Streaming-Anbieter hob seine Umsatzziele für das laufende Jahr an und plant Preiserhöhungen für die Abonnenten in den USA.
Nach einer Reihe amerikanischer Großbanken prüft nun auch die Schweizer Großbank UBS den Ausstieg aus dem internationalen Klimabündnis von Banken. UBS-Chef Sergio Ermotti sagte Bloomberg TV:
Die UBS ist damit die erste europäische Bank, die die „Net Zero Banking Alliance“ offiziell infrage stellt. In den vergangenen Monaten waren bereits alle großen US-Banken ausgetreten. Die UBS war Gründungsmitglied der Klimaallianz, die das Ziel verfolgt, die Kohlenstoffemissionen aus den Kredit- und Investmentportfolios ihrer Mitglieder bis 2050 auf netto null zu reduzieren.
Deutschlands Ikonen stehen unter Druck. Die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn – dahin. Die technische Überlegenheit der deutschen Autoindustrie – umkämpft. Und nun verwässert auch noch das Freischwimmer-Abzeichen, bei Nicht-Boomern als „Schwimmabzeichen Bronze“ bekannt.
Laut einer Studie der Kölner Sporthochschule und der DLRG gab jeder Fünfte von 1882 befragten Schwimmlehrern an, während der Freischwimmer-Prüfung kurze Pausen oder das Festhalten am Beckenrand zu tolerieren. Beim Tauchen begnügen sich 38 Prozent der Befragten mit einer geringeren Wassertiefe als den vorgesehenen zwei Metern.
Fehlt eigentlich nur noch, dass man das Abzeichen im Rahmen einer Home-Swimming-Vereinbarung auch in der heimischen Badewanne erwerben kann.
Ich wünsche Ihnen einen Mittwoch, an dem Sie den Kopf über Wasser behalten.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens