Morning Briefing: Per Telefon zum gelben Schein – Warum sind so viele Deutsche krank?
Gestiegener Krankenstand: Ist der gelbe Schein per Telefon Schuld?
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Wer oder was ist schuld daran, dass der Krankenstand in Deutschland so stark angestiegen ist? Das laufende Jahr dürfte hier einen neuen Rekordstand bringen. Schon zwischen Januar und August – also vor der Grippesaison – kamen laut AOK-Bundesverband auf 100 Versicherte rund 225 krankheitsbedingte Arbeitsausfälle. Das waren zu diesem Zeitpunkt genau so viele Krankheitsfälle wie im Gesamtjahr 2023. Dabei steht die zu erwartende herbstliche Grippewelle noch aus.
Zumindest der Bundesinnungsverband der Gebäudedienstleister führt den Anstieg auch auf die Möglichkeit zurück, sich telefonisch krankzumelden. Seit Dezember 2023 ist die Krankschreibung per Telefon wieder grundsätzlich möglich. Und seither berichteten 71 Prozent der bundesweit mehr als 400 Mitgliedsunternehmen des Verbands von einem Anstieg des Krankenstandes.
Nur eine Korrelation? Oder auch eine Kausalität? Auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang klar: Wenn es nur einen Anruf kostet, noch einen Tag länger zu Hause zu bleiben, dann machen das eben auch mehr Beschäftigte. Doch unsere Redakteurin für Gesundheitspolitik, Britta Rybicki, gibt zu bedenken: Keine wissenschaftliche Studie kann bislang den Zusammenhang zwischen telefonischer Krankschreibung und den steigenden Krankenständen belegen. Möglicherweise seien viele Menschen durch die Corona-Pandemie auch sensibler geworden.
22.000 Richterinnen und Richter arbeiten in der Bundesrepublik. In den USA mit ihrer fast viermal so großen Bevölkerung sind es mit 24.000 Berufsrichtern nur unwesentlich mehr. Es gibt hierzulande fast dreimal so viele Richter wie in Frankreich und Italien und viermal so viele wie in England. Die Zahlen stammen aus einem Bericht des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach rangiert Deutschland bei der Anzahl der Richter und Staatsanwälte international mit an der Spitze.
Das fände ich für sich genommen nicht schlimm. Ein personell gut ausgestattetes Justizsystem, in dem die Bürgerinnen und Bürger schnell und zuverlässig zu ihrem Recht kommen – das ist mein Steuergeld wert. Aber haben wir solch ein System?
Der IW-Bericht verweist auf Befunde der EU-Kommission, laut denen Deutschland „in puncto Effizienz, beispielsweise in der Verfahrensdauer“, nur im Mittelfeld der EU-Staaten stehe. Hauptursache dafür laut Verbänden und Fachpolitikern: zu wenig Personal.
Die IW-Ökonomen machen eher die fehlende Spezialisierung der Gerichte und die schleppende Digitalisierung der Justiz für deren Überlastung verantwortlich.
Wo ein Wille ist, ist offenbar durchaus ein Weg zum zügigen Urteil. Im vergangenen Jahr dauerten beispielsweise erstinstanzliche Asylklagen im Schnitt rund 17 Monate. Trier schafft die Verfahren laut einer Umfrage der „Deutschen Richterzeitung“ in 3,5 Monaten, Cottbus braucht 38,5 Monate.
Der Münchener Personalsoftwareanbieter Personio ist hinter Celonis das zweitwertvollste Start-up in Deutschland. Nun verschiebt Personio den geplanten Schritt an den Aktienmarkt für längere Zeit. Mitgründer und Firmenchef Hanno Renner stellt im Gespräch mit unserer Start-up-Reporterin Nadine Schimroszik klar: „Ein Börsengang wird nicht vor 2026 passieren.“
Laut Renner wächst Personio trotz erschwerter Bedingungen „weiterhin stark“ – konkretere Zahlen will er allerdings nicht nennen. Neun Jahre nach der Gründung und zwei Jahre nach der letzten Finanzierungsrunde muss Personio offenbar erst mal in den während der Corona-Pandemie mit viel Hoffnung veranschlagten Firmenwert von 8,5 Milliarden Dollar hineinwachsen.
Auch Solaris zählt zu den wertvollsten deutschen Start-ups. Zuletzt sammelte das Unternehmen im März Geld von Investoren ein – und konnte seine Bewertung nach eigenen Angaben mit 1,6 Milliarden Euro stabil halten. Das Fintech bietet anderen Unternehmen Bankdienstleistungen an, beispielsweise die Ausgabe von Kreditkarten.
Doch auch bei Solaris läuft nicht alles rund, das Unternehmen trennt sich von Hunderten Mitarbeitern. Wie das Handelsblatt aus dem Umfeld des Unternehmens erfuhr, sind vom geplanten Stellenabbau etwa 240 der insgesamt 700 Beschäftigten betroffen. Solaris-Chef Carsten Höltkemeyer sagt: „In Folge der strategischen Entscheidungen müssen wir jetzt einmal noch einen schmerzhaften Abbau vollziehen, bevor wir vollends nach vorne schauen können.“
Mit Ratan Tata ist eine der Schlüsselfiguren der modernen indischen Wirtschaft im Alter von 86 Jahren verstorben. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi würdigte Tata in einer ersten Reaktion auf dem Kurznachrichtendienst X als „einen visionären Wirtschaftsführer, eine mitfühlende Seele und einen außergewöhnlichen Menschen“.
Tata arbeitete ab 1962 für den Konzern, den sein Urgroßvater fast ein Jahrhundert zuvor gegründet hatte. Ab 1991 führte Tata das Industriekonglomerat für mehr als zwei Jahrzehnte und richtete es global aus. Seine wohl bekannteste Übernahme war 2008 der Kauf von Jaguar und Land Rover für 2,3 Milliarden Dollar. Nach seinem Ausscheiden bei der Tata Group machte Ratan Tata als Investor in indische Start-ups von sich reden.
Ein live übertragenes Duell der beiden wirkmächtigsten Frauen der deutschen Politik. Eine Stunde Zeit, drei Stehpulte, dahinter Sahra Wagenknecht, Alice Weidel und als Moderator „Welt“-TV-Chefredakteur Jan Philipp Burgard. Eine ebenso simple wie interessante Idee, die die Kolleginnen und Kollegen von der „Welt“ da hatten.
Ich war gestern Abend gespannt, wie die beiden Politikerinnen miteinander umgehen würden: Würden sie sich gegenseitig ständig Recht geben und damit die Hufeisenthese belegen, laut der sich linke und rechte Positionen in den Extremen plötzlich wieder sehr nah sein können?
Das war bei Wagenknecht und Weidel beim Thema Ukrainekrieg der Fall, in dem beide Kiew die militärische Unterstützung entziehen wollen. In der Migrationspolitik war es vor allem Wagenknecht, die das BSW auf keinen Fall auf einer Stufe mit den Massenausweisungsphantasien der AfD sehen will. Immer wieder konfrontierte sie Weidel mit fremdenfeindlichen Aussagen von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke.
Interessant: Eine klare Trennlinie zog Wagenknecht in der Diskussion nur zur AfD des Rechtsextremisten Höcke, nicht zur AfD insgesamt. Das klang bei ihr früher entschlossener. Lässt da womöglich jemand einen Versuchsballon aufsteigen, um dem BSW neben der Zusammenarbeit mit den etablierten Parteien in Zukunft mit der AfD eine zweite Mehrheitsoption in Ostdeutschland zu eröffnen?
Fragt sich, wem dieses Hufeisen Glück bringen würde.
Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Möglichkeiten.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Sie möchten wissen, wie die Zukunft des Industriestandorts Deutschland aussehen kann? Über dieses und viele weitere Themen sprechen wir mit führenden Persönlichkeiten aus Industrie, Wirtschaft und Politik beim Industrie-Gipfel des Handelsblatts. Er findet am 12. und 13. Dezember in Berlin statt. Für Leserinnen und Leser des Morning Briefings haben wir zehn Gastkarten reserviert. Registrieren Sie sich hier mit dem Zugangscode 37D2401390GEW.