Morning Briefing Plus – Die Woche: Eine Zahl, die niemandem egal sein darf – Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem gemeinsamen Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage. Womit wir bei einer Zahl wären, die in der breiten Öffentlichkeit kaum beachtet wurde, die aber in der Handelsblatt-Redaktion am Montag für große Diskussionen gesorgt hat. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist zu Beginn der Woche auf über fünf Prozent gestiegen – auf den höchsten Stand seit 16 Jahren.
Nun könnte man denken: Gibt es mit den Kriegen in der Ukraine und Israel nichts Wichtigeres? Was hat die Verzinsung amerikanischer Bonds mit uns zu tun?
Sehr viel. US-Staatsanleihen sind das Herz-Kreislauf-System der Weltfinanzmärkte. Der Bond mit zehnjähriger Laufzeit ist das am weitesten verbreitete Wertpapier auf dem Globus und dient wiederum einer Vielzahl von Finanzinstrumenten als Maßstab. Steigt die Rendite, müssen Staaten, Unternehmen und Immobilienkäufer mehr für ihre Kredite zahlen. Die Folgen treffen jeden, nur entfalten sie sich nicht mit einem Knall, sie verbreiten sich schleichend. Wie ein Gift, das langsam durch die Arterien der Weltwirtschaft strömt.
Tatsächlich bedeutet diese schmerzhafte Entwicklung eine Normalisierung. Was die Welt seit der Finanzkrise 2009 erlebt hat, war ein Ausnahmezustand, eine Zeit, in der Geld nichts kostete. Eine Zeit, in der sich Regierungen und Notenbanken daran gewöhnt hatten, ein Rettungspaket nach dem anderen aufzulegen – „whatever it takes“. Eine Zeit, in der sich auch Unternehmen mit billigen Krediten über Wasser halten konnten, deren Geschäftsmodell längst nicht mehr existierte. Eine Zeit, in der unzählige Mittelstandsfamilien sich Häuser kauften, die ihre finanziellen Möglichkeiten eigentlich überstiegen.
Das ist nun vorbei, und das bedeutet nichts weniger als eine Zeitenwende auch für die Weltwirtschaft.
Die trifft nun auf eine neue Generation von Politikern, Anlageprofis, Unternehmenslenkern, Konsumenten und Journalisten, die keine andere Welt kennen als eine Welt ohne Zinsen. Sie alle werden umdenken, neu lernen müssen. Sie werden lernen, dass sich Staaten nicht verschulden können, ohne irgendwann einen Preis dafür zu zahlen. „Dies könnte die gefährlichste Zeit sein, die die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat“, sagt der Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase, Jamie Dimon. Denn all das passiert vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen zwischen China und den USA, dem Krieg in der Ukraine, dem drohenden Flächenbrand in Nahost.
Für Panik gibt es keinen Grund. Sehr wohl aber dafür, sich mit der komplexen Lage an den Märkten zu befassen. Ich bin froh, dass beim Handelsblatt so viele kluge Köpfe arbeiten, die sich (nicht erst) seit der letzten Finanzkrise mit diesen Entwicklungen beschäftigen. Astrid Dörner, Michael Maisch und Jens Münchrath sind drei dieser klugen Köpfe, und sie haben diese Zeitenwende an den Märkten in einer umfangreichen Analyse zum Wochenende beleuchtet.
Um die Lage zu verstehen, lege ich Ihnen noch das Interview mit dem Topökonom Mohammed El-Erian ans Herz, der nicht nur ein realistisches Bild vom Zustand der Welt zeichnet. Er beschreibt auch, womit wir in den nächsten Monaten und Jahren zu rechnen haben. „Ab sechs Prozent beginnt der Zerstörungsprozess“, prophezeit der Finanzmarktstratege. Wer nicht zu den Opfern gehören will, sollte sich schon einmal vorbereiten auf diese neue globale Zinswelt.
Der Finanzmarktexperte Mohamed El-Erian war vom Anstieg der Anleiherenditen wenig überrascht.
Foto: BloombergWas uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1: Die deutsche Wirtschaft ist in keiner guten Verfassung. Und seit Monaten fragt sich die Industrie, was nun der Plan der Bundesregierung sei, gegen die hohen Energiepreise, die hohe Abgabenlast, die Bürokratie. Bundeswirtschaftsminister Habeck hat jetzt seine lange ersehnte Industriestrategie vorgelegt. Ich muss allerdings sagen: Mich hat das Papier enttäuscht. Es enthält viele alte Forderungen, politische Floskeln, wenig neue Ideen und vor allem keine Antwort auf die Frage, wie Zukunftsbranchen und Innovationen gestärkt werden sollen. Aber sehen Sie selbst.
Wirtschaftsminister Habeck will laut seiner Industriestrategie vor allem die Angebotsbedingungen verbessern.
Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen2: Wie Sie vielleicht wissen, trifft sich die Handelsblatt-Redaktion jeden Morgen um neun Uhr zur News-Konferenz, um die nächsten 24 Stunden zu planen. Was ich an diesen Runden so mag, sind die Debatten, die entlang der großen Themen immer wieder entstehen. Vor wenigen Tagen war es wieder so weit. Da ging es um die Frage, ob der Westen seine besten Zeiten hinter sich hat? Es war eine hitzige Diskussion, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Deshalb debattieren Dana Heide und Jens Münchrath hier ganz offen über diese so wichtige Frage.
3: Unsere Osteuropa-Korrespondentin Mareike Müller war schon mehrfach in der Ukraine. Dieses Mal fuhr sie allerdings nicht allein, sie begleitete in einem Nachtzug acht deutsche Wirtschaftsvertreter nach Kiew, die in den Wiederaufbau des Landes investieren wollen. Und sie schrieb einen sehr lesenswerten Report über diese Reise. Kiew sei in dieser Zeit weniger angegriffen worden, als sie es von ihrer letzten Ukrainereise im Mai kannte, schrieb sie mir. Damals gab es jede Nacht Luftalarm. Doch das ändert sich gerade, berichtet Mareike. „Je kälter es jetzt wird, desto größer die Sorge der Ukrainerinnen und Ukrainer vor einer neuen Welle von Angriffen auch in Städten fernab der Front – vor allem auf die Energieinfrastruktur.“
4: Es war eine Meldung, die die Märkte bewegte: Siemens Energy verhandelt nach seinen Milliardenverlusten mit dem Bund nun über Milliarden-Garantien. Nach der Meldung brach der Aktienkurs zeitweise um mehr als 39 Prozent ein. Wie es weitergeht, werden wir in den nächsten Tagen für Sie verfolgen: Laut Finanzkreisen soll der Bund rund acht Milliarden Euro tragen, Banken zwei Milliarden und Siemens fünf Milliarden. Die Bundesregierung drängt auf eine Beteiligung des Großaktionärs Siemens, der will davon bislang allerdings nichts wissen.
Siemens Energy hat vor allem im Geschäft mit den erneuerbaren Energien mit Problemen zu kämpfen.
Foto: dpa5: Auch bei Conti läuft es nicht rund. Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle sucht Lösungen für die Probleme. Um sein Vermächtnis zu retten, braucht er eine neue Strategie für das Unternehmen und stellt dafür sogar die Zukunftssparte autonomes Fahren zur Disposition, hat unser Unternehmensressort recherchiert. Ob das hilft? Fraglich. Im Aufsichtsrat fehlt ihm langsam ohnehin der Rückhalt. Eine Verlängerung seines Vertrags stößt in Teilen des Gremiums auf Widerstand.
6: Auch wenn seine Zahlen ebenfalls nicht berauschend sind (kurz vor unserem Gespräch berichtete Mercedes von sinkendem Gewinn und Umsatz), glaubt CEO Ola Källenius nicht, dass die goldene Zeit der Autoindustrie vorbei ist. In unserem Gespräch beim Handelsblatt Auto-Gipfel in Essen sprach er über den Umbau seines Unternehmens und verschiedene Innovationen. Källenius plant zum Beispiel die Einführung eines Superassistenten in Mercedes-Fahrzeugen, ähnlich wie „Jarvis“ aus den „Iron Man“-Filmen: „Man wird einen Superassistenten im Auto haben, der die Reise bequemer, lustiger und sicherer macht.“
Ola Källenius im Interview mit Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel am Donnerstag in Essen.
7: Es geht um eine Technologie, die unser Leben verändern wird, die unglaubliche Macht bedeuten kann, und die womöglich schon bald die Geschäftsgeheimnisse der westlichen Welt entschlüsseln kann. Es geht um Quantencomputer. Und hier sollten Sie eine Zahl kennen: Mehr als die Hälfte aller Patente in dem Bereich haben im vergangenen Jahr Organisationen aus China beantragt. Die USA haben den Ernst der Lage erkannt. Lesen Sie unbedingt noch diesen Report aus dem Innern dieses atemberaubenden Tech-Wettstreits zwischen China und den USA von Felix Holtermann.
8: Das Handelsblatt hat unterschiedlichste Foren für Begegnungen und Austausch. Da sind unsere großen Konferenzen wie der Auto-Gipfel, digitale Fortbildungen, aber es gibt auch kleinere Formate: Wie den neuen Handelsblatt KI-Circle. Das ist ein exklusiver Kreis für alle, die KI-Transformationen in Unternehmen gestalten oder verstehen wollen. Im KI-Circle bringen wir Entscheiderinnen und Entscheider zusammen, die untereinander und mit namhaften Experten die Chancen und Risiken dieses Wandels diskutieren. Alle Informationen zum Netzwerk und zur Bewerbung finden Sie hier.
Führungskräfte der Zukunft: Es sind mutige, visionäre Menschen, die nicht hadern, sondern machen.
Foto: Handelsblatt9: Wenn es um die entscheidenden Köpfe in der Wirtschaft geht, dann fokussieren wir Medien uns oft auf die Menschen in der ersten Reihe. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass die eigentlichen Innovatorinnen und Veränderer mitunter ganz andere sind – Menschen aus der zweiten oder dritten Reihe. Um diesen Vordenkerinnen und Vordenkern eine Bühne zu geben, haben das Handelsblatt und Boston Consulting Group (BCG) vor sieben Jahren die Initiative Vordenker:innen ins Leben gerufen, bei der jedes Jahr kluge Köpfe ausgezeichnet und auf die Bühne gebracht werden. Ich bin immer wieder beeindruckt von den Persönlichkeiten, die ich bei der Preisverleihung unserer Initiative in München kennen lernen kann. So viel ist klar: Von diesen 29 Köpfen werden wir in den nächsten Jahren noch hören.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlichst
Ihr Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
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