1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Handelsblatt Morning Briefing von Christian Rickens

Morning BriefingUnerwartet: Die Inflation in Deutschland sinkt

Christian Rickens 30.06.2022 - 06:27 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

man muss die guten Nachrichten feiern, vor allem wenn sie so unerwartet kommen: Seit Wochen beziehen die Ampel-Koalitionäre mediale Dresche für Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket. Zwei Musterbeispiele für milliardenteuren Staatsaktionismus, von dem bis heute nicht klar ist, was er eigentlich für wen bringen soll.

Klar ist jetzt immerhin: Beide Maßnahmen wirken, und zwar auf die Inflation. Die Verbraucherpreise in Deutschland legten im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat zwar um 7,6 Prozent zu. Ökonomen hatten aber mit einem weiteren Anstieg der Teuerungsrate auf 8,0 Prozent gerechnet. Im Mai lag die Inflation bei 7,9 Prozent.

Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt hätten die Inflation leicht sinken lassen, aber das seien „vorübergehende Entlastungen, die bald auslaufen“, sagt Clemens Fuest, Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo. Vor allem wegen der Risiken bei der Gasversorgung könne man nicht davon ausgehen, dass der Höhepunkt der Inflation bereits erreicht sei.

Und: Morgen stehen die Daten für die Euro-Zone an. Experten rechnen im Schnitt mit einer Teuerungsrate von 8,5 Prozent, nach zuletzt 8,1 Prozent im Mai.

Christine Lagarde ist jedenfalls überzeugt, dass sich die Inflationsdynamik im Euro-Raum dauerhaft verändert hat. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) sagte gestern im portugiesischen Sintra auf einer Konferenz ihrer Notenbank: „Ich glaube nicht, dass wir in ein Umfeld niedriger Inflation zurückkehren werden.“

Mittelfristig hofft die EZB-Chefin, dass sich die Teuerungsrate bei dem von der Zentralbank anvisierten Ziel von zwei Prozent einpendelt.

Lagarde räumte ein, dass die Notenbanken mit Demut auf ihre früheren Inflationsprognosen zurückblicken müssten. Die Währungshüter hatten für dieses Jahr lange Zeit einen deutlichen Rückgang der Inflation vorhergesagt. Ein ungewöhnlicher Akt der Selbstkritik im Notenbanker-Gewerbe, das auch vom Nimbus der eigenen Unfehlbarkeit lebt.

Mut für den kommenden Winter macht uns Anders Opedal, der Chef des norwegischen Rohstoffkonzerns Equinor: Sein Unternehmen stehe bereit, um zusätzliches Erdgas nach Deutschland zu liefern, wenn die für Ende des Jahres geplanten schwimmenden Terminals für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und womöglich Lubmin in Betrieb gehen. Opedal sagt im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Wenn Deutschland seine LNG-Terminals fertig hat, kann darüber aus unserer Anlage bei Hammerfest zusätzliches verflüssigtes Erdgas nach Deutschland gelangen.“

Norwegen ist nach Russland Deutschlands zweitgrößter Gaslieferant. Rund 31 Milliarden Kubikmeter lieferte das Königreich im Jahr 2020 in die Bundesrepublik – bislang über Pipelines, die derzeit voll ausgelastet sind. Aus Russland kamen im gleichen Jahr 56 Milliarden Kubikmeter.

Opedal träumt zudem von einer neuen Pipeline, durch die klimaschädliches CO2 von Deutschland nach Norwegen fließen soll. Equinor setzt auf das sogenannte „Carbon Capture and Storage“-Verfahren (CCS), bei dem CO2 im Untergrund gespeichert wird – und auf deutsche Industriekonzerne als Kunden für diese skandinavische Version von Hempels Sofa: Alles was man drunterschiebt, ist prompt vergessen.

Wie der sprichwörtliche alte Zirkusgaul, der plötzlich wieder auflebt, wenn die vertraute Manegen-Musik erklingt, zeigt sich die Nato in diesen Tagen. Die schnelle Eingreiftruppe soll drastisch aufgestockt werden, der Beitritt von Schweden und Finnland ist so gut wie beschlossen.

Und nun hat sich das westliche Militärbündnis auf seinem Gipfeltreffen in Madrid auch noch eine neue Grundsatzstrategie verordnet, die keinen Zweifel daran lässt: Der Feind steht im Osten. Russland wird im neuen Nato-Konzept als „bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für Frieden und Stabilität im euro-atlantischen Raum“ beschrieben. Das Dokument soll der Allianz in den kommenden zehn Jahren als sicherheitspolitischer Leitfaden dienen. Es ersetzt die Nato-Leitlinie von 2010. Damals wollte die Allianz noch auf eine „echte strategische Partnerschaft mit Russland“ hinarbeiten.

Nun heißt es: „Vor dem Hintergrund ihrer feindseligen Politik und Handlungen können wir die Russische Föderation nicht als unseren Partner betrachten.“

Foto: AP

Die Klarheit der Sprache in diesem Nato-Dokument lässt einen frösteln – und ist wahrscheinlich nur ehrlich, ohne die sonst üblichen diplomatischen Verbrämungen. Es ist kein Zirkusgaul, der da in Madrid erwacht. Sondern ein erfahrenes Schlachtross, das unruhig mit den Hufen scharrt, weil es aufziehenden Pulverdampf wittert. Oder wie mein Kollege Jens Münchrath formuliert: „Für eine Institution, die kürzlich noch als „hirntot“ (Macron) und „obsolet“ (Trump) bezeichnet wurde, zeigt sich die Nato doch recht vital. Das Verteidigungsbündnis gewinnt die Bedeutung zurück, die es zuletzt auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs in den 60er- und 70er-Jahren hatte.“

Und dann ist da noch der Überfall auf der Maastrichter Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf, die renommierteste ihrer Art. Auf den ersten Blick erinnert Vieles an ein Gentleman-Gaunerstück nach dem Muster von „Ocean's Eleven“: Verletzt wurde niemand, die Täter sollen auffällig gut gekleidet gewesen sein. Nach dem Zertrümmern einer Vitrine mit einer Axt konnten sie scheinbar ein Juwel erbeuten. Die Handelsblatt-Kunstmarktspezialistin Susanne Schreiber war während des Überfalls auf der Messe und wundert sich nicht, dass er glücken konnte: So seien am Eingang zwar die Taschen von Besucherinnen auf Waffen kontrolliert worden, nicht aber die von Besuchern.

Wir schließen mit einem Zitat von Ocean's-Eleven-Darsteller Brad Pitt, der in einer seiner früheren Rollen den Satz sagte: „Ich habe immer daran geglaubt, dass ein professionell durchgeführter Raubüberfall keine komplett unangenehme Erfahrung sein muss.“ Wissen Sie noch, um welchen Film es sich handelt?

Ich wünsche Ihnen in jedem Fall einen professionell durchgeführten Tag ohne komplett unangenehme Erfahrungen.

Herzliche Grüße
Ihr

Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

Verwandte Themen
EZB
Inflation
Deutschland
Russland
Konjunktur
Norwegen

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt