Morning Briefing: Wäre das Sozialsystem ein Haus, dann wäre es einsturzgefährdet
Schieflage: Deutschlands Sozialsystem wackelt
Guten Morgen liebe Leserin, lieber Leser,
wäre Deutschlands Sozialsystem ein Haus – es wäre der Alptraum eines jeden Statikers. Das Fundament, bestehend aus den Jungen, Gesunden und Arbeitsfähigen, wird immer schwächer und droht unter dem schwerer werdenden Dach, bestehend aus den Alten, Kranken und Pflegebedürftigen, zusammenzubrechen. Neu ist diese Erkenntnis nicht, aber neu ist die Dringlichkeit, mit der die nicht so sexy Themen Rente, Gesundheit und Pflege mittlerweile diskutiert werden.
Der Chef der Uniklinik Charité, Heyo Kroemer, macht im Handelsblatt-Interview diese Dringlichkeit noch einmal deutlich. Seine Einschätzung:
Als Leitfigur des deutschen Gesundheitswesens weist Kroemer öffentlich seit Jahren auf diese absehbare Entwicklung hin – „bisher allerdings ohne Effekt“.
Um das Problem anzugehen, bräuchte es einige große Reformen und harte Wahrheiten – zwei Dinge, die der Politik eher schwerfallen. Mein Kollege Julian Olk hat bei der Grünen-Vorsitzenden Franziska Brantner nachgefragt, was ihre Partei sozialpolitisch plant. Brantner schlägt einen Katalog an Maßnahmen vor, um das wankende System wieder zu stabilisieren.
- Die Rente mit 63 möchte Brantner überprüfen.
- Mithilfe eines „Bürgerfonds“ sollen auch Beamte, Selbstständige und Abgeordnete zur gesetzlichen Rente beitragen.
- Alle, die über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten, sollen den Arbeitgeberbeitrag zur Sozialversicherung direkt ausgezahlt bekommen.
An die ganz harten Zumutungen traut sich die Grünen-Chefin allerdings nicht – die Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus befürwortet sie.
Auch SPD-Chefin und Arbeitsministerin Bärbel Bas äußerte sich gestern zu diesen Themen. Im ARD-Sommerinterview blieb sie allerdings vage und wollte ihre Reformideen nicht verraten. Versprechen könne sie jedoch, dass es keine Kürzungen geben werde, sagte Bas.
Wenn die Ministerin da mal nicht den Norbert Blüm macht, der als einer ihrer Vorgänger einst ein ähnliches Versprechen abgab. Wie diese Sache damals ausging, lässt sich heute in den Geschichtsbüchern nachlesen.
Der Bund stärkt aus Versehen die Commerzbank
500 Milliarden Euro will die Bundesregierung mit dem Infrastrukturpaket für zusätzliche Brücken, Schienen und Straßen ausgeben, doch bisher ist ihr damit vor allem eines gelungen: Sie hat die Nachfrage nach Geld ordentlich angekurbelt. Das freut all jene, die Geld anbieten, sprich die Großbanken dieser Republik.
Die Geldhäuser rechnen wegen des spendablen Gemüts der Bundesregierung mit einem deutlichen Anstieg der Kreditnachfrage im Firmenkundengeschäft – wie ein Team aus der Handelsblatt-Finanzredaktion herausgefunden hat.
Vor allem bei der Commerzbank, die sich ja schon seit einiger Zeit vehement gegen die Übernahme durch die italienische Unicredit wehrt, entfacht die Kreditnachfrage des Bundes neue Hoffnung. Zu Beginn des Jahres hatte Deutschlands zweitgrößte Privatbank angekündigt, das Kreditvolumen im Firmenkundengeschäft bis 2028 um fast 35 Prozent steigern zu wollen. Wachstum, das der Bank im Übernahmekampf mit Unicredit helfen würde.
Das Infrastrukturpaket könnte der Commerzbank dabei helfen, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Aber auch andere Geldhäuser – wie die Deutsche Bank, ING oder die Sparkassen – rechnen mit positiven Auswirkungen auf ihr Firmenkundengeschäft.
Krieg in den Sternen
Nicht nur der irdische Transport soll verbessert werden – auch der Traum der deutschen Raumfahrt erlebt ein erstaunliches Comeback. Mehr als 60 Millionen Euro will Bayern investieren, um die Arbeit des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bayern zu unterstützen. Köln hat einen nachgebauten Mond, auf dem die Astronauten der ESA trainieren.
Was auf den ersten Blick anmutet wie die erwachsene Version eines Kindheitstraums, ist in Wahrheit ein echter Boom. In einer Welt, die zunehmend von geopolitischen Spannungen, digitalen Angriffen und Wetterextremen geprägt ist, gewinnt das All neue strategische Bedeutung. Milliarden fließen deshalb in den Weltraum.
Während die Weltrauminvestitionen in Deutschland und Europa nur langsam steigen, gibt vor allem China immer mehr Geld für Technologie im All aus. Das ist strategisch nachvollziehbar. Ob Krisenkommunikation, militärische Überwachung oder Erdbeobachtung – wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert auch die Erde. Beim DLR heißt es mittlerweile:
Was klingt wie ein Zitat aus Star Wars ist eine ernsthafte Bedrohung für Deutschland. Würden etwa China oder Russland Satelliten für einige Tage ausschalten, könnte das einen flächendeckenden Stromausfall in Europa verursachen.
Europa will in Alaska mitreden
Vor dem geplanten Treffen von US-Präsident Donald Trump mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Freitag in Alaska versuchen die Europäer, der Ukraine einen Platz am Verhandlungstisch zu erstreiten.
„Wir können nicht akzeptieren, dass über die Köpfe der Europäer, über die Köpfe der Ukrainer hinweg über Territorialfragen zwischen Russland und Amerika gesprochen oder gar entschieden wird“, argumentierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Er kündigte gestern an, das Thema bei einem Telefonat mit dem US-Präsidenten besprechen zu wollen. Laut Medienberichten zeigt sich Trump offen für eine Dreierrunde unter Berücksichtigung des ukrainischen Präsidenten – Moskau lehnt das bisher allerdings ab.
Wenn die KI immer mehr menschelt
Zum Abschluss noch ein Blick auf die neuen Entwicklungen bei Chat-GPT. Wenn Sie das beliebte KI-Modell aufrufen, werden Sie feststellen, dass Sie dort mittlerweile von GPT 5 begrüßt werden – der neuesten Version des intelligenten Chatbots. Es soll schneller und leistungsfähiger sein, verspricht Entwickler OpenAI.
Außerdem versprach ChatGPT-Chef Nick Turley, die Kommunikation fühle sich „einfach menschlicher“ an. Das kann ich nach einem ersten Test bestätigen. Bei meiner ersten Frage verwechselte „Chatti“, wie die KI in meinem Freundeskreis fast liebevoll genannt wird, die 1990er mit den 1980er Jahren. „Irren ist menschlich“ heißt es ja schließlich. Wenn das so weitergeht, verliert ChatGPT 6 zwischendrin den Faden, vergreift sich im Ton oder vergisst, wo es seine Schlüssel hingelegt hat.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag ohne menschliche Makel.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens