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Morning Briefing Plus – Die WocheKein Gas aus Nord Stream 1, Zehn-Punkte-Plan für Volkswagen: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin

Die Energiepreise steigen immer weiter, über Nord Stream 1 wird kein Gas mehr geliefert. Währenddessen berät der Koalitionsausschuss über ein drittes Entlastungspaket.Kirsten Ludowig 03.09.2022 - 09:44 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen allerseits,

ich gebe zu: Ich habe mir nie viele Gedanken um Strom gemacht, allenfalls beim Umzug. Zählerstände, Zählernummern – Sie wissen, was ich meine. Oder wenn ich mal wieder irgendwo gelesen habe, wie viel man sparen kann, wenn man die verschiedenen Anbieter und Tarife vergleicht, und wie einfach der Wechsel ist.

Dann habe ich mir stets vorgenommen, mich mal näher damit zu beschäftigen, um dann am Ende doch beim alten Vertrag zu bleiben. Die Bequemlichkeit siegte, auch wenn sie etwas mehr kostete.

Die Strompreise steigen in Höhen, die noch im vergangenen Jahr undenkbar waren.

Foto: dpa

Diese Zeiten sind vorbei. In diesen (Kriegs-)Tagen beschäftigt uns nicht nur der hohe Strompreis, sondern auch der Marktmechanismus, nach dem er sich bildet. Stichwort: Merit-Order-Prinzip. Was das ist und wie es sich auf den Strompreis auswirkt, diese und andere Fragen beantworten meine Kollegen in einem aufschlussreichen Erklärstück.

Klar ist bei aller Komplexität: Der Strompreis ist an den Gaspreis geknüpft. Und genau das fällt uns nun angesichts der explodierenden Gaspreise auf die Füße. Deswegen diskutieren die EU und die Bundesregierung über eine Reform des Strommarkts. Doch so einfach ist das nicht – und Ökonomen warnen davor, in die Preisbildung einzugreifen.

„Natürlich wäre es schöner, wenn man die Preisbildung dem Markt überließe“, kommentiert mein Kollege und Energieexperte Klaus Stratmann. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass der Strommarkt schon jetzt extrem vom Handeln des Staates beeinflusst sei.

Nun wird die Politik noch einmal kräftig Hand anlegen müssen, glaubt er – und zieht ein bitteres Fazit: „Verschiedene Vorschläge liegen auf dem Tisch. Alle haben gravierende Nachteile. Aber der aktuelle Zustand ist nicht länger hinnehmbar.“ Wir sind gespannt, was da kommt.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Gespannt schauen wir auch auf den Koalitionsausschuss, der an diesem Samstag zusammenkommt. Die Spitzen der Ampel-Regierung wollen nach Abschluss ihrer Kabinettsklausur auf Schloss Meseberg über ein drittes Entlastungspaket entscheiden. Neben Kanzler Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner werden auch die Partei- und Fraktionschefs von SPD, Grünen und FDP dabei sein. Ein Team aus unserem Berliner Büro beschreibt, welche Maßnahmen der Bund beschließen könnte, um die hohen Energiepreise abzufedern. Ob es so „wuchtig“ wird, wie von Scholz angekündigt?
2. Entlastungen sind das eine, um das sich die Bundesregierung kümmern muss. Das andere ist die Versorgungssicherheit – vor allem vor dem Hintergrund der Ankündigung Russlands am Freitagabend, durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 werde von heute an anders als angekündigt weiter kein Gas fließen. Dazu gehört auch die kontroverse Diskussion um eine Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke. Dass es hierzulande voraussichtlich länger als geplant Strom aus Atomkraft geben dürfte, darauf deutet der zweite Stresstest zur Versorgungssicherheit hin, den Wirtschaftsminister Habeck in Auftrag gegeben hatte. Demnach, erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen, könnte es sinnvoll sein, zwei der drei noch aktiven Meiler zum Jahresende nicht vom Netz zu nehmen.
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3. Apropos Versorgungssicherheit: Vorbildlich hatte sich Polen aus der Abhängigkeit von Russland befreit, so schien es jedenfalls. Früh im Jahr hatte Moskau dem Land den Gashahn zugedreht, umgehend hatte Warschau Gegenmaßnahmen ergriffen. Doch nun herrscht Chaos: geplatzte Verträge, Ärger mit Norwegen mit Blick auf eine neue Gaspipeline durch die Ostsee, technische Verzögerung. Der nächste Winter könnte bitterkalt für Polen werden.

4. Russland kratzt währenddessen seine Reserven zusammen: Nachdem Ende Juni noch vollkommen überraschend Dividendenzahlungen von Gazprom auf der Hauptversammlung des staatlich kontrollierten Gaskonzerns verhindert wurden, soll jetzt für das erste Halbjahr eine Rekordsumme von umgerechnet 20 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Wladimir Putin versuche nach dem Prinzip „linke Tasche – rechte Tasche“ die Löcher zu stopfen, konstatiert mein Kollege Mathias Brüggmann in seinem Kommentar. Doch das sei nicht mehr als ein „Taschenspielertrick, der Russlands Probleme nur vertagt statt löst“.

5. Bei der Lufthansa bewegte sich am Freitag wenig. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hatte einen Pilotenstreik ausgerufen, nachdem Tarifverhandlungen gescheitert waren. Sie fordert unter anderem 5,5 Prozent mehr Geld in diesem Jahr und einen automatischen Inflationsausgleich ab 2023. Vor allem aber ist der VC die Strategie des Managements um CEO Carsten Spohr ein Dorn im Auge, immer mehr Verkehr von der Kernmarke auf Tochtergesellschaften wie Eurowings zu verlagern. Dort seien die Personalkosten im Cockpit deutlich niedriger, wird argumentiert. Das Handelsblatt erklärt, worüber genau gestritten wird – und wie unterschiedlich Piloten bei Lufthansa und Eurowings verdienen.

6. Als Kanzler Scholz sich vor Kurzem beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung den Fragen der Bürgerinnen und Bürger stellte, wollte ein Junge von ihm wissen: „Bist du reich?“ Scholz antwortete: „Wenn man bedenkt, wie viel die Menschen durchschnittlich verdienen, dann ja.“ Aber: Ab wann ist man eigentlich reich in Deutschland? Das herauszufinden, ist gar nicht so einfach – wir versuchen es trotzdem anhand bestimmter Daten, wie die Grafik zeigt.
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7. Mit Wasserstoff betankte Autos seien neben Batterieantrieben „das letzte Puzzlestück“ auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität, findet Oliver Zipse. Gesagt, getan: Am Mittwoch stellte der BMW-Chef gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder 100 Testfahrzeuge des Modells X5 vor. Die Brennstoffzelle sei eine gewagte Wette auf die Zukunft, sagt Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management. „Vor allem dann, wenn kein Massenhersteller wie Toyota oder Volkswagen mitzieht.“

8. Der frischgebackene Volkswagen-Chef Oliver Blume hat anderes vor: nämlich einen Zehn-Punkte-Plan umsetzen, mit dem er VW wieder auf Kurs bringen will. Wie der aussehen soll, dass erklärt der 54-Jährige im Interview. Passend dazu beschreiben wir in einem Report, wie der „freundliche Herr Blume“, so nennen ihn manche intern, dieses Biest von einem Konzern mit über 100 Werken auf fünf Kontinenten, 670.000 Mitarbeitern und einer byzantinisch anmutenden Corporate Governance führen will. Unter anderem mit einem verkleinerten Vorstand. Klar ist: Blume muss vor allem die Probleme bei VWs Softwareeinheit Cariad lösen. Dabei spielt der Zulieferer Continental eine entscheidende Rolle.

9. Zum Schluss noch ein Hinweis auf die neue Folge unseres Podcasts Rethink Work. Darin habe ich mit unserem Teamleiter Karriere, Lazar Backovic, über Overthinking im Job gesprochen. Es geht darum, was übertriebenes Grübeln vom durchaus sinnigen Reflektieren und Hinterfragen unterscheidet, wie man Warnsignale erkennt und vor allem, was man gegen Overthinking tun kann. Hören Sie mal rein! Ich freue mich über Ihr Feedback.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende – ohne kreisende Gedanken um den Job!

Herzliche Grüße
Ihre

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Kirsten Ludowig

Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt

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